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Restless Legs Syndrom RLS: Was hilft nachts bei ruhelosen Beinen?

Kribbeln, Schmerzen, quälende Unruhe: Das Restless Legs (ruhelose Beine) Syndrom ist eine Krankheit, die an den Nerven zehrt. Denn sobald Betroffene zur Ruhe kommen, also vor allem abends und nachts, fangen die Beine an zu zucken, zu zappeln oder zu brennen. Viele RLS-Patienten leiden deshalb an massiven Schlafstörungen. Gesundheit! zeigt, was hilft und was man beachten muss.

Von: Julia Richter

Stand: 06.09.2019

Bei den Betroffenen können die Missempfindungen recht unterschiedlich sein. Bei  Lisa Seiberl geht es meistens mitten in der Nacht los.

Restless Legs: „Ameisenlaufen“ - die klassischen Symptome

Sie wird durch ihre zuckenden Beine aus dem Schlaf gerissen.

"Das Gefühl ist, wie wenn ich an den Fußsohlen gekitzelt werde. Wie wenn ich im zu heißen Badewasser stehe. Permanent. Es fängt langsam an und wird dann immer stärker. Es geht bis auf den Knochen. Es ist fürchterlich unangenehm und es ist unmöglich sich ruhig zu halten. Es geht einfach nicht."

Lisa Seiberl, Patientin

Dann muss sie sich bewegen: Sie wandert durch das ganze Haus oder durch den Garten. Fernsehen oder ein Buch lesen,all das geht nicht, dafür ist die Unruhe zu groß. Das kennt auch Christa Thalmeir. Sie bügelt mitten in der Nacht.

"Das ist ein Ziehen, ein Kribbeln, ein Ameisenlaufen. Wie wenn aus einem Krampf wieder eine Gliedmaße erwacht. Es ist einfach schrecklich. Und die einzige Hilfe, die du hast, ist eben aufstehen und rumgehen und bewegen."

Christa Thalmeir, Patientin

Bei manchen ist nur ein Bein betroffen, bei anderen beide und in schweren Fällen können sogar Arme und Oberkörper in Mitleidenschaft gezogen sein. Typisch ist für alle Pateinten, dass die Beschwerden durch Bewegung zurückgehen.

Restless Legs: Häufiger als man denkt ...

Heute weiß man, dass bis zu zehn Prozent der älteren Bevölkerung an RLS leiden, allerdings unterschiedlich stark. Nur ein Teil der Patienten hat es so ausgeprägt, dass medikamentös behandelt werden muss.

Fest steht: Restless Legs ist es eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen! Männer trifft es deutlich seltener als Frauen. Bei den meisten Patienten geht es etwa ab dem 40. Lebensjahr los. Experten weisen allerdings darauf hin, dass sogar Kinder betroffen sein können. Hinter einer ADHS-Diagnose kann auch ein Restless-Legs-Syndom stehen.

RLS: Schwierige Diagnose?

Viele Patienten haben einen langen Leidensweg hinter sich, so wie Christa Thalmeir. Jeden Abend war es dieselbe Qual. Sobald die 57-Jährige zur Ruhe kommen wollte, ging es los. Jahrelang war sie getrieben von den eigenen Beinen. Kein Arzt konnte ihr helfen.

Das Problem: Es gibt keinen eindeutigen Blutwert, kein Röntgenbild oder anderen sicheren Befund. Ein erfahrener Neurologe erkennt die Krankheit allerdings recht schnell anhand der klassischen Symptome.

"Die Beschwerden, die zur Diagnosestellung führen, sind einmal Missempfindungen oder Schmerzen. Die werden ganz unterschiedlich beschrieben, vor allem in den Beinen, die mit einem Bewegungsdrang einhergehen. Zum Zweiten werden diese Missempfindungen in Ruhe schlimmer und bei Bewegung besser. Und ein ganz wichtiges Kriterium ist, dass diese Missempfindungen abends und nachts schlimmer sind als tagsüber."

Dr. med. Ilokna Eisensehr, Neurologin München

Neben einigen neurologischen Tests ist es wichtig, auch das Blut zu untersuchen, um Hinweise auf Verstärkerfaktoren zu finden oder um andere Erkrankungen auszuschließen.

Restless Legs: Auswirkungen

Das Problem: Bei den meisten Patienten gehen die Beinbewegungen im Schlaf weiter, oft ohne dass die Betroffenen es merken. Und das kann fatale Folgen haben.

"Abgesehen von der Müdigkeit, die Restless-Legs-Patienten aufgrund ihrer Schlafstörung tagsüber verspüren, gibt es auch Hinweise darauf, dass der gestörte Schlaf bei Restless-Legs-Patienten zu Herz-Kreislauferkrankungen wie Schlaganfall, Herzinfarkt oder Bluthochdruck beiträgt."

Dr. med. Ilonka Eisensehr, Neurologin München

Ist der Schlaf andauernd gestört, leiden die Patienten. Vor allem, wenn im fortgeschrittenen Stadium kaum noch der entspannende Tiefschlaf stattfindet. Deshalb ist die Krankheit auch eine große psychische Belastung.

"Die Beine bestimmen tatsächlich das Leben. Es ist eigentlich schon auch ein psychisches Problem. Der wenige Schlaf nervt einfach, macht sensibel, man ist viel leichter angreifbar. Man hat keine Kraft mehr im Alltag und die Außenstehenden verstehen das gar nicht, weil man ja nichts sieht."

