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Medikamenten-Management Vorsicht vor gefährlichen Wechselwirkungen

Morgens, mittags, abends: Die Medkamentendosen vieler Menschen sind gut gefüllt. Dabei sollten maximal vier Wirkstoffe kombiniert werden, raten Experten. Gefährliche Wechsel- und Nebenwirkungen können sogar zum Tod führen.

Von: Antje Maly-Samiralow

Stand: 07.10.2019

Wir leben in einer alternden Gesellschaft. Schon heute sind hierzulande fünf Millionen Menschen über 80 Jahre alt, bis 2050 sollen es elf Millionen sein. Mit steigendem Alter nimmt auch die Zahl der Medikamente zu, die verordnet werden. Damit erhöht sich das Risiko von Neben- und Wechselwirkungen enorm. Leider werden ältere Menschen mit dem Medikamentenmanagement oft alleingelassen und das hat Folgen: Laut Expertenschätzung gibt es jedes Jahr bis zu 58.000 Todesfälle aufgrund von Neben- oder Wechselwirkungen zugelassener Medikamente.

"Das Problem ist, dass wir bei verschiedenen Krankheiten natürlich auch verschiedene Arzneimittel brauchen. Wir wissen aus der Pharmakologie, dass eigentlich vier Wirkstoffe noch gut handhabbar sind und auch gut verträglich miteinander sind; das ist aber die Grenze. Wir sehen aber aufgrund unserer Studien, dass 35% der Männer und 40% der Frauen der Altersgruppe über 65 Jahre neun Wirkstoffe und mehr in Dauertherapie bekommen. Und da beginnt das Problem, dass dann die Unverträglichkeiten so stark werden können, dass weiter behandelt werden muss. Vielfach werden die Unverträglichkeiten als eine neue Krankheit interpretiert, dabei ist es eine Neben- oder Wechselwirkung. Insofern sind ältere Menschen tatsächlich in Gefahr, weil die Nieren und die Leber älterer Menschen nicht mehr so gut funktionieren, und dadurch der Abbau nicht mehr so gut funktioniert und so schwerwiegende Neben- und Wechselwirkungen entstehen können."

Prof. Dr. rer. nat. Gerd Glaeske, Pharmakologe und Versorgungsforscher Universität Bremen

Viele Ärzte - wenige Absprachen

Ein weiteres Problem, das insbesondere ältere Menschen betrifft, ist das gleichzeitige Auftreten verschiedener Erkrankungen. Dies führt nicht nur dazu, dass jede einzelne Erkrankung therapiert werden muss. In der Regel sind die Betroffenen auch bei verschiedenen Fachärzten in Behandlung. Über 65-Jährige konsultieren typischerweise vier Ärzte, zum Beispiel Allgemeinmediziner, Internisten, Gynäkologen, Urologen, Diabetologen, und Augenärzte. Patienten mit eingeschränkter Nierentätigkeit suchen zusätzlich den Nephrologen auf, Menschen mit Lungenerkrankungen den Pneumologen und nicht zu vergessen Orthopäden, Neurologen und Onkologen.

Viele Fachärzte sind zwar Spezialisten auf ihrem Gebiet, haben jedoch andere Fachgebiete zu wenig im Auge. Bei der Verordnung von Medikamenten wird zum Teil nicht darauf geachtet, dass die Patienten, möglicherweise weitere gesundheitliche Probleme haben, die ebenfalls medikamentös behandelt werden, oder dass organische Schäden vorliegen, die den Einsatz bestimmter Wirkstoffe ausschließen sollten. Dr. Mahmood Bares, der als Internist, Notfallmediziner und Kardiologe praktiziert, ist ständig mit solchen Unzulänglichkeiten konfrontiert.

"Fachärzte sollten sich nicht nur engmaschiger mit den betreuenden Hausärzten austauschen, sie sollten ab und zu auch ein Auge auf den allgemeinen Gesundheits- oder eben Krankenstatus der Patienten haben, bevor sie Medikamente verordnen oder Eingriffe vornehmen."

Dr. Mahmood Bares, Internist, Notfallmediziner und Kardiologe

Dieser Kritik schließt sich auch Prof. Gerd Glaeske an:

"Wir sehen, dass die Kommunikation besser werden muss zwischen Hausärzten und Fachärzten, aber auch Krankenhäusern, Rehakliniken und Apotheken. Darum fordern wir auch die Patientinnen und Patienten auf, nachzufragen - in der Arztpraxis und in der Apotheke. Immerhin werden etwa zehn Prozent der Menschen über 65 Jahre aufgrund von Wechselwirkungen und Nebenwirkungen in Krankenhäuser eingeliefert. Sie sind nicht krank, sondern sie leiden unter den Schäden von zu vielen Arzneimitteln. Und wir haben jährlich bis zu 58.000 Todesfälle aufgrund von Nebenwirkungen zugelassener Medikamente. Das sind deutlich mehr Tote, als wir durch Verkehrsunfälle zu beklagen haben. Es gibt also einen deutlichen Handlungsbedarf."

