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Heilen mit Pflanzen? Wie wirksam sind pflanzliche Arzneimittel?

Pflanzen sind ein wichtiger Bestandteil der Medizin. Menschen nutzen schon seit Jahrtausenden die Heilkräfte der Natur, um Beschwerden zu lindern und Krankheiten zu heilen. Aber lassen sich die überlieferten Wirkungen wissenschaftlich tatsächlich nachweisen? Wieviel Heilkraft steckt in den Arzneipflanzen?

Von: Veronika Scheidl

Stand: 20.05.2019

Im Münchner Kräutergeschäft von Sabine Bäumler gibt es über 1.000 Heil-, Arznei- und Kräuterpflanzen zu kaufen: getrocknet, als Tee und Mischungen, verarbeitet zu Ölen, Säften und Salben.

"Die Menschen, die hierherkommen, setzen auf den Gesundheitseffekt der Heilpflanzen. Die wissen, dass eine Kamille entzündungshemmend wirkt, dass Brennnessel eine gute Nierenpflanze ist und ausleitend arbeitet."

Sabine Bäumler, München

Doch sind die Wirkungen der Heilpflanzen wissenschaftlich nachweisbar?

Heilpflanzen-Analyse: Was steckt wirklich in den Pflanzen?

Heilpflanzen: Viele Wirkungen sind inzwischen wissenschaftlich belegt.

Mit dieser Frage beschäftigt sich der Pharmazeutische Biologe Prof. Robert Fürst an der Uni Frankfurt. Er betreibt zusammen mit seinen Studenten Grundlagenforschung, untersucht mit ihnen derzeit die Blutwurz. Diese Pflanze wird in Afrika gegen Entzündungen genutzt.

"Wir wollen die Pflanze analysieren und auf ihre Wirkung schließen. Wir fragen uns: Ist die Anwendung als traditionell entzündungshemmendes Mittel wirklich gerechtfertigt?"

Prof. Dr. rer. nat. Robert Fürst, Institut für Pharmazeutische Biologie, Goethe Universität Frankfurt am Main

Heilpflanzen rationalisieren: Welche Wirkungen sind nachweisbar?

Heilpflanzen: Traditionelles Wissen kann oft bestätigt werden.

Der Biologe betreibt die Rationalisierung traditioneller Wirkungen. Wie aktuell zum Beispiel die Blutwurz wurden in den vergangenen Jahrzehnten einige traditionelle Arzneipflanzen auf ihre Wirkung hin erforscht. Bei einigen Pflanzen konnten in kontrollierten, klinischen Studien positive Wirkungen belegt werden, sie sind damit rationalisiert.

Zu diesen rationalen Arzneipflanzen gehören zum Beispiel der Efeu (wirkt schleimlösend), Meerrettich (wirksam bei Harnwegsinfektionen) oder auch Lavendel. In dessen Blüten stecken ätherische Öle, die innere Unruhe und Angstgefühle lindern können.

Phytopharmaka: Beispiel Ginkgo

Ginkgo ist eine asiatische Pflanze, die man sofort mit Gehirn und Gedächtnissteigerung verbindet. Auch bei ihr lässt sich eine Wirkung wissenschaftlich belegen.

"Ginkgo ist eine faszinierende und eine der am besten untersuchten Arzneipflanzen. Es gibt dutzende klinischer Studien, die nachweisen, dass bei leichten Demenzformen zwar keine Wunder zu erwarten sind, aber zumindest ein Voranschreiten der Krankheit im gewissen Maße gebremst werden kann."

Prof. Dr. rer. nat. Robert Fürst, Institut für Pharmazeutische Biologie, Goethe Universität Frankfurt am Main

Kapland-Pelargonie, Johanniskraut und Ginkgo: Drei Pflanzen mit medizinischem Potential.

Ginkgo wird in der Schulmedizin verwendet und verschrieben, ist ein rationales Arzneimittel geworden. Auch in der Bochumer Blankenstein Klinik für Naturheilkunde kommt Ginkgo zur Anwendung. Gesundheit! trifft Oberarzt Dr. Stefan Fey bei der Visite einer Patientin mit akutem Tinnitus. Wie bei leichten Demenzen kann auch hier Ginkgo helfen.

"Da Ginkgoextrakte auch zugelassen sind als Arzneimittel gegen Tinnitus, wird er hier schwerpunktmäßig eingesetzt. Die Alternative wäre schulmedizinisch ein Cortison, und das möchten wir möglichst vermeiden."