Lisa Seiberl, Patientin

Viele RLS-Patienten klagen über eine zunehmende Isolation, weil sie an immer weniger Dingen teilnehmen können. Ob Kino, Essengehen, Flugreisen - sogar Autofahren: Die ganz alltäglichen Dinge können für die Betroffenen zur Herausforderung werden. 

Restless Legs: Ursachen

Die genaue Ursache für ruhelose Beine ist bis heute nicht bekannt. Prof. Juliane Winkelmann ist weltweit die führende Forscherin auf dem Gebiet.

"Wir wissen, dass das Restless-Legs-Syndrom eine Erkrankung des Zentralen Nervensystems ist. Der Botenstoff Dopamin spielt eine ganz wichtige Rolle, wir wissen allerdings bisher nicht genau wie, zu viel zu wenig. Es kommt zu einer veränderten Nervenübertragung kann man sagen. Aber auch genetische Faktoren sind ganz wichtig. Im Zusammenspiel mit Umweltfaktoren kann es dann dazu kommen, dass die Krankheit ausbricht."

Prof. Dr. med. Juliane Winkelmann, Klinkum rechts der Isar und Helmholtz-Zentrum München

RLS kann auch ausgelöst oder verstärkt werden durch: Eisenmangel, Nierenprobleme, bestimmte Medikamente oder eine Schwangerschaft.

Restless Legs: Behandlung und Therapie

Patienten wie Lisa Seiberl oder Christa Thalmeir, die täglich massiv unter den Beschwerden leiden, werden in der Regel medikamentös behandelt. Die Krankheit ist nicht heilbar, aber sie ist gut behandelbar.

"Da muss man dann ganz individuell entscheiden, was das Beste ist für den jeweiligen Patienten. Es kommen zum Beispiel sogenannte Dopaminergika infrage – L-Dopa oder Dopaminagonisten. Bei sehr schwer betroffenen Patienten setzen wir dann auch tatsächlich Opiate ein. Außerdem kann es, im Zusammenhang mit anderen Beschwerden sinnvoll sein, Antiepileptika einzusetzen."

Prof. Dr. med. Juliane Winkelmann, Klinikum r. d. Isar und Helmholtz-Zentrum München

Welches Mittel und ob Pflaster oder Tablette, welche Dosierung und welcher Wirkstoff genau infrage kommen, all das hängt vom jeweiligen Patienten ab.

Restless Legs: Therapie mit regelmäßiger Kontrolle

Ein häufiges Problem: Anfangs wirken die Mittel in der Regel gut, dann verschlimmern sich die Beschwerden. Der Körper gewöhnt sich mit der Zeit an die Wirkstoffe. In einigen Fällen muss dann die Dosis immer weiter erhöht werden. Ärzte sprechen von Augmentation.

"Deswegen ist es ganz wichtig, dass man die Therapie immer engmaschig überwacht und anpasst für jeden Patienten ganz speziell. Und möglichweise auch mal umstellt im Verlauf der Behandlung."

Prof. Dr. med. Juliane Winkelmann, Klinikum r. d. Isar und Helmholtz-Zentrum München

Die Medikamente haben zum Teil auch heftige Nebenwirkungen.

"Ich bin inzwischen gut eingestellt, aber das Problem ist halt, dass gegen 21 Uhr dann die Müdigkeit kommt. Entweder das Essengehen muss dann schon zu Ende sein oder ich sehe dann zum Beispiel den Film nur bis 21 Uhr und bin halt dann auf der Couch eingeschlafen."

Christa Thalmeir, Patientin

Andere Patienten berichten von einem Kaufrausch oder einer Spielsucht, die infolge der Dopaminpräparate auftreten können.
Wichtig ist bei RLS-Patienten außerdem in der Therapie immer den Eisenspeicherwert zu kontrollieren, da Eisenmangel eine häufige Begleiterscheinung ist.

Restless Legs: Was hilft sonst noch?

Restless Legs: Manchmal helfen kalte Güsse.

Wenn das nächtliche Wandern wieder losgeht, hat jeder Patient seine „Tricks“, um sich abzulenken: Bügeln, stricken oder Spülmaschine ausräumen, Hauptsache man ist beschäftigt. Viele berichten, dass ihnen Kälte hilft: Kalte Güsse, Gels, oder Coolpacks können die Beschwerden etwas lindern. Manchen tut auch eine Beinmassage gut. Wichtig ist, gegen Abend Sport, viel Zucker, Alkohol oder Kaffee zu meiden.

Vorsicht gilt bei alternativen Heilmethoden: Das meiste kostet nur unnötig Geld. Die Wirkung von Akupunktur, Schüssler Salzen oder bestimmten Nahrungsergänzungsmitteln ist bei RLS wissenschaftlich nicht bestätigt.

RLS: In Zukunft behandelbar?

Am Helmholzt-Zentrum in München wird die Krankheit seit Jahren erforscht. Prof. Dr. Winkelmann hofft, dass es in ein paar Jahren ein „maßgeschneidertes“ Medikament für RLS-Patienten gibt.

"Wir haben 19 genetische Faktoren identifiziert, die das Risiko erhöhen, ein Restless-Legs-Syndrom zu entwickeln. Und aufgrund des Wissens, das wir durch diese Faktoren gewonnen haben, sind wir jetzt dabei, neue Möglichkeiten zu entwickeln - neue Medikamente zu entwickeln, mit einem ganz anderen Wirkmechanismus. Und das Ziel ist letztlich, dann individuell für jeden Patienten eine ganz maßgeschneiderte Therapie anzubieten."

Prof. Dr. med. Juliane Winkelmann, Klinikum rechts d. Isar und Helmholtz-Zentrum München


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