Prof. Dr. rer. nat. Gerd Glaeske, Pharmakologe und Versorgungsforscher Universität Bremen

Apotheken bieten Beratung an

Einen Teil der Beratung übernehmen heute schon die Apotheken. Für viele Patienten sind sie auch die erste Anlaufstelle. Die Hemmschwelle, sich in der Apotheke zu erkundigen, ist für viele Menschen geringer als in der Arztpraxis. In einigen Bundesländern haben die Landesapothekerkammern Dienstleistungen eingeführt, die helfen sollen, den enormen Beratungsbedarf aufzufangen. ATHINA heißt eines dieser Programme. Es steht für Arzneimittel-Therapiesicherheit in Apotheken. Apotheker, die eine entsprechende Fortbildung absolviert haben, bieten umfassende Beratungen für die hilfesuchenden Patienten an. Franziska Wolf ist Apothekerin in Bisingen (Baden-Württemberg) und berät Patienten, die den Überblick über ihre Medikamente verloren haben. Sie lässt sich alle Medikamente zeigen, die die Patienten zuhause haben und überprüft diese auf potentielle Neben- und Wechselwirkungen, aber auch auf Ablaufdatum und Doppelmedikationen. Und sie wird fast immer fündig.

"Zu uns kommen zum Teil Patienten, die 20 Medikamente und mehr einnehmen. Zusätzlich kaufen sie Nahrungsergänzungsmittel oder pflanzliche Präparate und wissen nicht, dass es zu schwerwiegenden Wechselwirkungen kommen kann. Wenn notwendig, kontaktieren wir die verordnenden Ärzte. Manchmal ist das Ergebnis solcher Gespräche, dass ein Medikament abgesetzt, ausgetauscht oder die Dosis verringert werden kann. Manchmal weisen wir die Patienten darauf hin, wann sie welche Medikamente nehmen müssen, um Wechselwirkungen mit anderen Präparaten zu vermeiden und manchmal raten wir einfach auch von bestimmten Selbstmedikationen ab oder schlagen Alternativen vor, die keine Wechselwirkungen hervorrufen."

Franziska Wolf, Apothekerin, Bisingen

Auch Michael Thaler, Apotheker in München, berät seine Patienten. Er passt vor allem auf, wenn sie Medikamente abholen, die nicht vom Hausarzt, sondern einem Facharzt verordnet wurden oder wenn sie zusätzlich freiverkäufliche Medikamente einnehmen wollen, wie Schmerzmittel, Beruhigungsmittel oder Grippe- und Erkältungsmittel.

"Bei unseren Stammkunden erfassen wir alle Medikamente, die bei uns gekauft werden und sehen so sofort, wenn sich Interaktionen, also Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Produkten ergeben. Und für diesen Fall halten wir dann Rücksprache mit den verordnenden Ärzten. Das geht allerdings nur, wenn Patienten alle Medikamente bei uns holen. Wenn sie – was nicht selten passiert, weil der Weg vom Facharzt zur Apotheke um die Ecke nun mal der kürzere ist – jedoch jedes Medikament in einer anderen Apotheke holen, wird es schwierig mit der Beratung."

Michael Thaler, Apotheker, München

Patienten haben Recht auf einen Medikationsplan

Kommunikation ist das Schlüsselwort, wenn es darum geht, Risiken von älteren Patienten abzuwenden, die viele verschiedene Wirkstoffe einnehmen müssen. Das gilt auch für die direkte Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten. Mahmood Bares nimmt sich Zeit für ausführliche Gespräche mit seinen Patienten, weil er weiß, dass ein vertrauensvolles Verhältnis die Basis für eine fachkundige und erfolgreiche ärztliche Betreuung ist. Das Gespräch ist auch eine wichtige Informationsquelle für ihn.

"Ich muss doch wissen, ob ein Patient die Medikamente, die ich verordnet habe, verträgt, ob er sie wie besprochen einnimmt oder ob es Probleme gibt, Unverträglichkeiten – egal welcher Art. Wenn dem so ist, muss ich reagieren und gegebenenfalls ein anderes Medikament in Betracht ziehen. Die Zeit muss ich mir nehmen."

Dr. Mahmood Bares, Internist, Notfallmediziner und Kardiologe

Seit 2016 haben Patienten ein Recht auf einen Medikationsplan, sofern sie mindestens drei Medikamente gleichzeitig einnehmen über einen Zeitraum von mindestens 28 Tagen und diese von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden. Prof. Glaeske empfiehlt Ärzten die Lektüre der Priscusliste, die online verfügbar ist. Diese ist eine Liste für Ärztinnen und Ärzte, in der 83 Wirkstoffe verzeichnet sind, die für ältere Menschen eher nicht geeignet sind. Die Liste enthält Informationen zu Nebenwirkungen, aber auch alternative Wirkstoffe, die ältere Menschen besser vertragen.


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