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Corona-Virus-Pandemie Wie wirkt sich die Coronakrise auf Bayerns Kurorte aus?

Unter welchen Bedingungen können Reha-Aufenthalte zur Zeit stattfinden, wie gehen die Kliniken mit der Pandemie um? Gesundheit! findet Beispiele menschlichen Durchhaltevermögens und gute Lösungen im oberbayerischen Bad Feilnbach.

Von: Florian Heinhold

Stand: 28.04.2020

Weniger Operationen, weniger Reha-Patienten

Nach Bad Feilnbach kommen eigentlich Kur- und Rehagäste aus ganz Deutschland. Doch im Moment ist vieles anders – auch in der Rehaklinik Reithofpark. Im Klinikgarten trainiert eine rüstige Gymnastiktruppe. Mit Therapeut Marko Nijic trainieren die Teilnehmer nicht nur die Muskeln sondern auch den Gleichgewichtssinn und die Koordination. Alle hier haben eine schwere Zeit hinter sich, hatten etwa ein Blutgerinsel im Kopf oder einen Schlaganfall. Wer eine Weile nur liegen kann liegt, bei dem bauen die Muskeln schnell ab. Und der Aufbau dauert Monate. Das schwierigste momentan: Die Familie darf nicht zu Besuch kommen.

Weil die Krankenhäuser wegen Corona viel weniger operieren, gibt es auch weniger Reha-Patienten. Diejenigen, die noch kommen, müssen erstmal getestet werden, damit sich das Coronavirus nicht unerkannt im Haus ausbreitet.

Auf der Isolierstation wartet Monika Reich noch auf ihr Corona-Test-Ergebnis. Monika hatte einen Schlaganfall.

"Furchtbar, wie ein Alptraum. Du gehst ins Bett und wachst auf in einem Krankenbett im Krankenhaus und fünf Leute stehen um dich rum und weinen. Schlucken konnte ich nicht. Und am Anfang habe ich gar nicht verstanden, warum ich alles in Breiform bekomme. Und du denkst: Wo bin ich überhaupt, was soll das? Bis das durchgesickert ist: Du bist jetzt gelähmt. Das war heftig."

Monika Reich, Reha-Patientin

Reha-Angebote finden virtuell statt

Weil viele Reha-Angebote in Isolation nicht möglich sind, hat Therapeut Thomas Rohbeck zusammen mit der Partnerklinik in Loipl Trainingseinheiten per Tablet eingeführt. "Sämtliche Gruppentherapien haben wir aus Sicherheitsgründen gecancelt bei uns im Haus. Dass sie alleine üben kann, wenn der Therapeut nicht da ist", erklärt Physioptherapeut Thomas Rohbeck. Wenn Monika Reichs Testergebnis negativ ist, wird sie vielleicht auch Therapiepferd Findus kennenlernen.

Auf dem Pferderücken lernen die Körper der Patienten grundlegende Bewegungsabläufe wieder. Das gute sei, dass die Bewegung, die der Pferderücken an das Becken weitergebe, genau unserem Gangbild entspreche, erzählt die Hippotherapeutin Juliane Schäffer. "Das heißt, da wird an das Gehirn weitergeleitet: Ich laufe wie ein ganz gesunder Mensch, das Gehirn speichert das und dadurch wird das Gangbild wieder verbessert."

Normalerweise kommen die Patienten in Gruppen zu Julianes Pferdehof. Nicht nur das ist jetzt in der Krise anders – weil es in der Region so viele Corona-Infektionen gab, wurde ein Teil des Rehazentrums kurzerhand zur Coronaklinik umfunktioniert.

Pflegeheim besonders betroffen

Im Pflegeheim St. Lukas hat das Coronavirus in Bad Feilnbach besonders gewütet. Über dreißig Menschen wurden hier positiv getestet und das Pflegeheim musste geräumt werden. Direkt gegenüber des Altenheims leben Albert und Christine Kuttenhofer. Sie haben die Evakuierung hautnah miterlebt.

"Drüben beim Festzeltplatz waren die ganzen Krankenwägen aufgereiht. Und dann haben sie in der Kolonne die Leute abtransportiert. Bei den Nachbarn hinten hat es geheißen: Fenster und Türen schließen. Und alle sind mit Schutzkleidung rumgesaust. Das war schon ein beklemmendes Gefühl."

Christine Kuttenhofer, Anwohnerin Bad Feilnbach

Auch die Freiwillige Feuerwehr in Bad Feilnbach war an der Evakuierung beteiligt – eine völlig neue Situation. Alle hier sind ehrenamtlich – die Feuerwehren spielen eine wichtige Rolle beim Katastrophenschutz. "Dass wir mal in eine solche Lage kommen, hat man sich auch nicht vorstellen können. Das hätte ich mir persönlich auch nie gedacht. Aber man sieht es, wir sind da gerade voll mitten drin", berichtet Hannes Roth, stellvertretender Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Bad Feilnbach.

Rehazentrum zur Coronaklinik umfunktioniert

Viele der infizierten Senioren aus dem Pflegeheim sind jetzt in der Rehaklinik untergebracht. Weil es in der Region so viele Covid-Patienten gibt, wurde ein Teil der Kurklinik Reithofpark zur Coronastation umfunktioniert, um die Krankenhäuser zu entlasten. Professor Peter Young hat die Umstellung als Chefarzt gestaltet.

In einer streng vom Rehabetrieb getrennten Coronastation in der Reithofpark-Klinik werden an Covid-19 erkrankte Senioren behandelt, die aus dem Pflegeheim im Ort evakuiert werden mussten. Das Team tut nun alles, damit sich die Senioren gut erholen.

"Also es ist jetzt Licht am Ende des Tunnels. Es hilft das Gefühl zu haben, wir tun was Sinnvolles. Wir sind gern am Menschen am Patienten und wollen helfen und insofern gibt das ein gutes Gefühl, sowas mit auf die Beine gestellt zu haben."

Prof. Dr. med. Peter Young, Neurologe, Medical Park Bad Feilnbach

Seit der Katastrophenfall gilt, brechen in ganz Bayern die Reha-Gäste weg, erzählt Geschäftsführer Stephan Merz. Dann kam die Umstellung auf Corona-Patienten: "Wir haben ganz große Herausforderungen erlebt, vor allem auch deshalb, weil sich die Lage täglich manchmal stündlich ändert. Was gestern noch galt gilt heute schon nicht mehr. Wir haben eine ganz neue Patientenklientel bei uns in den Häusern. Und das fordert das ganze Team."

Auch Gastronomie und Geschäfte sind betroffen

Die Last der Krise bekommt die ganze Region um den Kurort zu spüren. Vor allem die Gastwirte, die von den Kurgästen und den Wanderern leben – und jetzt nicht aufmachen dürfen. Wie Josef Steinberger. Sein Wirtshaus Millau liegt direkt gegenüber eines beliebten Wanderparkplatzes. Er hofft auf weitere Lockerungen im Mai.

Geschäfte dürfen unter Einhaltung bestimmter Regeln wieder öffnen, für die Kunden sind Masken Pflicht. Die Höfers sind mit ihrer Schafswollspinnerei echte Urgesteine in der Gemeinde. Die Familie produziert hier Teppiche und Mode aus Schafswolle. Im Moment geht es den Höfers nicht anders als dem Rest Bayerns: Auch hier stehen die Webstühle still. Bald wird auch das Geschäft der Höfers wieder öffnen – mit Mindestabstand zu den Kunden natürlich.


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