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Viele Fragen, viele Unsicherheiten: Priorisierung für AstraZeneca-Impfstoff aufgehoben

Alle ab 18 Jahren können sich in Bayern mit dem Impfstoff von AstraZeneca impfen lassen. Das hat einen Run auf Impftermine ausgelöst – aber auch Unsicherheit bei Ärzten. Denn die Ständige Impfkommission empfiehlt den Impfstoff nur für Menschen älter als 60. Auch die Zweitimpfung mit AstraZeneca sorgt für Ungewissheiten.

Von: Veronika Scheidl

Stand: 27.04.2021

Es war die große Überraschung in der vergangenen Woche: In Bayern dürfen nun alle ab 18 Jahren mit dem Vektorimpfstoff „Vaxzevria“ von AstraZeneca geimpft werden – unabhängig von der Priorisierung oder dem Alter. Das hatte Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) in der Rundschau im Bayerischen Fernsehen verkündet.

Vier Bundesländer kippen Priorisierung

Neben Bayern haben auch die Bundesländer Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin die Priorisierung beim AstraZeneca-Impfstoff aufgehoben – dabei empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) den Impfstoff nur für Menschen ab 60 Jahren.

Jüngere Menschen können und sollen demnach nur nach einer individuellen Risikoanalyse und sorgfältigen Aufklärung durch den Arzt geimpft werden. Hintergrund ist die sehr seltene Nebenwirkung der Hirnvenenthrombosen, die überwiegend bei Menschen jünger als 60 Jahren nach der Impfung mit AstraZeneca auftritt. Stand Mitte April gab es in Deutschland 59 Fälle von Hirnthrombosen nach mehr als 4,2 Millionen Erstimpfungen mit Astrazeneca, darunter zwölf Todesfälle.

Ärzte sind unsicher wegen Haftung

Seit der Aufhebung der Priorisierung bei AstraZeneca werden bayerische Fachärzte und Hausärzte überrollt mit Anfragen, denn viele Menschen wollen schnell einen Impftermin ergattern. Die meisten gehen aber leer aus. Zum einen gibt es in dieser Woche keine frischen Lieferungen vom Bund mit dem AstraZeneca-Impfstoff – und zum anderen ist da die Unsicherheit bei den Ärzten, was die Haftungsfrage bei eventuellen Impfschäden betrifft.

So denkt auch der Allgemeinarzt Dr. Oliver Abbushi aus Oberhaching. Er impft weiterhin erstmal nur die Über-60-Jährigen mit AstraZeneca.

"Die Ständige Impfkommission empfiehlt einen Impfstoff ab 60. Die STIKO ist das Institut, das für uns maßgeblich ist, wenn wir entscheiden, ob wir impfen oder nicht. Und auf der anderen Seite entscheidet eine Staatsregierung jetzt, dass alle ab 18 freiwillig geimpft werden können. Das ist nicht einfach. Wir müssen uns jeden Patienten einzeln anschauen, müssen überlegen, ob der wirklich überhaupt keine Risikofaktoren mit sich bringt."

 Dr. med. Oliver Abbushi, Facharzt für Allgemeinmedizin, Oberhaching

Doch Christian Bogdan von der Ständigen Impfkommission sagt: Die Sorge wegen der Haftung sei unbegründet. Denn der Impfstoff sei für alle ab 18 Jahren zugelassen –  damit hafte das Land. Voraussetzung aber sei eben die ärztliche Aufklärung – besonders über das Risiko der sehr seltenen Hirnvenenthrombosen. „Jede Impfung, nicht nur jetzt die Covid-19 Impfung erfordert immer eine Risiko-Nutzen-Abwägung. Das wird nur leider gerne vergessen“, sagt Bogdan. Der Patient müsse vom Arzt oder der Ärztin immer über Wirkung, Nebenwirkung und Sicherheit und Wirksamkeit aufgeklärt werden.

Erstimpfung AstraZeneca, Zweitimpfung Biontech?

Wegen des bislang noch nicht vollständig geklärten Risikos von Hirnvenenthrombosen empfiehlt die Ständige Impfkommission zudem: Unter 60-Jährige, die bei der Erstimpfung AstraZeneca bekommen haben, sollen bei der Zweitimpfung stattdessen einen mRNA Impfstoff wie Biontech erhalten.

