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Post-Vac-Syndrom Nebenwirkungen nach der Corona-Impfung

Müdigkeit, Erschöpfung, neurologische Ausfälle, Kurzatmigkeit: Eine Corona-Infektion kann schwere Langzeitfolgen haben und das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen. Doch solche Symptome können auch nach einer Corona-Impfung auftreten – wenn auch nur sehr selten.

Author: Veronika Scheidl

Published at: 5-7-2022

Für seinen Untersuchungstermin am Universitätsklinikum Marburg ist Bernd Schwarzbach mehr als drei Stunden mit dem Auto gefahren – der 37-Jährige würde noch deutlich mehr Zeit in Kauf nehmen, sagt er. Das sei es ihm wert. Denn hier in der Marburger Post-Vax-Ambulanz habe er endlich eine Anlaufstelle gefunden. In der Ambulanz werden Menschen behandelt, bei denen langanhaltende, teils schwerwiegende Beschwerden nach einer Corona-Impfung aufgetreten sind. Bei Bernd Schwarzbach etwa traten Schmerzen und ein Druckgefühl in der Brust auf.

"Ich wurde zweimal geimpft letztes Jahr. Und die ersten Symptome traten drei Tage nach der Impfung auf, angefangen mit einem leichten Schwindel und Schwummern. Zwei Wochen nach der ersten Impfung fing es dann an mit sehr diffusen Kopfschmerzen, Kribbeln in Gliedmaßen und im Hinterkopf"

- Bernd Schwarzbach, Post-Vac-Patient

Post-Vax-Amulanz Marburg untersucht Patienten ganz genau

Vor sechs Wochen wurde Bernd Schwarzbach bei seinem ersten Termin in Marburg gründlich untersucht, unter anderem mit Blutabnahme, Belastungs-EKG, Ultraschall vom Herzen und einer genauen Anamnese. Vorerkrankungen, die möglicherweise auch solche Symptome auslösen, konnten die Ärzte so ausschließen, sagt die betreuende Assistenzärztin Ann-Christin Schäfer. "Sodass man im zeitlichen Zusammenhang der Impfung zum Auftritt der Symptome den Verdacht stellen kann, dass die Impfung die Ursache für diese entzündliche Überreaktion des Immunsystems ist." Zur Kontrolle wird Bernd Schwarzbach heute erneut Blut abgenommen. Dann geht es wieder auf das Ergometer zum Belastungs-EKG.

Post-Vac-Syndrom: Symptome wie bei Long Covid

Mehr als 250 Menschen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden seit Anfang des Jahres im Uniklinikum Marburg behandelt. Betroffen sind vor allem sportliche Menschen und junge Frauen, sagt Kardiologe Bernhard Schieffer.

"Sie haben Symptome, die wir alle heute als Long Covid kennen. Und wir sagen, es gibt diese Long Covid-Symptome nach einer Corona-Infektion. Und es gibt sie in sehr, sehr geringem Maße, aber es gibt sie auch im Rahmen oder infolge einer Corona-Impfung."

- Prof. Dr. med. Bernhard Schieffer, Direktor Klinik für Kardiologie, Angiologie und internistische Intensivmedizin, Universitätsklinikum Marburg

Der Kardiologe schätzt die Quote auf 0,02 Prozent – bei etwa 183 Millionen Impfungen in Deutschland.  Die Warteliste für die Marburger Sprechstunde ist mit knapp 3.000 Menschen ziemlich lang – das bedeutet aber nicht, dass diese Menschen tatsächlich das Post-Vac-Syndrom haben, sagt Kardiologe Schieffer.

Ständige Impfkommission: Verdachtsfälle genau untersuchen

Die Ständige Impfkommission (STIKO) nimmt das Post-Vac-Syndrom ernst. Doch sie ist vorsichtig, wenn es um Schätzungen zur Anzahl der Betroffenen geht:

"Im Moment ist es sehr schwer, außerhalb von kontrollierten Studien und außerhalb von dezidierten Beobachtungsanalysen, wo man wirklich die Leute dann nach der Impfung verfolgt, Aussagen zu treffen, wie häufig ein solches Post-Vac-Syndrom auftritt"

- Prof. Dr. med. Christian Bogdan, Ständige Impfkommission (STIKO)

Der Erlanger Infektionsimmunologe Christian Bogdan betont, dass jeder einzelne Verdacht genau ärztlich untersucht werden müsse. "Wenn ich also sagen kann, dass ich vor fünf Tagen, vor einer Woche oder vor zwei Wochen geimpft worden bin und jetzt habe ich plötzlich ein Problem, dann heißt es natürlich noch nicht, dass dieses Problem durch die Impfung bedingt ist. Symptome wie Fatigue, Leistungsknick oder Erschöpfungszustände könnten auch durch eine Vielzahl von Erkrankungen aller Art verursacht werden."

