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Berge, Winter, Lawinen Kurs: Lawinengefahr richtig einschätzen

Rund 100 Menschen sterben jährlich im europäischen Alpenraum durch Lawinen - die meisten lösen sie sogar selbst aus. Zu oft wird das Risiko unterschätzt. "Gesundheit!"-Reporter Fero Andersen lernt, die Gefahren in den Bergen richtig einzuschätzen. Richtig handeln, kann bei Lawinenunglücken Leben retten.

Von: Agnieszka Schneider

Stand: 28.11.2017

Symbolbild Lawinenabgang | Bild: BR

Berge im Winter, das bedeutet immer Lawinengefahr – auch bei einer Schneeschuhwanderung. Um im Ernstfall richtig reagieren zu können, macht "Gesundheit!"-Reporter Fero Andersen deshalb einen Lawinensuchkurs.
In der Bergschule von Stefan Hofmeister in Bayrischzell treffen sich zur heutigen Tour auch Anna und Martin – zwei erfahrene Schneeschuhwanderer. Das Wichtigste bei so einer Tour ist die Vorbereitung.

Tourvorbereitung und Lawinenlagebericht

Traumhaft schön, aber gefährlich: Winterwanderungen in den Bergen sind durch Lawinen gefährdet.

Die passende Tour auf den Bodenschneid ist schnell gefunden. Wie hoch die Lawinengefahr ist, darüber gibt der Lawinenlagebericht Auskunft. Der gilt für den gesamten bayerischen Alpenraum.

"An Ausrüstung brauchen wir auf alle Fälle unser Lawinen-Verschütteten-Suchgerät, wir haben mit dabei die Lawinensonde und eine Lawinenschaufel. Dieser Dreiklang - das ist die Notfallausrüstung - die hat jeder Tourengeher, egal ob auf Schneeschuhen oder auf Skitour, immer dabei."

Stefan Hofmeister, LVS-Kursleiter, Bergführer, Bayerischzell

Keine Pflicht, aber sinnvoll ist ein sogenannter ABS-Rucksack. Er soll das „Untergehen“ in einer Lawine verhindern. Das Wichtigste: Die Lawinenverschütteten-Suchgeräte haben alle dabei und aktiviert. Die Schneeschuhwanderung kann beginnen.

Lawinengefahr: Risiken richtig einschätzen

Lawinengefahr: Suchgerät, Sonde und Lawinenschaufel müssen immer dabei sein.

Die Wanderung startet an der Oberen Firstalm. Insgesamt werden 300 Höhenmeter überwunden, bis alle wieder an der Berghütte ankommen. Um das Lawinenrisiko zu minimieren, muss man die Zeichen der Natur richtig deuten.

"Gut, wenn ihr mal schaut – die Hänge da drüber, die gehen da unten flach los, immer steiler hoch ins extrem steile Gelände. Die Hänge sind für uns heute nichts."

Stefan Hofmeister, LVS-Kursleiter, Bergführer, Bayerischzell

Lawinengefahr: Ist dieser Hang gefährlich?

Das Lawinenrisiko ist einfach noch zu groß. Also weiterwandern und einen sicheren Platz für den LVS-Kurs suchen, der hoffentlich nur zur Übung dient. Je steiler der Hang, umso wahrscheinlicher ist es, dass eine Lawine abgeht. Dieser Hang hat eine Neigung von knapp 20 Grad – sicher genug für eine weitere Ausbildung.

Notfallausrüstung immer dabei: Suchgerät, Sonde und Lawinenschaufel

Die Standard-Notfallausrüstung, den Dreiklang, muss jeder dabei haben, wenn es ins Gelände geht: das Lawinen-Verschütteten-Suchgerät, die Sonde und die Lawinenschaufel, um jemanden ausgraben zu  können. Aber es gibt auch noch den Airbag-Rucksack. Was bringt er?

"Also im günstigsten Fall bleibst du mit dem Kopf nach oben auf den Schneemaßen oben drauf und bist auch innerhalb der kürzesten Zeit wieder gefunden. Wenn du es nicht auslösen kannst, verschwindest du genauso unten den Schneemassen und deswegen machen wir aus überlebenswichtigen Gründen die LVS-Ausbildung."

Stefan Hofmeister, LVS-Kursleiter, Bergführer, Bayerischzell

Lawinenunglück: Suchfeld und Verschwindepunkt

Lawinengefahr: Nur rund 18 Minuten bleiben, um einen Verschütteten lebend zu finden.

Wird eine Person von einer Lawine erfasst, muss zuerst ein Suchfeld um den Verschwindepunkt eingegrenzt werden. Die LVS-Geräte werden von „Senden“ auf „Suchen“ umgestellt. Ein Pfeil im Display zeigt jetzt die Suchrichtung an. An der Stelle mit dem besten Signal wird eine Markierung gesetzt. Anna versucht es mit der Sonde. Sie macht zum ersten Mal die LVS-Ausbildung.

"Gut, also dann habe ich jetzt den Mittelpunkt. 90 Grad zur Oberfläche, zügig einstechen. Und jetzt, in Schneckenform in ungefähr 25-30-cm-Schritten vorgehen. Je näher du dran bist, umso besser kann man ausgraben. Taste dich ran. Schaue, ob du ihn findest."

 Stefan Hofmeister, LVS-Kursleiter, Bergführer, Bayerischzell

Nach der Lawine: 18 Minuten zum Überleben

Lawinengefahr: Schnell, ruhig und mit richtiger Technik sondieren, kann Leben retten.

