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Antikörper gegen Migräne Neues Wundermittel gegen Migräne?

900.000 Deutsche leiden unter Migräne, nehmen starke Medikamente, um den rasenden Kopfschmerz und die Übelkeit zu überstehen. Bei einigen helfen sie, bei anderen zeigen sie aber leider keine Wirkung. Doch jetzt gibt es eine neue Therapie, bei der spezifische Antikörper die Migräne bekämpfen sollen. Sind sie die neue Wunderwaffe?

Von: Herbert Hackl

Stand: 24.09.2018

Antikörper gegen Migräne: neues Mittel gegen Kopfschmerzen | Bild: Screenshot BR

Die Attacken kommen meist plötzlich. Pochende Kopfschmerzen, hinter den Augen, der Stirn oder den Schläfen, Erst einseitig, dann manchmal wandernd und immer brutal.

Begleitet werden die Kopfschmerzen von starker Übelkeit und Erbrechen. Jede Bewegung, jedes Geräusch, Gerüche und Licht werden für die Betroffenen zur Qual. Sie können nicht mehr arbeiten, ziehen sich sozial zurück. Migräne ist eine Volkskrankheit. Etwa zehn Prozent der Menschen in Deutschland leiden daran. Der volkswirtschaftliche Schaden wird auf fünf Milliarden Eurogeschätzt.

Was hilft akut?

Schwere und Häufigkeit der Attacken können sehr unterschiedlich sein. Treten die Anfälle an mehr als zehn Tagen im Monat auf, sprechen die Ärzte von chronischer Migräne.

Sind die Schmerzen weniger schlimm, reichen meist Analgetika wie Acetylsalicylsäure oder Ibuprofen

Natürlich gibt es Medikamente, die im akuten Fall zur Verfügung stehen und auch helfen. Sind die Schmerzen weniger schlimm, reichen meist Analgetika wie Acetylsalicylsäure oder Ibuprofen. Bei heftigeren und chronische Schmerzen kommen sogenannte Triptane zum Einsatz. Die werden auch in den Leitlinien der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft empfohlen. Manchmal haben diese Medikamente aber schwere Nebenwirkungen. Es muss unter Umständen lange nach dem richtigen Medikament gesucht werden.

Antikörper gegen Migräne

Bei vielen Migräne-Geplagten helfen aber Triptane selbst in Kombination mit anderen Medikamenten nicht mehr. Für diese Menschen könnte nun eine neue Therapie Hoffnung bringen – eine Therapie mit sogenannten monoklonalen Antikörpern.

Eigentlich kommen sie aus der Krebstherapie, der Immuntherapie. Nun werden sie auch gegen Migräne eingesetzt. Einige klinische Studien ergaben bei etwa 70 Prozent der Probanden statistisch eine Halbierung der Migräne-Anfälle. Und auch die Heftigkeit der Anfälle konnte mit den Substanzen gemildert werden.

Übeltäter CGRP

Die Antikörper blockieren ein Eiweiß, das Ärzte und Forscher Calcitonin Gene-Related Peptide nennen, CGRP. Dieses Protein ist eigentlich im ganzen Körper verteilt und zum Beispiel auch an der Regelung der Körpertemperatur oder an der Ausscheidung von Urin beteiligt.

Aber die jüngste Forschung belegt auch, dass CGRP bei Migräneanfällen vermehrt ausgeschüttet wird. Es scheint die Erregbarkeit der Nerven entlang von Blutgefäßen zu verändern, Blutgefäße zu weiten und dabei sterile Entzündungen hervorzurufen. Außerdem haben Versuche ergeben, dass mit Gaben von CGRP Migräneanfälle ausgelöst werden können. Das CGRP scheint also eine Hauptrolle bei Migräne zu spielen.

Antikörper blockieren CGRP

Antikörper besetzen die Andockstellen

Verschiedene Antikörper sind nun in der Lage, entweder das CGRP selbst oder den Rezeptor für CGRP im Epithel der Gefäße zu blockieren. Die Antikörper besetzen die Andockstellen und verhindern so, dass das CGRP Molekül mit ihren Rezeptoren in Wechselwirkung treten können und ihre Wirkung entfalten. Die Entstehung der Migräne wird also unterbunden.

Dabei werden die Antikörper nicht im akuten Fall, sondern als Prophylaxe verabreicht. Der Patient muss sie sich einmal pro Monat in Oberarm oder Oberschenkel spritzen lassen. Die Antikörper wirken vorbeugend.

Alternative vorbeugende Therapien

Viele Migräne-Patienten wissen gar nicht, dass es auch andere vorbeugende Medikamente gibt. Bestimmte Betablocker zum Beispiel oder sogenannte Kalziumantagonisten. Allerdings sind auch hier Nebenwirkungen häufig.

Muskelrelaxation nach Jacobsen

Gute Hilfe bei chronischer Migräne kann auch die sogenannte multimodale Schmerztherapie bieten. Neben Medikamenten sollen dabei Physiotherapie, Ausdauersport, Atem- und Entspannungsübungen (wie die Muskelrelaxation nach Jacobsen), Biofeedback und auch psychologische Beratung helfen.

Oberstes Ziel dieses multimodalen Ansatzes ist die Verringerung des Schmerzes. Gelingt das nicht, können die Patienten durch die erlernten Strategien und Methoden wenigstens anders mit dem Schmerz umgehen und erreichen so wieder eine bessere Lebensqualität.

Antikörper – die neuen Wundermittel?

Dennoch gibt es Patienten, denen nichts von alledem hilft. Für diese Patienten bedeutet die neue Therapie mit Antikörpern neue Hoffnung und vielleicht auch Hilfe.

Allerdings sprechen die Antikörper nicht bei allen Patienten an. Und auch wenn sich in den Studien keinerlei Nebenwirkungen gezeigt haben – ist das keine Garantie dafür, dass es bei längerer Anwendung über Jahre nicht doch zu Nebenwirkungen kommen kann. Das erste Antikörper-Medikament ist seit Juli 2018 in Europa zugelassen, weitere werden folgen. Doch die Therapie ist teuer und noch ist nicht sicher, ob, in welchem Umfang und bei welchen Patienten die Kassen die Kosten übernehmen. Antikörper gegen Migräne sind also leider kein Wundermittel für alle.


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