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Proteinangereicherte Lebensmittel Was ist dran am Eiweißhype?

Ob Joghurt, Müsli, Brot oder Trinkmilch – zahlreiche Produkte werden inzwischen mit Protein angereichert. Kein Wunder: Proteine liegen im Trend. Soll Eiweiß doch beim Abnehmen helfen und den Muskelaufbau unterstützen. Das Versprechen: Fit, schlank und gesund - dank Eiweiß. Aber stimmt das auch? Gesundheit will es wissen: Machen Eiweiß-Produkte wirklich schlank? Wie viel Protein brauchen wir eigentlich und kann zu viel Eiweiß schaden? Wer muss aufpassen?

Von: Julia Richter

Stand: 09.04.2018

Ohne Eiweiß geht gar nichts ...

Unser Körper braucht Eiweiß. Neben Fett und Kohlenhydraten gehört Eiweiß zu den drei Hauptnährstoffen, ohne die der Organismus nicht überleben kann. Muskeln, Stoffwechsel, Hormonhaushalt, das Zellwachstum – ohne Eiweiß würde nichts funktionieren.

Eiweiß findet sich in zahlreichen Lebensmitteln wie Fleisch, Fisch, Eiern, Milchprodukten wie Quark, Joghurt und Käse, aber auch in Nüssen, und Hülsenfrüchten wie Linsen und Erbsen in Saaten und in Getreide.

Proteinprodukte – ein neues Wachstumssegment

Proteine liegen schon länger im Trend. Sie haben ein gutes Image, gelten als Muskelbooster und Fettkiller. Diesen Hype macht sich die Lebensmittelindustrie zunutze. Inzwischen gibt es im Supermarkt zahlreiche Lebensmittel, die mit Proteinen angereichert sind, wie Müsli, Brot, Trinkmilch, Quark, Käse, Bortaufstrich, Joghurt und Schokoriegel.

Oft sind die Produkte bewusst in dunklen, silbrigen Farben gehalten, werben mit Slogans wie „Erreiche das nächste Level“ oder „Willst Du knackige Muskeln“ und erinnern so an Nahrungsergänzungsmittel.

Damit Lebensmittel wie zum Beispiel Brot, die von Haus aus kohlenhydrathaltig sind, zur Proteinquelle werden, muss die Industrie nachhelfen, also die Produkte anreichern. So steckt im Brot Weizeneiweißkonzentrat, im Müsli Soja- oder Weizen- oder Lupineneiweiß. Aber auch Lebensmittel, die eigentlich von Natur aus Eiweiß erhalten, wie Quark, Käse oder Joghurt werden mit Protein angereichert.

"Hintergrund des Eiweißhypes: Low Carb Diät"

Daneben gibt es noch Produkte die von Natur aus viel Eiweiß enthalten wie Skyr oder Nudeln aus Kichererbsen, die also nicht angereichert wurden und mit dem Zusatz „proteinreich“ werben. Ernährungsexperten wie Monika Bischoff beobachten den Trend schon länger:

"Die Grundidee hinter diesem ganzen Eiweißhype ist eigentlich die Low Carb Diät. Das heißt, wir reduzieren Kohlenhydrate und Fette - und ersetzen das Ganze durch Proteine, also durch Eiweiße. Die Proteine sollen uns beim Abnehmen unterstützen, und beim Muskelaufbau helfen. Auf diese ganze Fitnessschiene ist natürlich die Industrie gesprungen."

Monika Bischoff, Ernährungsberaterin, Zentrum für Ernährungsmedizin und Prävention, München

Für die angereicherten Lebensmittel gilt die sogenannte Health Claims-Verordnung, die gesundheitsbezogene Aussagen regelt. Laut Gesetz darf der Hersteller mit dem Zusatz „Proteinquelle“ weben, wenn mindestens 12 Prozent des Energiegehaltes aus Proteinen besteht. „Hoher Proteingehalt“ darf drauf stehen, wenn mindestens 20 Prozent der Energie aus Proteinen stammt.

