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Rheumatische Arthritis Rheumatoide Arthritis: neue Behandlungsmöglichkeiten

Schmerzende, entzündete Gelenke: Dahinter kann eine rheumatoide Arthritis stecken. Das ist die häufigste rheumatisch-entzündliche Gelenkerkrankung, die Gelenke und Organe zerstören kann. Rund 800.000 Menschen leiden hierzulande darunter. Treffen kann es alle Gelenke, vor allem aber Finger, Zehen, Knie, Ellbogen, Arme aber auch Sehnenscheiden und Schleimbeutel und quasi alle Organe. Die Krankheit verläuft in Schüben. In der Behandlung hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Erst 2020 wurden neue Medikamente zugelassen. Gesundheit! begleitet zwei Patienten und zeigt, was ihnen hilft.

Von: Julia Richter

Stand: 25.01.2021 12:15 Uhr

Los geht es bei Anne Wyrichs am Knie. Das war vor 20 Jahren, damals war sie Ende 40. Kleinigkeiten im Alltag werden plötzlich mühsam, etwa Treppensteigen, Kämmen oder Kartoffelschälen. Die Gelenke sind steif, geschwollen und gerötet. Vor allem morgens hat sie große Schwierigkeiten:

Rheumatoide Arthritis: die Symptome

"Es hat alles weh getan, es war manchmal wirklich so weit, dass ich geheult habe. Die Gelenke wurden dicker, sie schwollen einfach an. Morgens dann im Bett war das teilweise dann so schlimm, dass ich mir überlegt habe, wie komme ich jetzt auf Toilette, wie schaffe ich es, aufzustehen und da hin zu kommen? Weil alles wie eingefroren war."

Anne Wyrichs, Patientin

Dass eine rheumatoide Arthritis auch junge Menschen treffen kann, zeigt der Fall von Michaela. Seit ihrem 28. Lebensjahr ist sie erkrankt. Betroffen sind vor allem Knie und Hände. Die Patientin leidet vor allem unter der Fehlstellung ihrer Finger. Der Alltag mit ihrem kleinem Sohn ist eine Herausforderung.

"Es ist schwierig, mich auf Augenhöhe mit ihm zu begeben, zu ihm auf den Boden zu gehen, im Sandkasten, ihn tragen, alles mögliche aber auch in der Küche. Kochen, Schälen, Essen zuzubereiten. Grundsätzlich, ich versuche es irgendwie anders, aber ich fühle mich da immer schlecht dabei. Man versucht ja schon dem Kind eine Mutter zu sein."

Michaela, Patientin

Rheumatoide Arthritis: So entsteht sie

Bei einer rheumatoiden Arthritis attackiert das Immunsystem den eigenen Körper,  die Immunabwehr ist quasi fehlgeleitet. Verschiedene Abwehrzellen, die eigentlich schädliche Erreger bekämpfen sollen, lagern sich an den Gelenken an und greifen die Gelenkinnenhaut und den Knorpel an. Bis sie schließlich den Knochen zerstören. Viele Patienten leiden zudem unter Müdigkeit, Erschöpfungszuständen, Appetitlosigkeit und Gewichtsabnahme.

So genau man inzwischen versteht, was bei der Krankheit im Körper geschieht, so wenig weiß man, warum sie auftritt.

"Es gibt Risikofaktoren für die Auslösung der Erkrankung. Das ist einerseits mal der genetische Hintergrund. Dann gibt es Risikofaktoren des Verhaltens – zum Beispiel Rauchen erhöht das Risiko an Rheuma zu erkranken, speziell wenn schon Vorerkrankungen in der Familie vorhanden waren. Und was noch ein Risiko für negative Verläufe ist, zum Beispiel die Tatsache, wenn man starkes Übergewicht hat, sich sehr kohlenhydratreich ernährt und ähnliches."

Dr. med. Martin Welcker, Rheumatologe und Internist, Planegg

Rheumatoide Arthritis: schwierige Diagnose

Oft vergeht sehr viel Zeit, bis ein Patient beim richtigen Facharzt ankommt. Am besten kann der Rheumatologe helfen. Er hat Erfahrung und erkennt auch untypische Verläufe.
Auch bei Anne Wyrichs hat es lange gedauert, bis sie in guten Händen war. Inzwischen hat sie zwei künstliche Knie-Gelenke und eine Schulter-Prothese. Die 67-Jährige hat die Krankheit heute aber gut im Griff. Sie ist optimal eingestellt. Generell gilt: Je früher man die rheumatoide Arthritis erkennt und behandelt, umso besser lässt sich die Gelenkzerstörung vermeiden.