Betroffene sollten sich an Ärztinnen und Ärzte wenden, die "Differentialdiagnose betreiben können", um mögliche Vorerkrankungen zu entdecken oder ausschließen zu können, sagt Immunologe Bogdan.

Kaum Anlaufstellen für Betroffene

Doch Betroffene wissen oft gar nicht, an wen sie sich wenden können mit ihrem Verdacht und gehen von Arztpraxis zu Arztpraxis. Das berichtet auch die Münchnerin Pamina Füting. Die dreifach Geimpfte ist sich sicher, dass sie das Post-Vac-Syndrom hat:

"Für mich ist es natürlich ganz eindeutig, dass es einen Zusammenhang gibt. Ich weiß nicht genau, wie der aussieht. Aber ich habe nach zwei Impfungen diese extreme Verschlechterung gespürt"

- Pamina Füting, Post-Vac-Patientin

Noch vor einem Jahr ist die 29-Jährige viel in den Bergen gewandert – heute sind bereits ein paar Treppenstufen anstrengend. Schon seit Monaten ist sie krankgeschrieben. Schwindel, Erschöpfung, Muskel- und Kopfschmerzen, Konzentrationsschwierigkeiten, ein Puls von 170 beim Spazierengehen. Ein Kardiologe verschreibt ihr Betablocker, vermutet, dass sie eventuell auch eine Herzmuskelentzündung gehabt haben könnte. Doch mehr konnte man nicht für sie tun, sagt Pamina Füting. Diese Erfahrung hat auch Josef Deischl gemacht, der seit Monaten mit Schwindel und neurologischen Ausfällen kämpft und in Pamina eine Mistreiterin gefunden hat. Andere Erkrankungen wurden bei den beiden nicht festgestellt, sagen sie. Weiterhelfen konnte ihnen niemand.

"Das demotiviert, weil man überhaupt keine Perspektive hat. Man weiß nicht, wie lange das noch gehen wird, wieviel Monate sich das hinziehen wird. Wird es überhaupt irgendwann mal besser?"

- Josef Deischl, Post-Vac-Patient

Behandlungserfolge in Marburg

Dass es besser werden kann, zeigt das Beispiel Bernd Schwarzbach. Die Kontrolluntersuchung in der Marburger Klinik ergibt, dass seine Entzündungswerte besser sind als noch vor sechs Wochen. "Da ist noch nicht alles komplett abgeheilt. Aber es bewegt sich absolut in die richtige Richtung", sagt Kardiologe Prof. Schieffer. In Marburg werden die Betroffenen je nach Beschwerdebild mit Medikamenten behandelt. Bei allen soll das Immunsystem gestärkt werden – zum Beispiel mit der gezielten Gabe von Vitamin D, mit moderatem Ausdauertraining und histaminarmen Lebensmitteln.

Bernd Schwarzbach ist zufrieden, auch wenn es noch ein paar Monate dauern wird, bis er wieder da ist, wo er früher einmal war: "Weiter die Medikamente einnehmen, regelmäßig bewegen, Sport machen, aber eben nicht übertreiben, was Belastung angeht. Da bin ich auf einem guten Weg", sagt der 37-Jährige.

Gründe für Post-Vac-Syndrom werden noch untersucht

Warum und wie es zum Post-Vac-Syndrom kommt, dazu gebe es bislang nur "viele Hypothesen, aber wenig Bewiesenes", sagt der Marburger Kardiologe Bernhard Schieffer. Eine der Hypothesen betrifft das Spike-Protein: "Wir impfen mit einem Antigen, das in zentrale Regulationsmechanismen des Kreislaufs und des Nervensystems eingreift, das Renin-Angiotensin-System. Dieses System wird damit in Richtung einer eher entzündungssteigernden, blutdrucksteigernden und Herzrasen steigernden Balance geschoben. Dieses Ungleichgewicht führt dazu, dass ein Entzündungsprozess angestoßen wird, der sich dann verselbstständigt", erklärt Schieffer.

Trotz seltener Risiken: Klare Empfehlung für Corona-Impfung

"Niemand kann den Nutzen dieser Impfung abstreiten. Wir haben von der Impfung massiv profitiert"

- Prof. Dr. med. Christian Bogdan, Ständige Impfkommission (STIKO)

Mit Blick auf den Herbst empfiehlt Kardiologe Bernhard Schieffer, sich gegen Corona impfen zu lassen – denn der Nutzen überwiege bei Weitem die Risiken, sagt er. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass ein Patient nach einem milden Verlauf einer Corona-Infektion Long Covid bekommt, liegt bei 20 bis 30 Prozent.

Auch die Ständige Impfkommission rät dazu, sich impfen zu lassen. Es gebe ein eindeutiges und großes Übergewicht auf der Seite des Nutzens.


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