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Checkpoint-Therapie Großer Fortschritt in der Krebstherapie

Der Nobelpreis für Medizin geht in diesem Jahr an zwei Krebsforscher: James P. Allison und Tasuku Honjo werden für die Entdeckung der Checkpoint-Therapie geehrt. Seit 2011 in Deutschland zugelassen gibt die Behandlung vielen Krebspatienten neue Hoffnung.

Von: Monika Hippold

Stand: 08.10.2018

Krebsforschung: Checkpoint-Therapie | Bild: Screenshot BR

2003 hat Ulrich Rösch die Diagnose bekommen: schwarzer Hautkrebs. Nach einer schweren, aber erfolgreichen Operation hatte er lange Ruhe vor der Krankheit. Bis die Ärzte im Jahr 2016 Metastasen fanden – erst in der Lunge, ein Jahr später auch im Gehirn. Ein Schock für Ulrich Rösch.

Schwarzer Hautkrebs galt lange als schwer zu therapieren. Die Chemotherapie war nicht sehr effektiv und hatte starke Nebenwirkungen. Die Überlebensdauer nach der Diagnose für viele: oft nur ein Jahr.

Langzeitdaten noch nicht vorhanden

Doch dank der neuesten Form der Krebstherapie, der Immuntherapie mit Checkpoint-Blockern, gibt es neue Hoffnung für die Patienten.

"Jetzt haben wir Patienten, die auch im dritten oder vierten Jahr nach der Diagnose gut klarkommen. Wir haben noch keine Langzeitdaten, weil die Medikamente noch so neu sind. Aber auf jeden Fall funktioniert die Therapie signifikant besser."

Prof. Dr. Dr. Michael von Bergwelt, Immunonkologe, Direktor der Klinik für Hämatologie und Onkologie, LMU Klinikum, München

Diese sogenannte Checkpoint-Therapie wurde erstmalig 2011 in Deutschland zugelassen und kommt bisher bei Blasenkrebs, Nierenkrebs, Lymphdrüsenkrebs, HNO-Tumoren, Lungenkrebs und schwarzem Hautkrebs zum Einsatz. Sie gilt als Meilenstein in der Krebsforschung.

Checkpoint-Therapie: das passiert im Körper

Der neue Ansatz der Therapie: Der Mensch bekämpft mit seinen eigenen Abwehrkräften die Krebszellen. Das funktioniert folgendermaßen:

Eine bestimmte Form weißer Blutkörperchen, die sogenannten T-Zellen, sind die wichtigsten Aufpasser unseres Immunsystems. Normalerweise erkennen und zerstören sie fremde und schädliche Zellen. Bei Krebszellen funktioniert das aber nicht, diese können sich tarnen. Das Immunsystem reagiert nur gebremst auf die Krebszellen. Die beiden Nobelpreisträger konnten aber Antikörper entwickeln, die sich an die Antennen der T-Zellen heften – und so die Blockade lösen. Die T-Zellen greifen die Krebszellen an, diese sterben ab.

Mehrere neue Zulassungen pro Jahr

"Wir gehen davon aus, dass die Therapie in Zukunft für noch mehr Patienten mit unterschiedlichen Krankheitsarten zur Verfügung stehen wird. Momentan gibt es mehrere neue Zulassungen pro Jahr und die Dynamik nimmt eher zu."

Prof. Dr. Dr. Michael von Bergwelt, Immunonkologe, Direktor der Klinik für Hämatologie und Onkologie, LMU Klinikum, München

Das Röntgenbild zeigt: In der Lunge sind keine Metastasen mehr

Ulrich Rösch hat vor gut einem Jahr mit der Immuntherapie begonnen, seine Metastasen in Lunge und Gehirn sind mittlerweile verschwunden. Die Ärzte am „Comprehensive Cancer Center“ in München behandeln fast die Hälfte der Patienten mittlerweile auch mit der Checkpoint-Therapie – mit großem Erfolg: Bei vielen Patienten erreichen sie Langzeit-Remissionen - das heißt, dass die Krankheit mehrere Jahre unter Kontrolle ist.

