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Volkskrankheit Parodontitis Was tun für den Erhalt der Zähne?

Wer glaubt, Karies sei das alleinige Übel für die Zahngesundheit, irrt gewaltig. Etwa 50 bis 60 Prozent der Bevölkerung leiden an Parodontitis, einer chronisch entzündlichen Erkrankung des Zahnbettes. Je älter die Menschen, desto weiter ist Parodontose verbreitet.

Von: Antje Maly-Samiralow

Stand: 03.05.2021

Ursächlich sind Beläge, die auch als Zahnplaque oder als Biofilm bezeichnet werden. Dieser Biofilm besteht zum überwiegenden Teil aus Bakterien, die natürlicherweise den Mundraum besiedeln und die einen klebrigen Belag bilden, der an den Zahnoberflächen haftet.

Beläge lösen Entzündungen aus

Durch gründliches Zähneputzen lassen sich diese Beläge weitgehend entfernen. Allerdings erstreckt sich die Plaquebildung nicht nur auf die Vorder- und Rückseiten sowie die Kauflächen der Zähne, von wo sie relativ gut entfernt werden können. Vor allem die Zahnzwischenräume, die je nach individueller Beschaffenheit der Zähne 20 bis 30 Prozent der Zahnoberfläche ausmachen, werden beim normalen Putzen kaum bis gar nicht erreicht und zwar unabhängig davon, ob man mit der Handzahnbürste oder einer elektrischen Zahnbürste putzt. Gleiches gilt für den Zahnfleischsaum, den Übergang vom Zahn zum Zahnfleisch.

Werden diese Beläge nicht regelmäßig entfernt, lösen sie chronische Entzündungen des Zahnfleischs aus mit schwerwiegenden Folgen für die Gesundheit.

Bei diesen Entzündungsprozessen werden das Zahnfleisch und der Zahnknochen geschädigt und zunehmend zerstört. Auch das Zahnfleisch zieht sich zurück. Mit der fortschreitenden Zerstörung der Zahnverankerung verlieren die die Zähne ihren Halt und gehen letztlich verloren.  

Zähne das ganze Leben erhalten

Während zahnlose Menschen in früheren Dekaden keine Seltenheit waren, hat sich das öffentliche Bild diesbezüglich deutlich verändert. Das ist nicht allein den hochentwickelten Zahnersatzkonzepten geschuldet, sondern maßgeblich auch auf eine in breiten Teilen der Bevölkerung etablierte Mundhygiene zurückzuführen.

Der Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer Prof. Christoph Benz sieht deutliche Hinweise, dass sowohl die häusliche als auch eine professionelle Zahnreinigung das Entzündungsgeschehen der Parodontitis deutlich verringern.

"Heute muss niemand mehr seine Zähne verlieren. Wir haben die wissenschaftlichen Daten, dass der Zahnhalteapparat mit dem entsprechenden Engagement – also regelmäßig zum Zahnarzt zu gehen und sich auch selbst zu engagieren – völlig entzündungsfrei bleiben kann und die Zähne das ganze Leben erhalten werden können. Und wir sehen natürlich auch, dass diejenigen Patienten, die bereits an einer Parodontitis erkrankt sind, diese soweit unter Kontrolle bringen können, dass die Entzündungsprozesse zur Ruhe kommen, dass Zahnfleischtaschen sich auch wieder zurückbilden können."

Prof. Dr. Christoph Benz, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer

Parodontitis befeuert systemische Erkrankungen

Die Eindämmung des oralen Entzündungsgeschehens ist nicht nur für die Zahngesundheit und den Zahnerhalt essenziell. Die Bedeutung parodontaler Entzündungen für die Entstehung chronischer systemischer Erkrankungen, vor allem des Herz-Kreislaufsystems, ist evident.

Dr. Wolfgang Zimmer, der ausschließlich Patienten mit Parodontitis behandelt, beschreibt diesbezüglich klare Zusammenhänge.

"Wir wissen, dass Patienten mit schweren und vor allem langjährigen Verläufen einer Parodontitis ein um 50 Prozent erhöhtes Risiko für systemische Erkrankungen haben. Dazu zählen arteriosklerotische Erkrankungen wie Bluthochdruck sowie ein erhöhtes Risiko für Herz- und Hirninfarkt, Diabetes, Lungenkrankheiten und selbst neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer."

Dr. Wolfgang Zimmer, Fachpraxis für Parodontologie, München

"Der Mund ist der wichtigste Eintrittsort für Bakterien in den menschlichen Körper. Das geht ins Blutsystem, erreicht die Lungen. Man schätzt heute, dass man sieben Jahre länger lebt, wenn man sich um seine Mundgesundheit kümmert."

Prof. Dr. Christoph Benz, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer

Mundkeime besiedeln Blutgefäße und lösen Entzündungen aus

Forschungsergebnisse des Instituts für Mikrobiologie und Infektionsimmunologie der Berliner Charité untermauern solche Kausalitäten. In mehreren Forschungsprojekten konnten Wissenschaftler des Biofilmlabors unter Leitung von PD Dr. Annette Moter zeigen, dass pathogene Mundkeime, die typischerweise das Entzündungsgeschehen im Zahnbett befeuern, über die Blutbahn in den Körper gelangen. Sie bilden sowohl an den Herzklappen als auch den Zellinnenwänden der Blutgefäße Kolonien und rufen dort Entzündungen hervor. Im Bereich der Herzklappen kann dies eine Endokartitis, eine Entzündung der Herzinnenhaut nach sich ziehen.

Besiedeln pathogene Mundkeime das Endothel der Blutgefäße, führt dies zu chronischen Entzündungen und in der Folge zur Bildung arteriosklerotischer Plaques. Diese befeuern das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen von Bluthochdruck bis zum Herzinfarkt deutlich.

