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Ohrring, Piercing & Co. Was tun bei einer Nickelallergie?

Die Nickelallergie ist die häufigste Kontaktallergie überhaupt. Bis zu 10 % der Bevölkerung gelten als sensibilisiert. In den vergangenen Jahren wurden die Grenzwerte für die Nickelfreisetzung vor allem bei Modeschmuck angepasst. Doch reicht das aus, um die Bevölkerung vor der Allergie zu schützen? Wo lauern im Alltag Gefahren durch Nickel?

Von: Andrea Lauterbach

Stand: 09.04.2017

Nickel – die häufigste Kontaktallergie | Bild: BR

Allergologen schätzen, dass in Deutschland bis zu 11 % der Frauen und 6 % der Männer unter einer Nickelallergie leiden.

"Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer. Das liegt daran, dass Frauen mehr Modeschmuck tragen als Männer und damit häufiger mit Nickel in Kontakt kommen. Besonders riskant sind Piercings, zu denen ja auch die Ohrlöcher zählen. Der Grund: Allergene können besonders leicht eindringen, wenn die Hautoberfläche, wie beim Ohrlochstechen durchstochen wird. Die Sensibilisierung gegen Nickel erfolgt häufig schon in jungen Jahren. Teils sind die Mädchen noch nicht mal 2 oder 3 Jahre alt, wenn sie die ersten Ohrstecker bekommen. Diesen Trend sehe ich daher eher kritisch."

Prof. Dr. med. Vera Mahler, Dermatologin, Hautklinik Universitätsklinikum Erlangen

Auch in den Studien findet sich ein interessanter Zusammenhang zwischen Nickelallergie und Piercing: Probandinnen, bei denen eine Nickelallergie festgestellt wurde, trugen signifikant häufiger ein Haut-Piercing als solche ohne Nickelallergie: 54 % vs. 12 %.

Nickel – so äußert sich eine Kontaktallergie

Kommen nickelallergische Menschen länger mit dem Metall in Kontakt, rötet sich die Haut, juckt und bildet Bläschen. Im Sommer leiden Nickelallergiker übrigens besonders. Denn Schweiß fördert die Freisetzung von Nickel-Ionen und trägt dazu bei, dass sich ein Kontaktekzem entwickelt. Eine Kontaktallergie ist eine allergische Reaktion der Haut auf Stoffe, die direkt mit der Haut in Berührung kommen.

Anders als eine Pollenallergie zeigt sie sich nicht sofort, sondern mehrere Stunden oder gar Tage verzögert. Da die Beschwerden erst Stunden bis Tage nach dem Kontakt auftreten, ist es für manche Patienten schwer, die Ursache der Allergie herauszufinden. Allerdings gibt die betroffene Hautstelle (z. B. das Handgelenk, die Ohrläppchen) oft einen Hinweis.

Test für Nickelallergie

Zur Klärung hilft ein sogenannter Epikutan-Test: Der Patient bekommt die potentiellen Allergene unter einem Pflaster auf die Haut geklebt (Patch-Test). Die Auswertung erfolgt einen bis vier Tage später.

Weg mit dem Schmuck!

Ist das Allergen eindeutig bestimmt, hilft es oft, wenn die Betroffenen es meiden. Meist genügt es schon, auf bestimmte Schmuckstücke zu verzichten.

Liegt die Allergie in den Genen?

Nickelallergien kommen in Familien gehäuft vor. Ist ein Elternteil oder ein Geschwister betroffen, so ist die Wahrscheinlichkeit selbst eine Allergie zu entwickeln höher – im Vergleich zu Kindern von Nichtallergikern.

Im Fokus – ein Hauteiweiß

Möglicherweise besteht ein Zusammenhang in einer Mutation des sogenannten Filaggrins, einem Hauteiweiß, das die Hautbarriere beeinflusst. Diese Mutation kommt bei 3-4 % der Bevölkerung vor und geht mit einer vermehrten Neigung zu Allergien einher. Ein Zusammenhang wurde auch zwischen den Allergien auf Nickel und auf Kobalt festgestellt: Wer gegen das eine Metall eine Allergie entwickelt hat, reagiert im Epikutan-Test auch häufiger allergisch auf das andere.