Eiweiß-Produkte für Normal-Verbraucher

Die Verbraucher-Organisation Foodwatch hat einen Marktcheck zu Proteinprodukten gemacht und dabei folgenden Trend erkannt:

"Viele von diesen Protein-Produkten richten sich nicht extra an Leistungssportler oder Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen mehr Protein brauchen. Sondern an Dich und an mich, an ganz normale und Verbraucherinnen und Verbraucher. So sagt zum Beispiel Hersteller Bauer, nach eigener Aussage, dass er mit seiner Protein-Milch eine fitnessorientierte und alltagsaktive Zielgruppe anspricht."

Sophie Unger, Foodwatch e.V.

Wie viel Eiweiß brauchen wir?

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt für Erwachsene zwischen 19 und 65 Jahren am Tag offiziell 0,8 Gramm Protein pro Kilo. In der Regel kann das über eine normale ausgewogene Ernährung erreicht werden. In Deutschland gibt es laut DGE eher eine Über- als eine Unterversorgung an Eiweiß. Einige Menschen benötigen allerdings mehr als die 0,8 Gramm:

"Wichtige Personengruppen sind zum Beispiel ältere Senioren. Weil sie weniger essen, weil sie weniger Fleisch mögen. Da sollte man darauf achten, dass sie wirklich mehr Eiweiß zu sich nehmen. Leistungssportler brauchen definitiv mehr Eiweiß und auch chronisch kranke Patienten, wie Krebspatienten. Sie haben einen höheren Grundumsatz und brauchen deswegen mehr."

Monika Bischoff, Ernährungsberaterin, ZEP, München

Hobby-Sportler brauchen kein zusätzliches Protein.

Die DGE gibt für ältere Menschen ab 65 Jahren einen Schätzwert ab, der liegt bei circa 1,0 Gramm Protein am Tag. Das heißt: Nicht einmal Hobby-Sportler, die vier Mal die Woche moderat Sport treiben, brauchen zusätzliches Protein. Für Leistungssportler gilt: Sie müssen je nach Sportart, Wettkampf- und Trainingsphase individuell beraten werden, was die Proteinzufuhr angeht.

Kann zu viel Eiweiß schaden?

Bei gesunden Erwachsenen ist eine Überdosierung unwahrscheinlich. Der Körper signalisiert in der Regel sehr deutlich, wenn er genug Protein aufgenommen hat. Aber es gibt Menschen, die tatsächlich aufpassen müssen:

"Wenn jemand eine Nieren-Insuffizienz oder Probleme mit Gichtanfällen hat, muss er aufpassen. Weil Eiweiß zu Harnstoff abgebaut und über die Nieren ausgeschieden wird - und dann kann es zu Problemen kommen."

Monika Bischoff, Ernährungsberaterin, ZEP, München

Helfen Proteinprodukte beim Abnehmen?

Gerade jetzt im Frühjahr greifen manche gerne zu Proteinprodukten, um überflüssige Pfunde purzeln zu lassen. Der nächste Sommer kommt bestimmt ... Protein soll beim Abnehmen helfen, das hört man immer wieder. Aber stimmt das? Sicher ist: Protein

  • sättigt gut
  • hilft gegen Heißhunger
  • und regt den Stoffwechsel an.

Protein ist kein Allheilmittel beim Abnehmen.

Studien zeigen, dass proteinreiche Kost vor allem in den ersten drei bis sechs Monaten tatsächlich beim Abnehmen helfen kann und Vorteile hat gegenüber einer low-fat-Ernährung. Allerdings verschwindet der positive Effekt nach einiger Zeit. Und ein Allheilmittel ist Protein schon gar nicht.

"Beim Abnehmen ist es immer wichtig, weniger Kalorien zu essen als ich eigentlich täglich brauche. Und wenn das tägliche Kalorienkonto voll ist, dann bringen mir die Proteine auch nichts mehr. Dann können die Proteine auch in Körperfett umgewandelt werden und deswegen ist Protein per se kein Schlankmacher."