Checkpoint-Therapie hilft nicht jedem Patienten

Doch: Nicht jedem Patienten hilft die Checkpoint-Therapie. Warum – das wissen Forscher und Ärzte noch nicht.

"Immun-Checkpoints sind die Eiweiße, welche die Tumorzellen an der Oberfläche zeigen - um die Immunantwort abzustellen. Und von diesen Molekülen gibt es mehrere. Im Moment können wir drei unterschiedliche Moleküle blockieren. Es gibt aber wahrscheinlich über 20. Und möglicherweise sind die Patienten, die nicht von der Therapie profitieren, diejenigen, bei denen die anderen 17 Moleküle eine Rolle spielen. Hierzu laufen aber gerade klinische Untersuchungen."

Prof. Dr. Dr. Michael von Bergwelt, Immunonkologe, Direktor der Klinik für Hämatologie und Onkologie, LMU Klinikum, München

Nebenwirkungen: Autoimmunerkrankungen

Patient mit Infusion

Die Checkpoint-Therapie kann außerdem starke Nebenwirkungen haben. Da das Immunsystem entfesselt wird, treten Autoimmunerkrankungen auf – wie zum Beispiel Hautausschlag, Durchfall, Entzündungen der Lunge, Gelenkschmerzen, oder auch hormonelle Veränderungen wie eine Schilddrüsen-Unterfunktion oder -Überfunktion. Hauterscheinungen treten häufig auf, die anderen Nebenwirkungen wurden bisher bei bis zu drei Prozent der Patienten beobachtet.

"Es gibt auch Patienten, die Nebenwirkungen haben, die die Lebensqualität senken, das kann man dann durch bestimmte Veränderungen der Intervalle, Pausen oder auch Cortisongabe relativ gut steuern."

Prof. Dr. Dr. Michael von Bergwelt, Immunonkologe, Direktor der Klinik für Hämatologie und Onkologie, LMU Klinikum, München

Ulrich Rösch hat Glück gehabt: Außer dem Fatigue-Syndrom, einem starken Erschöpfungszustand, hat er bisher keine Nebenwirkungen bemerkt.

Lebenslängliche Medikamentengabe

Infusion für die Checkpoint-Therapie

Mit Kosten von rund 100.000 Euro pro Patient pro Jahr ist die Immuntherapie außerdem sehr teuer. Zum Vergleich: Eine Chemotherapie kostet zwischen 20.000 und 60.000 Euro – einmalig. Und: Die Immuntherapie ist eine lebenslängliche Therapie. Bisher ist noch nicht klar, ob die Patienten irgendwann die Medikamente absetzen können.

"Da gibt es natürlich unterschiedliche Präparate mit unterschiedlichen Preisen. Aber man generiert erhebliche Kosten. Allerdings mit einem hohen positiven Ergebnis. Wir führen die Therapie in der Regel ambulant durch. Das heißt, die Patienten haben eine hohe Lebensqualität, sind zu Hause bei der Familie, können ihrem Beruf nachgehen."

Prof. Dr. Dr. Michael von Bergwelt, Immunonkologe, Direktor der Klinik für Hämatologie und Onkologie, LMU Klinikum, München

Herausforderungen für die Zukunft der Krebstherapie

Prof. von Bergwelt ist überzeugt von der Checkpoint-Therapie:

"Es herrscht unter Onkologen gerade so etwas wie eine Goldrauschstimmung. Ich vergleiche das gerne mit der Erfindung des Antibiotikums. So fühlt sich das an. Auch die Herausforderungen, die kommen werden in den nächsten Jahren sind ähnlich. Denn wir werden natürlich Resistenzen erleben, genau wie wir das auch bei Antibiotika erleben. Die Herausforderung für die kommenden Jahre ist wirklich, zu gestalten, welcher Patient profitiert wann von welcher Form von Immuntherapie und wie muss man das kombinieren mit dem, was sicher und gut etabliert ist."

Prof. Dr. Dr. Michael von Bergwelt, Immunonkologe, Direktor der Klinik für Hämatologie und Onkologie, LMU Klinikum, München

Die Checkpoint-Therapie gilt als ein großer Schritt in der Krebstherapie. Die Studien für weitere Tumor-Arten laufen.


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