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Arzneipflanze 2020 Mit Lavendel gegen Schlafstörungen

Der echte Lavendel ist die Arzneipflanze des Jahres 2020. Doch bei welchen Krankheiten hilft Lavendel und wie nutzt man die Pflanze am besten im Alltag?

Von: Monika Hippold

Stand: 16.12.2019

Produkte mit Lavendel gibt es in Drogerien und Apotheken viele:  von Cremes über Öle, Tees, Kapseln, Tabletten bis hin zu Sprays, Salben und Bädern. Lavendel soll die Nerven stärken für besseren Schlaf sorgen und  gegen Stress helfen. Stimmt das? Welche Lavendel-Produkte helfen wirklich und vor allem wogegen?

Lavendel – Heilmittel seit Jahrhunderten

Der Blick in die Medizingeschichte zeigt: Lavandula angustifolia – so die botanische Bezeichnung für den echten Lavendel – wird bereits seit Jahrhunderten als pflanzliches Heilmittel eingesetzt. So findet sich schon bei den alten Ägyptern Lavendel, erzählt Sigrid Billig vom medizinhistorischen Museum in Ingolstadt:

"Die alten Ägypter haben Lavendelöl zum Parfümieren verwendet und sie haben Leichen damit einbalsamiert. Als  man 1922 das Grab von Tutanchamun eröffnet hat, hat man tatsächlich Salben-Gefäße gefunden, die noch ganz schwach nach Lavendel geduftet haben."

Sigrid Billig, Apothekerin, Deutsches Medizinhistorisches Museum, Ingolstadt

Lavendelöl ist auch heute noch Bestandteil vieler Parfums.

Römer badeten in Lavendel

Die Römer gaben Lavendelblüten in ihr Badewasser, sie badeten laut Plinius gerne in Lavendel. Der Begriff Lavendel stammt ab vom lateinischen lavare, übersetzt waschen.

"In Lavendel sind keine waschaktiven Substanzen enthalten. Da ging es wirklich nur um den Duft. Die Balneotherapie, also die Bade-Therapie, verwendet den Lavendel immer noch gerne, um den Kreislauf wieder in Schwung zu bringen."

Sigrid Billig, Apothekerin, Deutsches Medizinhistorisches Museum, Ingolstadt

Zusätzlich nutzten die Römer die Pflanze zur Schmerzlinderung. Sie setzten Lavendelwein und –essig gegen Blähungen, Seitenstechen, Nervenschmerzen und zur Schleimlösung ein.

Lavendel gegen Läuse und Lungenleiden

Die Benediktiner brachten den Lavendel über die Alpen. Äbtissin Hildegard von Bingen gilt als die Urmutter der traditionellen europäischen Komplementärmedizin. Sie beschreibt den echten Lavendel im 12. Jahrhundert in ihrem Werk Physica.

"Vor allem hat Hildegard von Bingen den starken Duft erwähnt und die Anwendung gegen Läuse. Sie hat aber auch einen Lavendelwein angesetzt, der bei Lungenerkrankungen verwendet wurde, bei ‚Dämpfigkeit in der Brust‘ – so ist es bei ihr zu lesen."

Sigrid Billig, Apothekerin, Deutsches Medizinhistorisches Museum, Ingolstadt

Lavendel gegen Erschöpfung und Angststörungen

Der Schweizer Arzt Paracelsus sah im 16. Jahrhundert in Lavendel ein Universal-Heilmittel gegen, wie er schreibt, Erschöpfung und nachlassende Lebenskraft. Und so wird Lavendel auch heute in der modernen Medizin eingesetzt: bei Schlafstörungen, Stress, Unruhe-, Angst- und Erschöpfungszuständen.

Lavendel: Studien belegen Wirksamkeit

Seit gut zwanzig Jahren werden dazu Studien veröffentlicht. Allein im Jahr 2019 waren es über 200 Publikationen, weiß Prof. Jost Langhorst. Er setzt in der Klinik für Integrative Medizin und Naturheilkunde in Bamberg Lavendel jeden Tag bei seinen Patienten ein.

"Es sind mittlerweile fünf Studien zu einer besonderen Anwendung des Lavendelöls publiziert. Und zwar zur Anxiolyse, also bei milden Angststörungen. In diesem Jahr wurden dazu wieder sehr vielversprechende Daten in einer Meta-Analyse veröffentlicht. Lavendel wirkt, ist dem Placebo überlegen und kann es in der angstlösenden Wirkung sogar mit Benzodiazepinen aufnehmen."