Genauere Zahlen gibt es laut Robert-Koch-Institut noch nicht, aber es betrifft mindestens 2,2 Millionen Menschen in Deutschland. Darunter auch Tina Sperling aus München. Sie hatte Anfang März über ihren Arbeitgeber ihre Erstimpfung mit AstraZeneca, denn die 28-Jährige arbeitet im medizinischen Bereich. Die Empfehlung der STIKO, sich Biontech statt AstraZeneca für die Zweitimpfung spritzen zu lassen – das verunsichert Sperling. Sie fühle sich wie eine Testperson.

Noch laufen klinische Studien zu solchen Kreuzimpfungen, unter anderem in England. Die STIKO jedenfalls ist zuversichtlich, sagt Christian Bogdan:

"Im Moment kann man davon ausgehen, basierend auch auf den tierexperimentellen Daten, dass es hier zu einer sehr guten Immunantwort kommt."

Prof. Dr. med. Christian Bogdan, STIKO-Mitglied, Direktor Mikrobiologisches Institut Universitätsklinikum Erlangen

Denn die mRNA-Impfstoffe hätten genauso wie die Astrazeneca-Impfung das gleiche Ziel-Antigen im Visier – darum sei es immunologisch kein Problem, nach einer ersten AstraZeneca-Impfung eine zweite Impfung zu geben mit einem anderen Impfstoff.

Doch die Empfehlung der Ständigen Impfkommission stößt auch auf Kritik – so wie beim Bonner Virologen Hendrik Streeck. Er rät, die klinischen Studien zu den Kreuzimpfungen abzuwarten – und besser auch bei der Zweitimpfung den AstraZeneca-Impfstoff zu verwenden.

"Es gibt viele Impfstoffe, die auf Vektoren basieren und die nicht die Nebenwirkung einer Sinusvenenthrombose zeigen. Daher müssen jetzt erst mal schauen ob es eine vektorspezifische Nebenwirkung ist oder aber eine Nebenwirkung, die generell bei einer Impfung gegen das Coronavirus auftritt."

Prof. Dr. med. Hendrik Streeck, Direktor Institut für Virologie, Universitätsklinikum Bonn

Sonderimpfaktionen mit AstraZeneca kommen gut an

Trotz des Hin und Her um AstraZeneca: Tausende Menschen wollen sich damit impfen lassen. Das zeigen viele Sonder-Impfaktionen, wie etwa auch im oberbayerischen Landkreis Mühldorf am Inn. Am den vergangenen beiden Wochenenden konnte sich jeder ab 18 Jahren mit AstraZeneca impfen lassen - ganz unabhängig von Priorisierung und Alter.

Der Landkreis Mühldorf hatte in den vergangenen zwei Wochen eine Sieben-Tages-Inzidenz von stets mehr als 300 -  darum ist es Landrat Max Heimerl wichtig, dass möglichst viele Menschen sich impfen lassen.

"Es nehmen Menschen aus allen Jahrgängen dieses Impfangebot an, die sagen: Das ist jetzt die einmalige Chance, relativ schnell geimpft zu werden. Wenn wir das Angebot jetzt nicht annehmen, dann dauert es vielleicht noch Monate, bis wir regulär einen Termin angeboten bekommen."

Max Heimerl, Landrat Mühldorf am Inn

Die Menschen, die bei den offenen Impftagen im Landkreis Mühldorf geimpft werden – sie bekommen laut Heimerl auch bei der Zweitimpfung AstraZeneca.

Wahl zwischen Biontech und AstraZeneca

Bei Tina Sperling aus München steht die Zweitimpfung Anfang Juni an. Ihr Arbeitgeber hat bereits angekündigt, dass sie die Wahl haben wird zwischen dem Impfstoff von AstraZeneca oder BionTech.

"Ich werde mich für AstraZeneca entscheiden, weil ich es gut vertragen habe. Und ich nicht genau weiß, wie Biontech auf mich wirken wird."

Tina Sperling


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