Wichtig ist die Krankheitsgeschichte des Patienten. Der Rheumatologe untersucht zudem genau die betroffenen Gelenke und nutzt auch bildgebende Verfahren wie Ultraschalluntersuchungen oder eine Szintigrafie. Auch Blutuntersuchungen sind von Bedeutung: Rheumafaktoren, Autoantikörper und bestimmte Entzündungsparameter (etwa das C-reaktive Protein) und der sogenannte Rheumafaktor können wichtige Hinweise liefern. All diese Kriterien sind hilfreich, jedoch nicht entscheidend. So gibt es immer wieder Patienten, die unter einer rheumatoiden Arthritis leiden aber keine auffälligen Blutwerte zeigen.

Rheumatoide Arthritis: die richtige Behandlung

Im schlimmsten Fall droht eine OP, etwa ein Gelenkersatz oder eine Versteifung. Ziel ist es aber heute, das unbedingt zu vermeiden. Dank neuer Therapien gelingt das immer häufiger.

"Der neue Ansatz ist letztendlich, dass wir sehr schnell intensiv therapieren. Schnell heißt, wir haben in den ersten drei Monaten der Erkrankung ein besonders gutes Behandlungsfenster, wo die Therapeutika sehr schnell und sehr gut wirken. Und wir behandeln so intensiv, dass keine Symptome der Krankheitsaktivität spürbar sind und dass wir die entzündliche, immunologische Aktivität auf Null reduzieren, damit keine Schäden entstehen können."

Dr. med. Martin Welcker, Rheumatologe und Internist, Planegg

Die meisten Patenten bekommen eine Kombination verschiedener Therapien: Ziel ist immer, möglichst rasch die Schmerzen zu lindern und Entzündungsprozesse zu unterbinden.

Rheumatoide Arthritis: die Basistherapie

Zur Basistherapie gehören klassische Rheuma-Mittel wie Methotrexat. Diese Mittel stammen ursprünglich aus der Krebstherapie und hemmen die Zellteilung. Auch andere Wirkstoffe wie Leflunomid oder Ciclosporin werden alternativ oder in Kombination dazu eingesetzt.

Dass es Anne Wyrichs inzwischen gut geht, liegt auch an neuen Medikamenten – zwei Mal im Jahr bekommt sie ein Biologikum gespritzt. Das sind gentechnisch hergestellte Basistherapeutika. Sie erlauben eine gezieltere Hemmung von Entzündungsprozessen.

Neue Therapieoption: Biologika

"Biologika haben die Therapie revolutioniert. Das sind Antikörperstrukturen, die gegen Botenstoffe der Entzündung wirken, sogenannte Zytokine, wie zum Beispiel den Tumornekrosefaktor oder Interleukin-6 oder Interleukin 6-Rezeptor. Diese werden durch die Antikörper abgefischt. Die Konzentration im Gewebe reduziert sich, dadurch gehen die Entzündungsreaktionen zurück. Die Symptome des Patienten klingen ab."

Dr. med. Martin Welcker, Rheumatologe und Internist, Planegg

Diese Mittel setzen also an den Entzündungsbotenstoffen oder deren Rezeptoren an. Die Therapie wird eingesetzt, wenn andere Medikamente nicht vertragen werden oder nichts ausrichten. Biologika sind relativ teuer. Mittlerweil gibt es aber günstigere Nachahmepräparate, sogenannte „Biosimilars“.

Neue Wirkstoffgruppe: JAK-Hemmer

Jahrelang probiert Michaela alles Mögliche aus: Ein Zeitlang haben ihr Biologika gut geholfen, aber dann hat die Wirkung immer wieder nachgelassen. Bis sie vor ein paar Monaten ein ganz neues Mittel probiert, einen sogenannten „JAK-Hemmer“. Er gehört zur Gruppe der sogenannten „small molecules“. Täglich nimmt man eine Tablette.

Seit 2017 sind diese neue Substanzen bei uns zugelassen. Im vergangenen Jahr kam der vierte Wirkstoff auf den Markt. Sie greifen ähnlich den Biologika ins Immunsystem ein und sind sehr kleine Moleküle. Sie können als Tablette eingenommen werden.

Prof. Dr. Schulze-Koops leitet die Rheuma-Einheit an der Universität München und kennt einige Patienten, die von den Mitteln profitieren.

"Diese Medikamente hemmen die Entzündungskaskade, indem sie in Zellen des Immunsystems die Weitervermittlung von wichtigen Informationen blockieren, die im Rahmen einer Entzündung von Zelle zu Zelle gegeben werden. Damit kann verhindert werden, dass eine entzündliche Reaktion bei Rheuma überhaupt entsteht und zu einer Zerstörung von Gewebe führt."

