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Kribbelnde, taube Hände Was tun bei einem Karpaltunnelsyndrom?

Es beginnt mit kribbelnden, tauben Händen - zuerst nachts, später auch tagsüber. Ein verengter Karpaltunnel im Handgelenk übt Druck auf den Nerv aus. Frühzeitig erkannt, kann man die Erkrankung gut behandeln - auch ohne Operation.

Von: Julia Richter

Stand: 07.10.2019

Die Symptome

Am Anfang passiert es nur nachts. Corinnas Hand schläft ein. Immer und immer wieder. Dann muss sie aufstehen, die Hände ausschütteln und die Arme kreisen.

"Es fängt an, mit so einem ganz leichten Kribbeln. Und dieses Kribbeln geht dann bis vorne in die Fingerspitzen. Dann wird alles taub. Das bereitet sich dann in drei, vier Finger aus. Man kann einfach nicht mehr greifen. Dieses taube Gefühl, dieses Kribbeln geht einfach über in einen Schmerz. Es ist wahnsinnig lästig."

Corinna, Patientin

Besonders belastend ist der Schlafentzug: Corinna arbeitet beim BR - in den Nachrichten. Sie muss oft früh aufstehen, oder kommt erst spät ins Bett.

"Wenn dann der Wecker um 3 Uhr 30 klingelt und man erst so zwei, drei Stunden geschlafen hat, dann ist das schon sehr schwierig, das einfach wegzustecken, und trotzdem dann los zu müssen - ab in den Alltag."

Corinna, Patientin

Typischerweise bleibt es nicht beim nächtlichen Einschlafen der Hand. Die Missempfindungen nehmen im Verlauf meist auch am Tag zu: Ganz alltägliche Dinge wie Gemüseschälen, Brotschneiden oder Föhnen gehen ihr nicht mehr so leicht von der Hand. Besonders lästig: Sogar beim Autofahren und beim Radfahren schlafen ihr ständig die Finger ein.

Bei Christian Gampenrieder ist es noch schlimmer: Bei dem 52-Jährigen sind beide Hände betroffen und das seit Jahren. Die Folge: Er leidet bereits unter Lähmungen und einem verminderten Tastsinn.

"Bei mir fühlt es sich an, wie ein Taubheitsgefühl in den Händen, ich habe einen sehr eingeschränkten Tastsinn. Es ist sehr hinderlich beim Bedienen einer Tastatur, ich treffe immer drei Tasten auf einmal, oder wenn Sie ein Geldstück vom Boden aufheben, oder den Bonzettel aus der Hosentasche fummeln an der Kasse, Sie finden ihn nicht, weil sie ihn nicht spüren können."

Christian Gampenrieder, Patient

Ursachen für ein Karpaltunnelsyndrom

Das Karpaltunnelsyndrom ist die häufigste Handerkrankung – jeder Zehnte ist betroffen, Frauen leiden etwa drei Mal so häufig darunter wie Männer.

Der Karpaltunnel ist der Raum zwischen Handwurzelknochen unten und einem darüber liegenden Bindegewebsband oben. Im Kanal liegt der mittlere Handnerv. Dieser sorgt dafür, dass unsere ersten drei und der halbe vierte Finger fühlen und greifen können. Beim Karpaltunnel-Syndrom wird der Handnerv eingeengt. Mögliche Folge sind dann Missempfindungen, Schmerzen und später auch Lähmungserscheinungen.

"Die Gründe für ein Karpaltunnelsyndrom sind vielfältig. Häufig kann man keinen speziellen Grund festmachen. Prinzipiell möglich sind hormonelle Umstellungen wie z.B. die Wechseljahre oder eine Schwangerschaft, rheumatologische Erkrankungen wie eine Arthritis oder Belastungen, Überbelastungen oder Traumata."

Dr. med. Moritz Schöneich, Handchirurg, Schön Klinik München Harlaching

Auch genetische Faktoren können eine Rolle spielen, weitere Auslöser sind z.B. Diabetes, Nieren- oder Schilddrüsenerkrankungen.

Diagnostik

In einem ersten Schritt erfragt der Arzt die persönliche Krankengeschichte – die Symptome sind beim Karpaltunnelsyndrom meist eindeutig. Der Arzt tastet die Hand ab und klopft auf den Karpaltunnel – löst das Schmerzen oder Missempfindungen aus, ist das ein eindeutiges Anzeichen.

Außerdem wird die Funktion des Daumens getestet. Kann der Patient den Daumen nicht mehr gut oder gar nicht mehr abspreizen, spricht das für eine Erkrankung. Daneben gibt es auch Provokationstests wie den sogenannten Phalen-Test: Der Patient wird gebeten, die Hände mit den Handrücken aneinander zu legen. Verstärken sich die Schmerzen, ist auch das ein eindeutiges Zeichen.

