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Mehr als Massage Wie kann die manuelle Lymphdrainage bei Ödemen helfen?

Sanfte, kreisende und pumpende Bewegungen mit der Hand – die manuelle Lymphdrainage ist eine Behandlungsmethode, um Schwellungen zu lindern, etwa in Armen oder Beinen. Ziel ist es, den Lymphfluss im Körper anzuregen. "Gesundheit!" begleitet zwei Patientinnen und zeigt, wie es funktioniert und was man beachten muss.

Von: Julia Richter

Stand: 12.10.2020

Für wen ist es geeignet?

Profitieren können Patienten mit einem chronischen Lymphödem etwa nach einer Krebs-Operation, Patienten, die postoperativ unter Schwellungen leiden, etwa am Fuß, an der Hüfte oder im Schulterbereich, aber auch Menschen mit angeborenen Lymphabflussstörungen oder solche, die unter chronisch-venöser Insuffizienz leiden.

Ingrid Ackermann kämpft seit ihrer Hüft-OP mit schweren Beinen und geschwollenen Füßen.

"In der Früh beim Aufstehen hab ich dicke Beine, dann hab ich immer den Druck von oben nach unten zum Knie. Dann hab ich Schwierigkeiten, wenn ich runtergehe, das ist sehr beschwerlich. Und dann, wenn ich längere Strecken lauf, das kann ich nicht mehr."

Ingrid Ackermann, Patientin

Schuld bei ihr ist ein akutes Ödem, am Knöchel und an der Hüfte. Ödeme sind krankhafte Flüssigkeits-Ansammlungen.

"Ödeme entstehen ganz oft: nach Operationen, wie z.B. an der Schulter, an der Hüfte oder am Kniebereich, aber auch durch Sportverletzungen, wie z.B. einer Verstauchungen, wo wir dann durch Heilungsprozesse oder Entzündungsprozesse eben Flüssigkeitsansammlungen oder Gewebeflüssigkeit in und unterhalb der Haut haben. Somit wird das sichtbar für uns. Wir können jetzt über die Lymphdrainage letztendlich diese Flüssigkeit mobilisieren und abstransportieren."

Florian Puchner, Physiotherapeut, Schön Klinik München Harlaching

Bei Susanne Helmbrecht ist es komplizierter: Wegen einer Krebs-Erkrankung mussten ihr vor ein paar Jahren zahlreiche Lymphknoten entfernt werden. Seitdem leidet sie unter einem chronischen Bein-Lymphödem, das nicht mehr weggeht.

"Der Alltag ist einfach ein Stückchen anstrengender. Mein Bein ist ja gleich ganz am Anfang ziemlich weit angeschwollen. Ich habe Probleme beim Stehen, beim Sitzen, dann wird es immer gleich noch stärker. Das heißt, ich muss viel Kompression tragen, die dann wieder einschnürt, die dann auch wieder wehtut."

Susanne Helmbrecht, Patientin

Das belastet auch die Psyche: Einen normalen Frauenschuh hat Susanne Helmbrecht seit Jahren nicht mehr gekauft, sie trägt bequeme flache Männerschuhe, meist Turnschuhe in Größe 45. Allein aufgrund der Bandagen kommt sie in keinen schmalen oder hohen Schuh mehr. Auch engere Hosen sind tabu, bei unterschiedlich dicken Beinen gehen nur weite Schnitte.

Das Lymphsystem

Die Lymphe sind ein wichtiger Teil unseres Körpers: Wasser, Eiweiß und Giftstoffe werden durch Lymphbahnen zu den Lymphknoten transportiert, dort gefiltert und in den Blutkreislauf zurückgespeist. Bei einem Erwachsenen gelangen täglich bis zu 20 Liter Flüssigkeit aus dem Blut ins Gewebe. Der Großteil wird wieder über den Blutkreislauf ausgeleitet. Aus circa zwei bis drei Litern entsteht die Lymphflüssigkeit, sie muss von den Lymphkapillaren aus dem Gewebe aufgenommen werden. Durch eine Operation, Verstauchung oder durch genetische Ursachen kann es zu einer Blockade kommen, dann lagert sich Flüssigkeit im Gewebe ab. Es kommt zu einer Schwellung, zu einem Ödem. Die körpereigene Kläranlage, die Müllabfuhr, ist dann quasi gestört.