Dr. med. Stefan Fey, Blankenstein Klinik, Bochum

Arzneipflanzen: Auch Ärzte setzen auf die Wirkstoffe von Pflanzen.

Jeden Tag nimmt die Patientin ein hochdosiertes Ginkgo-Präparat ein. Ihr Kopf wird besser durchblutet, das Ohrgeräusch soll dadurch nachlassen.

Wirksam gegen Verstimmungen: Beispiel Johanniskraut

Eine andere Patientin, Catarina Neuschäfer, leidet nach einem Schicksalsschlag seit einigen Monaten an Stimmungsschwankungen. Sie durchlebt immer wieder depressive Momente.

"Als ich hergekommen bin, war ich so ein bisschen mutlos. Mir fehlte einfach der innere Antrieb."

Catarina Neuschäfer

Zur ganzheitlichen Behandlung bekommt sie auch ein verschreibungspflichtiges Johanniskraut-Extrakt.

"Wie bei vielen Phytotherapeutika ist es wichtig, das ausreichend hochdosiert es angewandt werden muss. Beim Johanniskrautextrakt ist es wichtig, dass man 900 mg Extrakt hat. Das kann man als Einmaldosis morgens geben oder dreimal über den Tag verteilt. Da in der Regel morgens die Stimmung am schlechtesten ist, ist es am besten, es morgens zu geben, man will ja aus dem Stimmungstief heraus."

Dr. med. Stefan Fey, Blankenstein Klinik, Bochum

Eine erste Wirkung setzt bei Phytopharmaka ähnlich wie bei chemischen Mitteln nach zehn bis zwanzig Tagen ein. Catarina Neuschäfer geht es unter anderem dank des Johanniskrauts schon besser. Sie muss die Arznei aber noch einige Monate einnehmen, um langfristig stabil zu sein.

Beispiel Efeu und Kapland-Pelargonie

Heilpflanzen: Welche Pflanzenteile haben welche Wirkung?

Das größte Einsatzgebiet der Phytopharmaka sind Erkältungskrankheiten. Efeu etwa löst den Schleim in den Atemwegen. Gegen Husten hilft nachweislich auch die Kapland-Pelargonie. Sie stammt ursprünglich aus Südafrika.

"Das ist eine Arzneipflanze, deren Wurzeln eingesetzt werden. Es wird ein Extrakt gemacht, der dann gut bei Erkältungskrankheiten, bei Bronchitis, wirkt, und klinisch gut untersucht ist. Das kann man durchaus empfehlen."

Prof. Dr. rer. nat. Robert Fürst, Institut für Pharmazeutische Biologie, Goethe Universität Frankfurt am Main

Auch im Klinikum Bochum bekommen Bronchitis-Patienten einen Pelargonium-Extrakt, der antibakteriell und antiviral wirken und das Immunsystem anregen soll.

Phytotherapie ist keine Homöopathie

Wissenschaftler rationalisieren Arzneipflanzen: Ihre Wirkung wird wissenschaftlich nachgewiesen.

Wissenschaftler Fürst weist darauf hin, dass sich die Phytotherapie klar von der Homöopathie abgrenzt. Auch wenn einige der Arzneipflanzen in der Homöopathie verwendet werden, geschehe dies aber nach einem ganz anderen Grundsatz.

"Homöopathie ist eine ganz andere Welt und hat nichts mit der rationalen, naturwissenschaftlichen Herangehensweise zu tun."

Prof. Dr. rer. nat. Robert Fürst, Institut für Pharmazeutische Biologie, Goethe Universität Frankfurt am Main

Heilpflanzen: Spannendes Forschungsfeld für die Wissenschaft

Für die Wissenschaft sind Arznei- und Heilpflanzen ein spannendes Forschungsfeld. Denn die Vielfalt an Arzneipflanzen ist groß und noch lange sind nicht alle Wirkungen erforscht. 

"Oftmals hat man Hinweise aus alten Schriften, für was die Pflanze eingesetzt wurde. Und das zu rationalisieren, also nachzuweisen, was sich die Altvorderen so gedacht haben, ob das auch tatsächlich so ist in der Zelle, im Tier und vor allem auch im Menschen, da haben wir schon noch Vieles zu tun."

Prof. Dr. rer. nat. Robert Fürst, Institut für Pharmazeutische Biologie, Goethe Universität Frankfurt am Main


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