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Bisphosphonat, Kiefernekrose Wenn Medikamente den Kiefer zerstören

Sie sind das Mittel der Wahl bei Osteoporose und Therapien für Tumorpatienten mit Knochenmetastasen: Bisphosphonate und eine Reihe ähnlicher Wirkstoffe. Doch die Nebenwirkungen sind mitunter gravierend. Vor allem Tumor-Patienten haben mit medikamentenassoziierten Kiefernekrosen zu kämpfen.

Von: Florian Heinhold

Stand: 01.04.2019

Gesundheit! trifft eine Patientin auf dem Weg ins Uniklinikum Erlangen. Als sie vor einigen Jahren die Diagnose Brustkrebs bekommt, ahnt sie nicht, was das mit ihrem Kiefer und ihren Zähnen zu tun haben wird.

"Davon wusste ich überhaupt nichts. Ich habe selber einen Knoten bemerkt und bin zum Arzt gegangen. Mein Gynäkologe zuhause hat dann bei einer Gewebeuntersuchung festgestellt, dass es bösartig war. Ich dachte, Brustkrebs ist so eine häufige Erkrankung und es ist schon so gut erforscht, da weiß man, was zu tun ist."

Brustkrebs-Patientin

Erst der Krebs, dann die Kiefernekrose

Das Problem – die Ärzte stellen fest, dass der Krebs bereits Knochen-Metastasen gebildet hat. Das Mittel der Wahl in solchen Fällen für Frauenärzte und Onkologen: Eine Therapie mit Bisphosphonaten.

"Wir wissen, dass Patientinnen, die Metastasen in den Knochen haben und diese Medikamente bekommen, länger leben, weniger oft im Krankenhaus sind und weniger Knochenbrüche erleiden."

Dr. med. Julius Emons, Gynäkologe, Universitätsklinikum Erlangen

Und ausgerechnet zwei der häufigsten Krebsarten verursachen Knochenmetastasen – Brustkrebs bei Frauen und Prostatakrebs bei Männern. Im Fall der Brustkrebs-Patientin schaltet die Frauenklinik sofort die Ärzte der Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgie ein – denn Bisphosphonate und ähnliche Wirkstoffgruppen wirken zwar Wunder, wenn es um die Bekämpfung von Metastasen geht, doch als Nebenwirkung können sie Kiefernekrose verursachen. Es ist Paradox: das gleiche Medikament, dass Knochen im restlichen Körper stärkt, ist für den Kieferknochen eine Bedrohung.

Regelmäßige Screening-Untersuchungen

Prof. Marco Kestings Team von der Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgie des Uniklinikums Erlangen betreut die Patientin seitdem sie Bisphosphonate einnimmt. In engmaschigen Screenings überprüfen die Ärzte, ob es Anzeichen einer beginnenden Nekrose gibt. Bei einer solchen Untersuchung fanden sie schon einmal eine eitrige Stelle an ihrem Kiefer und diagnostizierten dabei eine Kiefernekrose.

"Das Austreten des Eiters ist in diesem Fall nur die Spitze des Eisbergs. Es verbirgt sich darunter ein größerer Herd, als sich oberflächlich vermuten lässt. In solchen Fällen kann es dazu kommen, dass der Kiefer bricht. Und das wäre dann ein Worst Case-Szenario."

Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Marco Kesting, Mund-Kiefer-Gesichtschirurg, Universitätsklinikum Erlangen

Große Bandbreite an operativen Therapien

Wie eine Kiefernekrose behandelt wird, zeigt uns Professor Kesting im OP. In leichteren Fällen reicht das Entfernen des abgestorbenen Kiefergewebes. Im schlimmsten Fall steht eine richtig große OP an. Gesundheit! darf einen Eingriff begleiten, bei dem acht Ärzte und Pfleger versuchen, den Kiefer eines Patienten mit einer aufwendigen Transplantation von Knochen und Gewebe aus dem Wadenbein zu retten.

"Die Bandbreite reicht von kleinsten Operationen wie dem Ziehen eines Zahns bis hin zu großen OPs, bei denen man den Unterkiefer entfernen muss und durch Weichteile und Knochengewebe von anderen Körperstellen decken muss."

Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Marco Kesting, Mund-Kiefer-Gesichtschirurg, Universitätsklinikum Erlangen

Bei unserer Patientin musste eine Titanschiene eingesetzt werden, damit der Kiefer nicht brüchig wird. Doch nicht nur im Falle von Krebs werden Bisphosphonate eingesetzt.

"Tumorpatienten haben das größte Risiko, so eine Osteonekrose zu erleiden. Es gibt aber auch eine zweite Gruppe, das sind die Osteoporose-Patienten, die auch Bisphosphonate als knochenverstärkende Medikamente bekommen."

Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Marco Kesting, Mund-Kiefer-Gesichtschirurg, Universitätsklinikum Erlangen

Osteoporose-Medikamente – starke Knochen, schwache Kiefer

Osteoporose ist eine Volkskrankheit unter der sechs bis acht Millionen Deutsche leiden. Vor allem Frauen über 50 sind betroffen. Die Krankheit lässt die Skelettmasse schrumpfen, macht die Knochen brüchiger. In extremen Fällen reicht schon ein Niesen für eine Fraktur.

In der Praxis von Osteoporose-Spezialist Prof. Dietmar Daichendt in München trifft Gesundheit! auf eine Patientin, die im vergangenen Jahr die Diagnose Osteoporose erhielt.

"Das Tückische an einer Osteoporose ist, dass sie keine Schmerzen verursacht. Wenn sie schmerzhaft ist, dann nur, wenn schon etwas gebrochen ist."

Prof. Dr. med. Dietmar Daichendt, Allgemeinarzt, Osteoporosezentrum, München

Computer-Tomographie bestimmt Knochendichte

Deshalb kann man den Fortschritt der Krankheit nur bestimmen, indem man die Knochen selbst untersucht. Früher musste dafür mittels Biopsie eine Knochenprobe genommen werden. Heute kann man die Knochendichte mit einer speziellen Computer-Tomographie bestimmen. Die Patientin muss sich jetzt entscheiden, ob sie ihre Osteoporose mit Medikamenten bekämpfen will.

"Die Diagnose war schon ein Schock und da muss man einfach abwägen. Was ist mir wichtiger: das Risiko eines Bruchs, oder die Gefahr, dass ich Probleme mit meinen Zähnen bekomme?"

Patientin

Prof. Daichendt hält eine medikamentöse Behandlung in diesem Fall langfristig für den richtigen Weg – auch weil die Dosierung bei der Osteoporose-Therapie deutlich geringer ist, als bei Tumor-Patienten. 

"Bei Tumorpatienten wird eine deutlich höhere Dosierung verabreicht. Diese Patienten haben ein hohes Risiko, eine Kiefernekrose zu entwickeln. Bei Osteoporose-Patienten ist das Risiko im Promille-Bereich."

Prof. Dr. med. Dietmar Daichendt, Allgemeinarzt, Osteoporosezentrum, München

Krafttraining, Ernährung, Calcium, Vitamin D

Unsere Osteoporose-Patientin versucht ihre Knochen ohne Medikamente zu stärken. Das geht einerseits durch Sport, vor allem durch spezielles Osteoporose-Krafttraining. Außerdem sind eine ausgewogene Ernährung, Calcium und Vitamin D wichtig für die Knochen.

Solange es geht, will sie auf Bisphosphonate und andere nebenwirkungsintensive Wirkstoffe verzichten – aus Sorge vor der Kiefernekrose.


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