Was ist die Lymphdrainage?

Eine manuelle Lymphdrainage wird zur Behandlung von Ödemen eingesetzt. Sie gehört zur physikalischen Entstauungstherapie. Ziel ist es, die Lymphgefäße zu stimulieren und so zu einem verstärkten Abstransport der Lymphflüssigkeit zu führen. Im Wesentlichen gibt es vier verschiedene Grund-Griffe, die bei Bedarf erweitert werden und in Abhängigkeit des Problems zum Einsatz kommen:

- Stehender Kreis
- Pumpgriff
- Drehgriff
- Schöpfgriff

Bei Ingrid Ackermann startet die Behandlung oben am Hals. Das ist ein typisches Vorgehen: Der Therapeut beginnt quasi „oben“ und arbeitet sich dann langsam nach unten zu den Extremitäten vor. Los geht es in der Nähe des Schlüsselbeins, am sogenannten Venenwinkel. Dort wird alles in Gang gesetzt. Die nächste Station ist der Bauch: Ist das Bein betroffen, so wie bei ihr, sitzen die wichtigsten Lymphknoten in der Leiste. Mit rhythmischen, kreisenden und pumpenden Bewegungen werden die Lymphgefäße unter der Haut angeregt.

"Man muss sich den Körper und das Lymphsystem wie eine Landkarte vorstellen. Wir können jetzt über gewisse Griffe, etwa den stehenden Kreis, durch den man eine Zugwirkung physikalisch ausübt und damit einen Sog und eine Pumpwirkung entfaltet, die Lymphe zur nächsten Station transportieren und damit letztendlich das Ödem mobilisieren."

Florian Puchner, Physiotherapeut, Schön Klinik München Harlaching

Über das Knie geht es weiter runter Richtung Wade – hier kommt der Schöpfgriff zum Einsatz. Meist ist es eine Kombination aus allen vier Griffen, die der Physiotherapeut anwendet. Wichtig: Die Bewegungen sind immer sehr sanft – anders als bei einer Massage. Im Prinzip wird die Haut nur vorsichtig nach oben bewegt und losgelassen. Während der Therapie wandert knapp ein halber Liter Lymph-Flüssigkeit durch ihren Körper und wird ausgeschieden.

"Ich muss sofort nach der Behandlung auf die Toilette und meine Beine sind viel lockerer, ich sehe das sofort, ich lauf ganz anders. Das ist wunderbar nach der Lymphmassage."

Ingrid Ackermann, Patientin

Susanne Helmbrecht muss fünf Mal pro Woche zur Physio-Behandlung. Bei einem chronischen Ödem wie in ihrem Fall muss der Therapeut einiges beachten:

"Die Lymphknoten auf der betroffenen Seite sind entfernt, dann habe ich da ein Sperrgebiet und ich muss drum herum arbeiten, quasi einen Umgehungsweg finden. Da arbeite ich unter die Achsel und muss an dieser Umgehungsstraße vorbei über die Hüfte arbeiten."

Ralf Gauer, Physiotherapeut, Herzogenaurach

Außerdem muss man bei ihr viel tiefer ins Gewebe gehen, weil das über die Jahre verhärtet ist.

Das Selbstmanagement

Wichtig ist Selbstmanagement. Eine gute Übung für zuhause für Ingrid Ackermann: Der stehende Kreis in der Leiste. Ein paar Minuten Üben am Tag genügen. Auch bei der sogenannten Wadenpumpe wird das Lymphsystem gut angekurbelt. Es gibt spezielle Übungen, je nachdem welche Region betroffen ist und je nachdem ob die Lymphknoten entfernt worden sind oder nicht. Gute Beispiele findet man über seinen Physiotherapeuten oder über Kurse bei der Lymph-Selbsthilfe.