Rückgang der Nickelallergie

In den vergangenen Jahren hat sich zum Schutz der Bevölkerung im Bezug auf Nickel einiges getan. So hat die EU 2001 zum Beispiel stark nickelfreisetzende Legierungen im Schmuck verboten. Waren 1995 noch 35 % der jungen Frauen in Deutschland von einer Nickelallergie betroffen, ging die Zahl bis 2012 auf 15 % zurück.

EU-weite Grenzwerte für Schmuck

Die EU-Richtlinie schreibt seit 2013 vor, dass Erzeugnisse, die länger und unmittelbar Kontakt mit der Haut haben (Ohrstecker, Piercingschmuck), nicht mehr als 0,2 Mikrogramm Nickel pro Quadratzentimeter pro Woche absondern dürfen.

Bei sonstigen Metallgegenständen gilt ein Grenzwert von 0,5 Mikrogramm Nickel pro Quadratzentimeter pro Woche.

Sind die Verbraucher ausreichend geschützt?

"Ich denke, dass die Mehrheit der Bevölkerung davor geschützt ist, eine Nickelallergie zu bekommen und auch die Mehrheit derjenigen geschützt ist, die schon eine Nickelallergie haben."

Prof. Dr. med. Wolfgang Uter, Epidemiologe, FAU Erlangen-Nürnberg

Problemfall Ohrstecker

Stecker für Ohrringe sind wegen ihrer allergieauslösenden Eigenschaften besonders im Visier der Behörden. Umso erschreckender ist, dass bei Stichproben des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit wieder mehr Nickel in Modeschmuck gefunden wurde.

Erschreckende Stichproben

Im "Bericht für Lebensmittelsicherheit" des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) aus dem Jahr 2014 heißt es, dass jeder sechste geprüfte Stecker von Ohrringen oder Piercingschmuck trotzdem den zulässigen Grenzwert übersteigt.

Woher kommen die hohen Nickelwerte?

"Das ist einerseits darauf zurückzuführen, dass die Messmethode verschärft wurde, andererseits zeigt es aber auch, dass sich viele Hersteller nicht an die Nickeldirektive halten."

Prof. Dr. med. Vera Mahler, Dermatologin, Hautklinik Universitätsklinikum Erlangen

Außerdem wurde gezeigt, dass gerade bei Frauen im Alter zwischen 45 und 60 die Zahl der Nickel-Sensitiven wieder wächst. Das ist zunächst ein Widerspruch.

"Dieser Trend spiegelt die Exposition und Sensibilisierung der 60er-, 70er- und 80er-Jahre wider, als es noch keine Grenzwerte für die Nickelfreisetzung gab. Die heute älteren Frauen haben ihre Nickelallergie durch das Tragen von Schmuck in der damaligen Zeit erworben und daher ist jetzt eine gestiegene Allergiehäufigkeit in dieser Altersgruppe zu beobachten. Meist werden diese „Altsensibilisierungen“ im Rahmen der Diagnostik eines Kontaktekzems quasi zufällig gefunden."

Prof. Dr. med. Wolfgang Uter, Epidemiologe, FAU Erlangen-Nürnberg

Schon eine geringe Dosis Nickel kann eine Allergie auslösen

Wissenschaftler vermuteten schon länger, dass auch viele kurze Kontakte zu nickelhaltigen Materialien auf Dauer eine Allergie auslösen können. In Schweden konnte man diese Vermutung nun bestätigen.

"Es hat sich durch die Arbeit einer schwedischen Forschergruppe vom Karolinska-Institut gezeigt, dass es auch ausreicht, wenn wiederholter kurzfristiger Kontakt mit nickelhaltigen Objekten besteht, und man geht zum Beispiel davon aus, dass dreimal 10 Minuten innerhalb von zwei Wochen ausreichen können, um eine Allergie auszulösen."

Prof. Dr. med. Wolfgang Uter, Epidemiologe, FAU Erlangen-Nürnberg

Vorsicht, die Bezeichnung "nickelfrei" ist trügerisch!

Trotz der Bezeichnung "nickelfrei" kann Nickel zulegiert worden sein. Selbst Silber, Gold und Weißgoldlegierungen können Nickel freisetzen.

Sichere Schmuckmaterialien

Sicher sind nur Schmuckstücke aus Platin, Titan oder aus reinem Feingold. Manche Allergiker vertragen auch Graugold gut. Natürlich gibt es bei Schmuck weitere zahlreiche Alternativmaterialien, auf die Sie zurückgreifen können, z. B. Holz, Keramik oder Glas.


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