Prof. Dr. med. Hendrik Schulze Koops, Rheumatologe, Klinikum der Universität München

Regelmäßige Kontrollen der Basistherapie

Wichtig sind regelmäßige Kontrollen, denn all diese Rheuma-Medikamente können auch Nebenwirkungen haben.
Früher befürchtete man, dass Biologika oder andere Basistherapeutika das Infektionsrisiko drastisch erhöhen. Das stimmt so aber nicht. Das Infektionsrisiko wird, wenn überhaupt, nur mäßig bis gar nicht erhöht, eine „Nicht-Behandlung“ hätte gravierendere Folgen. Heute überwiegt in der Behandlung - nach sorgfältiger Analyse - der Nutzen der Therapie. Dennoch sind regelmäßige Kontrollen natürlich wichtig.

"Man muss schauen, dass die Organsysteme das sind insbesondere Niere, Leber und Knochenmark ordentlich funktionieren. Dafür haben wir regelmäßige Laborkontrollen, um zu sehen, dass die Organfunktion nicht gestört wird."

Dr. med. Martin Welcker, Rheumatologe und Internist, Planegg

Akuter Schub: Welche Behandlung kann helfen?

Auch trotz guter Therapie kann es bei Rheuma immer wieder zu Schüben kommen. Akute Entzündungen sieht man im Ultraschall. Ihren letzten „Schub“ hatte Anne Wyrichs im Sommer.

"Ich hab´s gerade noch nach Hause geschafft, bin auf s Bett. Ich konnte nichts mehr machen. Gerade, dass ich mich ausziehen konnte. Ich konnte keine Bettdecke mehr über mich ziehen, die Hände waren ganz schlimm, mein ganzer Körper hat gebrannt."

Anne Wyrichs, Patientin

Akut hilft ihr dann relativ hochdosiertes Kortison. Manche setzen akut auch auf nichtsteriodale Antirheumatika. Fazit: Eine frühe und vor allem passgenaue Therapie ist wichtig, um gefährliche Folgeerkrankungen zu verhindern

"Rheumatische Erkrankungen sind Systemerkrankungen. Das heißt, der gesamte Körper ist letztendlich erkrankt, auch wenn wir die Beschwerden nur an den Gelenken – ursprünglich – sehen. Es gibt aber durch die Entzündungsprozesse Folgen an den Gefäßen, mit deutlich erhöhtem Risiko für zum Beispiel Herzinfarkt und Schlaganfall."

Dr. med. Martin Welcker, Rheumatologe und Internist, Planegg

Rheumatoide Arthritis: Therapie mit Funktionstraining

Ein weiterer Baustein der Therapie ist Bewegung. Neben Physiotherapie und Krankengymnastik am Gerät hilft spezielles Funktionstraining. Los geht es mit immer mit einem Warm Up. Durch spezielle Übungen werden Koordination, Beweglichkeit und Ausdauer geschult. Aber auch die Feinmotorik wird ganz gezielt trainiert. Viele Rheuma-Patienten haben starke Verspannungen, deswegen wird auch an der Körperhaltung gearbeitet.

"Wir wollen Menschen bewegen, nicht nur die kleinen Gelenke sondern den ganzen Menschen. Sie unterstützen für die Aktivitäten, die ihnen wichtig sind für bestmögliche Selbstständigkeit und insgesamt Lebensqualität."

Dr. med. Andreas Winkelmann, Facharzt für Orthopädie, Physikalische Medizin und Rehabilitation, LMU Klinikum München

Studien zeigen: Durch Bewegung brauchten Patienten weniger Medikamente und weniger fremde Hilfe.

"Klar hat man mit Kind immer Bewegung im Alltag. Aber das ist ja doch gezielt für die Haltung und für die ganze Funktionalität. Das tut mir wirklich gut."

Michaela, Patientin

Daneben hilft die physikalische Therapie. Sie wird angewendet in Form von speziellen Bädern, Wärme- oder Kältetherapie, Elektrotherapie, Massagen und weiteren Elementen. All das wird an die Bedürfnisse des jeweiligen Patienten angepasst. Auch Alltagshilfen spielen eine wichtige Rolle: Etwa Knöpf-Hilfen oder Schuhanzieher, um Gelenke zu entlasten.

Auch die richtige Ernährung ist bei der rheumatoiden Arthritis bedeutsam: Empfohlen werden weniger tierische Fette und weniger Fleisch. Auf den Speiseplan gehören Gemüse, Obst und Ballaststoffe.


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