Die Wirkung der Lymphdrainage wird durch Bewegung unterstützt: So oft es geht, sitzt Ingrid Ackermann auf dem Fahrrad. Patienten wie Susanne Helmbrecht müssen außerdem immer bandagiert werden. Die Kompressionstherapie ist ein wichtiger Baustein der Therapie, um den Entstauungs-Effekt aufrecht zu erhalten. Für sie gilt: Bewegung in Kompression hat den besten Effekt. Da die Bandagen extrem austrocknen, ist konsequente Hautpflege wichtig. Patienten sollten täglich auf eine ph-neutrale, gute Hautpflege achten.

Die richtige Diagnose

Ein Lymphödem ist alles andere als eine harmlose Schwellung und damit kein kosmetisches, sondern ein medizinisches Problem. An der Uniklinik Erlangen kennt man viele solcher Fälle und weiß, wie wichtig die manuelle Lymphdrainage für solche Patienten ist.

"Wenn das Lymphsystem die Ansammlung von eiweißreichen Stoffen und Ballaststoffen nicht mehr abstransportieren kann aus dem Gewebe, dann staut sich dieses Material in dem Gewebe, dann kommt es über lange Sicht zur Verhärtung – Fibrose – und dann ist das ein bleibendes Problem, was immer schlimmer wird, weil es wie ein Teufelskreis dann zur schlechteren Durchblutung führt und am Ende ist dann die Haut verändert, im Extremfall dann ein sogenannter Elefantiasis, ein Elefantenbein."

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Raymund E. Horch, Direktor Plastisch- und Handchirurgische Klinik, Universitätsklinikum Erlangen

So einen Flüssigkeitsstau kann man auch mithilfe der bildgebenden Verfahren sichtbar machen: In einer speziellen Lymphszintigraphie ist er gut zu erkennen. Wichtig ist, dass Betroffene nicht zu lange warten, bis sie sich Hilfe holen

"Wenn die Patienten merken, dass etwas ungewöhnlich stark anschwillt und nicht so einfach zurückgeht, dann kann man nur sagen, so früh wie möglich zum Lymphtherapeuten. Der kann helfen und verhindern, dass es ein chronisches Problem wird. Im Frühstadium kann man diese Bindegewebseinlagerungen eben noch verhindern, später nicht mehr."

Dr. med. Dr. h.c. Raymund E. Horch, Direktor Plastisch- und Handchirurgische Klinik, Universitätsklinikum Erlangen

Dass die Lymphdrainage mehr ist als eine Streichelmassage, ist gut untersucht:

"In der Tat zeigen die Studien, dass die Lymphdrainage die Lymphgefäße aktiviert, die Pulsation der Lymphflüssigkeit wird durch diese Massage angeregt, was sich über Stunden hinweg bis zu Tagen äußert, weil dann z.B. der Arm oder das Bein über Tage hinweg an Volumen abnimmt."

Dr. med. Caroline Meßmer, Chefärztin für Orthopädie und plastische Chirurgie, Schön Klinik München Harlaching

Wer muss aufpassen?

Grundsätzlich hat eine Lymphdrainage keine Nebenwirkungen. Es gibt aber einige Vorerkrankungen, die laut Dr. Caroline Meßmer ausgeschlossen werden müssen. Dazu gehört eine akute Entzündung, eine akute Krebserkrankung, starke Herzschwäche und Thrombosen. Wird die Behandlung von einem Arzt verordnet – etwa einem Internisten, einem Gefäßspezialisten, einem Orthopäden oder einem Schmerztherapeuten – zahlt in der Regel die Krankenkasse. Eine Sitzung dauert 30 bis 60 Minuten. Wie oft man pro Woche geht, hängt vom Beschwerdebild ab.

Gute Tipps und Selbsthilfegruppen gibt es hier:


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