BR Fernsehen - Gesundheit!


5

Medikamente gegen Covid-19 Monoklonale Antikörper – Trumps „Wundermittel“ jetzt auch in Deutschland

Die Bundesregierung hat im Kampf gegen Covid-19 neue Medikamente gekauft. Es geht um insgesamt 200.000 Dosen von monoklonalen Antikörperpräparaten, die im vergangenen Jahr auch zur Behandlung Donald Trumps eingesetzt wurden. In Deutschland diskutieren Mediziner über Sinn und Unsinn der Bestellung. Derweil beklagen andere Experten, dass die deutsche Medikamentenforschung von der Politik vernachlässigt wird.

Von: Florian Heinhold

Stand: 08.02.2021

In der Krankenhausapotheke des Klinikums Großhadern lagern sie: die ersten Dosen eines der beiden neuen Antikörpermittel. "Gesundheit!" begleitet Prof. Julia Mayerle auf die Coronastation. Bisher gibt es in Deutschland noch kaum Patienten, die mit den Präparaten der Hersteller Regeneron und Eli Lilly behandelt werden.

Wir treffen eine junge Frau, die zu den ersten in Bayern gehört. Sie ist wegen einer anderen Erkrankung in der Klinik, ihr Immunsystem war schon beeinträchtig, als sie sich mit SARS-CoV-2 infizierte. "Im ersten Moment hab ich gedacht: So ein Mist", erinnert sich die 36-Jährige in ihrem Krankenbett. „Und dann kam die Angst vor einem schweren Verlauf dazu.“ Bei ihr scheint das Mittel gut zu wirken – die Viruslast ist stark zurückgegangen, genau wie der trockene Husten und die anderen typischen Covid-19-Symptome.

"Grundsätzlich versuchen wir natürlich die Patienten zu priorisieren, die ein besonderes Risiko für einen schweren Verlauf haben. Wenn man sich die Studienlage anschaut, dann ist sie noch sehr heterogen. Es gibt einzelne Studien, bei denen man gesehen hat, dass es sehr rasch zu einem Virusabfall gekommen ist und dass die Anzahl der Arztkontakte signifikant gesenkt werden konnte. Es gibt andere Studien, die das nicht gezeigt haben."

Prof. Dr. med. Julia Mayerle, Internistin, Gastroenterologie, Endokrinologin und Diabetologin, Klinikum Großhadern

Die Wirkungsweise

Im Idealfall soll das Medikament so funktionieren: Die Schwachstelle des Virus ist das Spike-Protein. Über das docken die Coronaviren an die Rezeptorzellen in den Atemwegen an. Die monoklonalen Antikörper sollen gezielt dieses Protein angreifen und so die Verbreitung des Virus unterbinden. Im Labor gelingt das. In der Praxis gibt es einfach noch zu wenige Daten.

Streit um Trumps „Wundermittel“

Der prominenteste Patient, der bisher mit den Antikörper-Mitteln behandelt wurde, ist Donald Trump. Er bekam das Präparat des Herstellers Regeneron und erklärte es kurzerhand zum Wundermittel. Jetzt hat also auch Deutschland solche Präparate für 400 Millionen Euro gekauft. Der Gesundheitsminister könnte sich einen postprophylaktischen Einsatz zum Beispiel bei Ausbrüchen in Heimen vorstellen.

"Ein klassischer Fall wäre ein Ausbruch in einer Pflegeeinrichtung, wo das Risiko von schweren Verläufen sehr hoch ist und wo die Entscheidung des Arztes dann sein soll und kann, im Einzelfall die [Antikörpermittel] auch zur Anwendung zu bringen."

Jens Spahn, Bundesgesundheitsminister, Bundespressekonferenz 29.1.2021

Aber noch ist das Zukunftsmusik und weil der Nutzen des Medikaments noch nicht eindeutig erwiesen sei, haben einige Fachleute scharfe Kritik geäußert.

"Ich kann es kaum fassen. Die Daten sind weder zur Sicherheit und schon gar nicht zur Wirksamkeit aussagekräftig. Ich bin sehr überrascht. Ich werde das sicher nicht verwenden."

Prof. Dr. med. Peter Kremsner, Infektiologe, Universitätsklinikum Tübingen gegenüber ARD Extra

Kaum Medikamente im Kampf gegen Covid

Auf der Covid-Station am Klinikum rechts der Isar hat Dr. Roman Iakoubov die neuen Antikörper-Präparate bereits eingesetzt. Zum Beispiel bei einem Patienten, der wegen einer schweren Bauchspeicheldrüsenerkrankung in der Klinik ist und sich hier mit Corona infiziert hat.

"Der Vorteil, den wir bei diesen Antikörpern sehen, ist dass sie sehr verträglich sind. In der Literatur werden wenig bis gar keine Nebenwirkungen beschrieben. Wir haben bei unseren Patienten bisher auch keine schweren Nebenwirkungen gesehen."

Dr. med. Roman Iakoubov, Internist, Klinikum rechts der Isar

Die Entscheidung der Bundesregierung, die neuen Antikörpermittel zu kaufen, kann er angesichts der schlechten Ausgangslage bei Covid-Medikamenten verstehen.

"Wir haben aktuell, abgesehen von Dexamethason, keine weiteren Medikamente, bei denen wir wirklich sagen können: Wenn wir diese Medikamente geben, leben unsere Patienten sicher länger."

Dr. med. Roman Iakoubov, Internist, Klinikum rechts der Isar

Deutsche Forscher fühlen sich vernachlässigt

Und für viele Experten ist das das eigentliche Problem: Nach einem Jahr Pandemie gibt es zwar fantastische Fortschritte bei Impfstoffen, aber weitestgehend Stillstand in Sachen Medikamente. Und das ist teilweise ein hausgemachtes Problem, sagen Medikamentenentwickler in ganz Deutschland. Während hunderte Millionen Euro aus Deutschland in die Impfstoffforschung flossen, ging die Medikamentenforschung im Vergleich dazu beinahe leer aus.

"Es ist klar, dass wir trotz Impfstoff noch über Jahre hinaus zusätzlich, komplementär Medikation benötigen. Und da sind uns einige Länder wie die USA und China voraus. Da sind wir zu spät dran."

Dr. rer. nat. Stefan Glombitza, Pharmazeut, Formycon, München

Die Firma Formycon in München forscht an einem Medikament, bei dem ein spezielles Fusionsmolekül an das Spike-Protein des Virus bindet. Im Labor können Infektionen so komplett verhindert werden und das wohl auch bei den neuen Virenmutanten.

"SARS-CoV-2 bindet sehr stark an das menschliche Protein ACE2. So stark wie kein Virus jemals zuvor. Mit jeder dieser Mutationen nimmt die Bindung an das ACE2 zu und damit die neutralisierende Wirkung unseres Wirkstoffes."

Dr. rer. biol. hum. Carsten Brockmeyer, Immunologe, Formycon München

Jetzt muss sich das Präparat in klinischen Studien beweisen. Die beiden Antikörper-Präparate der Firmen Eli Lilly und Regeneron konnten da bisher noch nicht endgültig überzeugen. Aber zumindest sind sie ein Hoffnungsschimmer für Infizierte. Und weil nach einem Jahr Pandemie noch immer so gut wie keine Medikamente zur Verfügung stehen, bleibt in manchen Situationen eben nur der Einsatz experimenteller Präparate. Und das Prinzip Hoffnung.


5