Daneben gibt es eine wichtige neurologische Untersuchung: Mit Hilfe der Elektroneurografie kann der Arzt untersuchen, wie schnell der mittlere Armnerv empfangene Reize weiterleitet. Das ist die sogenannte Nervenleitgeschwindigkeit. Ist der Wert erhöht, spricht auch das für eine Erkrankung. In seltenen Fällen können zusätzliche Untersuchungen wie ein Ultraschall sinnvoll sein.

Bei Christian Gampenrieder sind die Beschwerden so weit fortgeschritten, dass sich die Muskulatur zurückgebildet hat - er muss schnell operiert werden.

Die Behandlung

Im Anfangsstadium ist eine konservative Therapie sinnvoll: Corinna probiert es deswegen mit einer speziellen Schiene. Die verhindert, dass das Handgelenk abknickt und der Druck im Karpaltunnel zunimmt. Hat sie akut Probleme, hilft ihr außerdem Kälte. Dazu hält sie die Hände unter eiskaltes Wasser. Außerdem hat sie eine Kortison-Spritze bekommen.

"Am Nachmittag fühlte sich die Hand erst sehr taub an, war auch wieder eingeschlafen, nach drei, vier Stunden ging es raus und die Nacht verlief dann so, ich habe acht Stunden geschlafen und war am nächsten Morgen wie neu geboren."

Corinna, Patientin

Unterstützend macht Corinna Übungen, um das Gewebe zu lockern und die Beweglichkeit der Finger zu fördern. Ihr Tipp: Fünf Sekunden den Ball drücken und wieder loslassen. Das Ganze etwa 10 Mal wiederholen.

"Im Anfangsstadium ist eine konservative, also nicht operative Therapie immer die erste Wahl. Und das ist die Schienenruhigstellung, als Alternative die Kortisonbehandlung als Tablette oder Injektion. Wenn die Beschwerden darunter nicht rückläufig sind, und vor allem, wenn dauerhafte Probleme, wie eine dauerhafte Taubheit oder Schwäche auftreten, ist es ist wichtig, die Entscheidung zur Operation zu fällen und keinen dauerhaften Schaden zu riskieren."

Dr. med. Moritz Schöneich, Handchirurg, Schön Klinik München Harlaching „

Die OP – neues Verfahren lindert Schmerzen

Auch Christian Gampenrieder hat sich für den Eingriff entschieden. Die OP erfolgt ambulant, ohne Vollnarkose: Der Patient kann sofort danach nach Hause gehen. Seit kurzem gibt es eine neue Methode:

"Wir verwenden als Anästhesieverfahren das sogenannte Walantverfahren. Das Lokalanästhetikum ist hierbei mit Adrenalin versetzt, das ermöglicht uns den Eingriff in einem relativ blutarmen Setting durchzuführen und das Ganze ist für den Patienten deutlich angenehmer und nahezu schmerzfrei."

Dr. med. Moritz Schöneich, Handchirurg, Schön Klinik München Harlaching

Früher mussten Patienten eine spezielle Manschette am Arm tragen, die zu einer Blutleere geführt hat, nur so konnte operiert werden. Das wurde häufig als sehr unangenehm und teilweise sogar schmerzhaft empfunden. Es gibt offene und endoskopische Eingriffe. Bei der offenen OP wird als erstes ein 2-3 cm langer Schnitt in die Hohlhand vorgenommen. Dann durchtrennt der Chirurg das Karpalband. Das ist ein feste Bindegewebsstruktur, die sich über den unteren Bereich der Handwurzel über den Karpaltunnel spannt. Dadurch fällt die Begrenzung weg – der Nerv und die Sehnen haben wieder Platz.

Es handelt sich um einen Routineeingriff: Komplikationen sind äußert selten. Erwachsene brauchen das Band übrigens nicht, man hat also nach dem Eingriff keine Einschränkungen. Wird rechtzeitig operiert, kann das Karpaltunnelsyndrom vollständig geheilt werden. Die Schmerzen verschwinden in der Regel schon am Tag nach dem Eingriff. Die Patienten bekommen eine Schiene und einen Verband.

"Die Karpaldachspaltung hat hohe Erfolgsquoten mit bis zu 90 Prozent. Nach der Operation ist der Einsatz der Hand gleich gestattet. Die Wundheilung braucht in der Regel 10-14 Tage und im Anschluss ist - nach etwa drei bis Wochen - der volle Einsatz der Hand möglich."

Dr. med. Moritz Schöneich, Handchirurg, Schön Klinik München Harlaching


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