Amöbe befeuert Entzündungen des Mundraums

Neuere Erkenntnisse der Arbeitsgruppe Molekulargenetik oraler Entzündungskrankheiten der Abteilung für Parodontologie, Oralmedizin und Oralchirurgie an der Charité Berlin unter Leitung von Prof. Arne Schäfer decken weitere Zusammenhänge zwischen parodontalen Entzündungen und Herzkreislauferkrankungen auf.

Die Wissenschaftler sind einem Einzeller, der Amöbe "Entamoeba gingivalis" nachgegangen, der die menschliche Mundhöhle besiedelt. Bei ihren Versuchsreihen haben sie mehrere erstaunliche und möglicherweise bahnbrechende Entdeckungen gemacht.

Während diese Amöbe bei Menschen ohne Parodontitis nur in circa 15 Prozent der untersuchten Fälle vorzufinden war, wurden die Wissenschaftler im Mundraum von Patienten mit Parodontitis fast immer fündig. Der Parasit Entamoeba gingivalis spielt sowohl bei der Entstehung als auch der Chronifizierung des parodontalen Entzündungsgeschehens eine wichtige, wenn nicht sogar die entscheidende Rolle.

Amöbe verhindert Abwehrmechanismen des Immunsystems

Die Wissenschaftler fanden außerdem heraus, dass Menschen mit einem erhöhten Risiko für einen Herzinfarkt dieselbe genetische Variante tragen, wie Menschen mit einem erhöhten Risiko für eine schwere Parodontitis. Diese Variante beeinträchtigt die Aktivität eines Gens, das eine gut beschriebene Funktion in der Abwehr von Entamoeba gingivalis hat.  

"Wir konnten zeigen, dass Entamoeba gingivalis in der Lage ist, innerhalb von kurzer Zeit in das Zahnfleischgewebe einzudringen, die Zellen auszusaugen und zu zerstören. Der Einzeller ist extrem aggressiv und das in mehrerlei Hinsicht. Weil er in der Lage ist, Zahnfleischzellen zu öffnen und in sie einzudringen, macht er gewissermaßen den Weg für weitere Mundkeime frei, die zwar auch sonst beständig in der Mundhöhle siedeln, aber allein nicht in die Zellen eindringen könnten."

Prof. Dr. rer. nat. Arne Schäfer, Leitung AG Molekulargenetik oraler Entzündungskrankheiten, Charité – Universitätsmedizin Berlin

Entamoeba gingivalis fungiert gewissermaßen als Türöffner für typische pathogene Mundkeime wie "Porphyromonas gingivalis" oder "Treponema denticola" und ermöglicht diesen, das Entzündungsgeschehen voranzutreiben. Bei gesunden Menschen mit einer funktionierenden Immunabwehr würden diese bakteriellen Entzündungen abgewehrt und beendet werden. Doch Entamoeba gingivalis verhindert die natürlichen Abwehrmechanismen des Immunsystems, indem es entscheidende Immunzellen abtötet.

"Wir haben gesehen, dass Entamoeba gingivalis die Neutrophilen, also die Killerzellen des Immunsystems tötet, die normalerweise pathogene Mundkeime ausschalten würden. Das Perfide daran ist, dass Entamoeba gingivalis sich von den Killerzellen ernährt. Das heißt, die Amöbe ist schon aus einer Art Selbsterhalt heraus daran interessiert, das Entzündungsfeuer am Lodern zu halten."

Prof. Dr. rer. nat. Arne Schäfer, Leitung AG Molekulargenetik oraler Entzündungskrankheiten, Charité – Universitätsmedizin Berlin

Zahn- und Mundhygiene entscheidend

Der multifaktorielle Einfluss von Entamoeba gingivalis auf das parodontale Entzündungsgeschehen erklärt möglicherweise auch, warum Parodontosen auffallend langwierige Erkrankungen sind und betroffene Patienten einen hohen Aufwand betreiben müssen, um das Entzündungsgeschehen unter Kontrolle zu bringen.

Deshalb haben die Forscher um Arne Schäfer untersucht, ob die Amöbe mit den herkömmlichen Methoden der Mundhygiene beseitigt werden kann.

"Nach Einsatz von Küretten und Ultraschall konnten wir leider keine vollständige Entfernung von Entamoeba gingivalis feststellen. Nun wollen wir alternative Methoden ausprobieren, beispielsweise Laser, um zu prüfen, ob diese Methoden in der Lage sind, Entamoeba gingivalis vollständig aus den Zahnfleischtaschen zu eliminieren."

Prof. Dr. rer. nat. Arne Schäfer, Leitung AG Molekulargenetik oraler Entzündungskrankheiten, Charité – Universitätsmedizin Berlin

Noch sind eine regelmäßige Zahnhygieneprophylaxe und die persönliche Mundhygiene die einzigen Möglichkeiten, um entzündliche Erkrankungen des Zahnhalteapparates in den Griff zu bekommen und zum Abklingen zu bringen.

Allerdings erfordert dies von den betroffenen Patienten ein hohes Maß an Disziplin und Eigenverantwortung.

Ein saures Milieu der Mundhöhle ist der ideale Nährboden für die Parodontitis

Mehrere Forschungsgruppen untersuchen derweil, inwieweit man mit einer adäquaten Ernährung der Parodontitis Paroli bieten kann, indem man beispielsweise bestimmte Nahrungsmittel oder auch Lutschbonbons und Kaugummis konsumiert, die das Milieu im Mundraum verändern. Entzündungen gedeihen in saurem Milieu, wohingegen ein eher alkalisches Milieu den entzündungsverursachenden Keimen den Nährboden entzieht.


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