Prof. Dr. med. Jost Langhorst, Chefarzt, Klinik für Integrative Medizin und Naturheilkunde, Klinikum Bamberg

Lavendel hilft bei Schlafstörungen

Prof. Langhorst behandelt viele Patienten mit chronischen Schmerzen, Magen-Darm-, oder Herz- und Lungenerkrankungen. Zusätzlich dazu leiden viele an Schlafstörungen. Dann kann Lavendel helfen, wie bei Andreas Siegmund. Seit über zehn Jahren schmerzt ihn der Ischiasnerv, im Sommer kamen Rückenschmerzen dazu. Schlafen konnte er kaum noch.

"Zwei, drei Stunden, dann war der Schlaf rum und ich habe mich im Bett vor Schmerzen gekrümmt. Ich bin dann meist gleich aufgestanden und habe mich etwas bewegt."

Andreas Siegmund

Lavendelkapseln und die Lavendel-Herzauflage

Seit anderthalb Wochen ist Andreas Siegmund in der Klinik. Im Rahmen seiner ganzheitlichen Therapie – unter anderem mit Physiotherapie und Heilfasten – bekommt er Lavendelkapseln und einmal am Tag eine Herzauflage mit Oliven-Lavendelöl. Mindestens 30 Minuten behält er die Auflage auf der Brust.

"Das fühlt sich sehr entspannend und beruhigend an. Es wärmt gleichzeitig auch schön. Ich kann mittlerweile viel besser schlafen. So könnte es weitergehen für die Zukunft."

Andreas Siegmund

Die Lavendel-Herzauflage können die Patienten auch nach dem Aufenthalt in der Klinik zu Hause selbst weiter anwenden.

Lavendel: Wirksames Vielstoffgemisch

Dass Andreas Siegmund durch Lavendel besser schlafen kann, liegt an der Zusammensetzung des ätherischen Öls.

"Lavendel ist ein Vielstoffgemisch, eine Besonderheit der Natur: Man schätzt, dass bis zu 2.000 Stoffe ineinandergreifen. Davon sind erst 200 bis 300 bekannt, die wichtigsten darunter sind Linalool und Linalylacetat. Wichtig ist, dass diese Stoffe fettlöslich sind. Sie gehen also über die Blut-Hirn-Schranke und können im Gehirn an Rezeptoren ihre Wirkung erzielen."

Prof. Dr. med. Jost Langhorst, Chefarzt, Klinik für Integrative Medizin und Naturheilkunde, Klinikum Bamberg

Lavendel: Tipps von Sigrid Billig und Prof. Langhorst

Bad mit Lavendelöl

Ein paar Tropfen Lavendelöl in eine Tasse Vollmilch geben, gut verrühren, anschließend ins Badewasser gießen. Das ätherische Öl vermischt sich ohne Milch nicht mit dem Wasser, der Fettanteil der Milch dient gleichzeitig der Hautpflege.

Bei Badezusätzen aus der Drogerie: Darauf achten, dass echtes Lavendelöl in einer ausreichenden Konzentration enthalten ist.

Bad mit Lavendelblüten

Eine Hand voll Lavendelblüten mit einem Liter kochendem Wasser aufgießen, zehn bis fünfzehn Minuten ziehen lassen, abseihen und ins Badewasser gießen.

Lavendeltee

Für eine Tasse zwei Teelöffel Lavendelblüten mit kochendem Wasser aufgießen, die Tasse abdecken, damit die ätherischen Öle nicht in die Luft entweichen, fünf bis zehn Minuten stehen lassen, dann abseihen.

Lavendel-Herzauflage

Zum Beispiel mit Oliven-Lavendelöl (mit circa fünf Prozent Lavendel-Anteil, reines Lavendelöl wäre zu intensiv): Brust mit einer Hand voll Oliven-Lavendelöl einreiben, mit einem feuchten Tuch abdecken, warmes Tuch darüber, mit Bettdecke bedecken, im Liegen mindestens 30 Minuten einwirken lassen.

Nebenwirkungen von Lavendel 

Doch Lavendel ist nicht für jeden Patienten geeignet. Selten kommt es zu allergischen Reaktionen oder Sodbrennen. Die meisten fühlen sich dank der Arzneipflanze aber deutlich besser. Wer sich im Alltag mit Lavendel etwas Gutes tun möchte, für den hat Apothekerin Sigrid Billig noch zwei Tipps.

"Wer sich schlapp fühlt und ein anregendes Bad will, kann Lavendel verwenden. Wer einfach entspannt ins Bett gehen will, kann abends vor dem Schlafen einen Lavendeltee trinken. Und auch in der Erkältungszeit hilft Lavendel mit desinfizierenden Inhaltsstoffen des Lavendelöls."

Sigrid Billig, Apothekerin, Deutsches Medizinhistorisches Museum, Ingolstadt

Lavendel: Die Arzneipflanze des Jahres kann einem also auch helfen, fit und gesund durch den Winter zu kommen.


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