Wird der Verschüttete innerhalb der ersten 18 Minuten nach dem Lawinenabgang gefunden, sind seine Überlebenschancen am höchsten. Nach sechs Minuten ungefähr haben wir ihn gefunden, unser Testobjekt, in diesem Fall der Rucksack mit dem Sender. Wenn aber tatsächlich ein Mensch geborgen werden muss, kommt es darauf an, unbedingt richtig zu reagieren. 

Erste Hilfe: Auskühlung verhindern

Martin ist in seiner Ski- und Bergsteiger-Karriere noch nie etwas passiert. Heute spielt er für uns den Verschütteten. Wie reagiert man richtig, damit alles gut geht?

"Wichtig ist, vor der Auskühlung und Unterkühlung schützen. Erstehilfepäckchen und Biwaksack holen, die Schneeschuhe ausziehen, damit der Verschüttete in den Biwaksack eingepackt werden kann."

Stefan Hofmeister, LVS-Kursleiter, Bergführer, Bayerischzell

Erste Hilfe für einen Geborgenen: Unterkühlung vermeiden.

Besonders wichtig ist: Ruhe bewahren und überlegt handeln. Ist der Verschüttete bei Bewusstsein und kann sich bewegen, kann man ihn aufsetzen und warmen Tee verabreichen. Jetzt heißt es, dosiert wärmen. 

"Ein Biwaksack hält den Wind ab, bringt ein bisschen Temperatur. Man muss eines realistisch sehen: Als Ersthelfer bist du natürlich ziemlich schnell aufgeschmissen, du hast nicht viel dabei: Rettungsdecke, vielleicht einen Biwaksack und einen Tee. Jetzt ist wichtig, dass man schaut, das Unfallopfer möglichst schnell von hier weg zu bringen. Bei einer Verletzung am Knie, mit der er nicht mehr gehen kann, ist meine erste Wahl, den Helikopter zu rufen, also Notruf absetzen."

Stefan Hofmeister, LVS-Kursleiter, Bergführer, Bayerischzell

Lawinenunglück: Das alpine Notsignal

Und wenn das nicht geht? Welche Möglichkeiten gibt es dann?

"Ob man einen Verletzten alleine zurücklässt, muss man immer abwägen. Wenn er wirklich schlecht beieinander ist, würde ich dabeibleiben und würde zum Beispiel das Alpine Notsignal absetzen. In sehr vielen Materialien, zum Beispiel unserem Rucksack hier, da findet man das Alpine Notsignal abgebildet oben drauf.
Mit der entsprechenden Folge, mit der Einweisung für den Hubschrauber abgebildet, sind die Rufnummern für die verschiedenen Länder. Man muss nur wissen, wo es steht und dann kann man entsprechend nachschauen."

Stefan Hofmeister, LVS-Kursleiter, Bergführer, Bayerischzell

Lawinengefahr: In vielen Materialien und Rucksäcken findet sich das alpine Notsignal.

Die Erstversorgung war erfolgreich. Ab jetzt könnten Bergwacht oder Hilfe aus der Luft übernehmen. Nach einer Stunde suchen, sondieren und Erste Hilfe üben, geht die Tour weiter – zurück zur Oberen Firstalm. Angenommen, ein Lawinenopfer hat es auch auf die Hütte geschafft: Was ist zu tun?

"Wenn er trinken kann, sollte er warme Getränke bekommen, also gezuckerten Tee zum Beispiel, solange er schlucken kann und bei Bewusstsein ist, nicht zu heiß, sondern trinkfähig. Keinen Schnaps geben, auch keinen anderen Alkohol."

Stefan Hofmeister, LVS-Kursleiter, Bergführer, Bayerischzell

Vor allem bei starken Erfrierungen muss man richtig behandeln. Stefan zeigt, worauf es ankommt. 

"Ich lege jetzt eine Decke um den Körperkern, das heißt vom Kopf abwärts. Ich lasse die Hände und die Füße vorerst draußen, wenn es geht so weit. Und je nach Kältegrad zwei, drei Decken nutzen. Bei der letzten, die wir haben, da können wir jetzt die Arme mit reinnehmen. Und wenn man merkt, dass er quasi wieder warm wird, dann kann man die Decken langsam wieder wegnehmen."

Stefan Hofmeister, LVS-Kursleiter, Bergführer, Bayerischzell

Bei komplett durchgefrorenen Extremitäten kann das Aufwärmen bis zu einer Stunde dauern.

Lawinenverschüttetenkurs: Immer wieder auffrischen

Martin geht seit ungefähr 45 Jahren begeistert Ski-Touren. Hat ihm der Tag heute etwas Neues gebracht?

"Ja natürlich, jeder Tag bringt immer wieder etwas Neues und frischt viele Dinge wieder auf. Viele unterschätzen das leider."

Martin, Tourengeher

Winter, Berge, Schnee: Gute Vorbereitung und Ausrüstung sind entscheidend für die Sicherheit.

Auch "Gesundheit!"-Reporter Fero Andersen hat der Tag viel gebracht. Er ist froh, dass alles gutgegangen ist. Alle waren richtig vorbereitet und hatten das passende Equipment dabei. In diesem Sinne wünscht "Gesundheit!" noch schöne und gesunde Wintertage in den Bergen!


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