Monika Bischoff, Ernährungsberaterin, ZEP, München

Oft viel Zucker in Protein-Lebensmitteln

Im Gegenteil: Der Teufel steckt im Detail: Manche Protein-Lebensmittel enthalten relativ viel Zucker oder Fett: So hat das Protein-Müsli von Oetker auf 100 Gramm 420 kcal und 18 Gramm Fett. Ein Schoko-Müsli vom gleichen Hersteller hat 416 kcal und nur 12 Gramm Fett.

Das Eiweißbrot hat mehr Kalorien und Fett als das Roggenbrot der gleichen Marke.

Das Eiweißbrot von Mestemacher hat 264 kcal und 13,1 Gramm Fett – ein Roggenbrot der gleichen Marke nur 188 Kalorien und 1,1 Gramm Fett. Auch in Protein-Trinkmilch oder in Proteinjoghurts kann unter Umständen viel Zucker stecken. Es lohnt sich also, bei jedem Produkt genauer hinzuschauen, wenn man sich bewusst ernähren möchte.

Helfen Protein-Produkte beim Muskelaufbau?

Wer gezielt Muskeln aufbauen will, braucht Proteine - das steht fest. Studien haben gezeigt, dass vor allem nach dem Training regelmäßige Portionen von hochwertigem Eiweiß helfen.

Laut Ernährungsexperten schadet es nicht, nach dem Training zu einem Eiweißriegel zu greifen. Gerade wenn man unterwegs ist, kann das ein gesunder Snack sein, wenn der Riegel nicht zu viel Zucker enthält.

Gut für den Muskelaufbau: ein Mix aus tierischem und pflanzlichem Eiweiß.

Aber beim Thema Muskelaufbau gilt: Es müssen keine extra Protein-Produkte sein. Eiweiß ist nämlich nicht gleich Eiweiß. Es gibt Proteine, die der Körper besonders gut verwerten kann. Man spricht in dem Zusammenhang von einer hohen biologischen Wertigkeit. Die höchste biologische Wertigkeit haben natürliche Proteine – am besten ist ein Mix aus tierischem und pflanzlichem Eiweiß wie beim Bauernfrühstück, bei Pfannkuchen oder Pellkartoffeln mit Quark. Das sind gute Rezepte, um den Körper mit Protein zu versorgen.

Übrigens: Wer mal eine kurze Diät macht, braucht auch nicht gleich zu Protein-Produkten greifen, um damit seine Muskeln zu erhalten. Der Körper baut nicht sofort Muskeln ab. Das kann allerdings passieren, wenn jemand zu lange eine Diät macht und deshalb zu wenig Eiweiß zu sich nimmt.

Allergiker aufgepasst...

In vielen angereicherten Protein-Produkten finden sich Soja oder Lupinen. Vor allem Soja ist als Allergen bekannt. Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt schon seit ein paar Jahren vor dem Allergie-Potenzial von Soja. Dabei kann es bei Betroffenen nicht nur zu einer Primärreaktion auf das Soja kommen, auch Birkenpollenallergiker können reagieren. Man spricht dann von einer Kreuzallergie. Menschen mit einer Birkenpollenallergie können also beim Verzehr von Sojaprodukten allergische Reaktionen zeigen – das kann vom Juckreiz über Schwellungen bis hin zum anaphylaktischen Schock gehen.

Außerdem stecken in manchen Protein-Produkten Zusatzstoffe, auf die empfindliche Menschen reagieren können. Ein Blick auf die Zutatenliste lohnt sich, denn irgendwo muss das zusätzliche Eiweiß schließlich herkommen.

Proteinprodukte kosten oft mehr Geld

Unser Fazit: Für Verbraucher lohnt sich der Eiweiß-Hype nicht. Für die Hersteller umso mehr – denn Protein-Produkte kosten in der Regel mehr Geld als vergleichbare Produkte ohne Protein.

"Unser Foodwatch-Marktcheck hat gezeigt, dass Produkte, die mit Extra-Protein werben, bis zu zweieinhalb Mal teurer sein können als vergleichbare Produkte vom gleichen Hersteller. Das ist aus Sicht von Foodwatch irreführende Werbung. Das ist leider ganz legal aber ein Marketingtrend, der Verbrauchern das Geld aus der Tasche zieht."

Sophie Unger, Foodwatch e.V.


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