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Kälte und Medizin Wenn Kälte helfen kann: Ist Frieren gesund?

Der Winter, viel Schnee und eisige Temperaturen. Doch Kälte hat auch etwas Positives – sie kann sogar heilen. Gesundheit! Reporter Fero Andersen trifft Eisschwimmer und wird bei minus 110 Grad in einer Kältekammer fast schockgefrostet.

Von: Christian Brandt

Stand: 22.01.2019

Wichtig: Das Aufwärmen vor dem Eisbaden.

Kälte soll unser Immunsystem stärken, bei der Fettverbrennung helfen und sogar glücklich machen. Ob das tatsächlich stimmt? Gesundheit! Reporter Fero Andersen wagt den Selbsttest.  Er ist auf dem Weg zur Isar – zum Eisbaden. Hier trifft er Christian, Martin und Alexander. Was bewegt sie zum Eisbaden?

Ein Extrem, geeignet nur für Gesunde: Eisschwimmen

"Die Lust an der Herausforderung, das Ganze mal zu erleben, wie kalt das Wasser wird …

… Für mich ist es die Entspannung danach. Es ist zwar schmerzhaft, aber danach bist du richtig gechillt …

… Als Tauchlehrer kommt man vom Eistauchen und dementsprechend irgendwann auch mal zum Eisschwimmen. Und es ist einfach die Entspannung danach. Das Immunsystem wird gestärkt und es macht glücklich ..."

Christian, Martin und Alexander, baden auch im Winter im Freien

Eisbaden: Grenzerfahrung nur für Gesunde

Gerade einmal vier Grad hat das Isarwasser zur Zeit.

Nur vier Grad hat das Wasser der Isar zur Zeit, das ist aber immerhin wärmer als die Luft. Wichtig ist, sich vorher ordentlich aufzuwärmen, so kommt der Kreislauf besser mit der plötzlichen Kälte klar. Menschen mit Herz-Kreislauf Beschwerden sollten übrigens unbedingt Rücksprache mit ihrem Arzt nehmen, bevor sie ins Eiswasser springen. Mindestens einmal pro Woche stürzen sich Martin, Alexander und Christian ins kalte Wasser.

Kälte in der Medizin: Schmerzen lindern

Mit Kälte gegen Schmerzen: Rheumapatientin in der Kältekammer

Gesundheit! Reporter Fero Andersen besucht die Abteilung für Rheumatologie im Krankenhaus Neuwittelsbach in München. Hier gibt es eine Kältekammer, die selbst Temperaturen eines arktischen Winters toppt: minus 110 Grad! Physiotherapeut Gernot Fuchs behandelt die erste Patientin. Sie hat entzündliche Muskelsehnenansätze. Die Kälte lindert die Schmerzen bei rheumatischen Erkrankungen. Bis zu drei Minuten bleiben Patienten in der Kammer.

Minus 110 Grad: Immer in Bewegung bleiben

"Der Effekt, wenn man rauskommt, ist natürlich: Wow! Weil das prickelt am ganzen Körper und man ist so richtig gepusht und erfrischt. Wenn man mal so zehn Eingänge macht, hält der Effekt hinterher für ein paar Wochen an. Man braucht weniger Schmerzmittel und man ist beweglicher und der Schmerz ist natürlich auch besser."

Schmerzpatientin

Reporter Fero Andersen will die Kältekammer selbst ausprobieren. Vorher trifft er Professor Herbert Kellner. Er ist medizinscher Leiter der rheumatologischen Abteilung. Minus 110 Grad in der Kältekammer: Warum ist das gesund?

"Die Kälte stellt eine Art von Reiztherapie dar. Man muss sich das so vorstellen: Wenn ein Körper mehrere Schmerzreize empfängt, dann kommt es im zentralen Nervensystem dazu, dass nur eine gewisse Menge an Schmerz verarbeitet werden kann und mit dieser Art von Reiztherapie blockieren wir sozusagen andern Schmerz."

Prof. Dr. med. Herbert Kellner, Facharzt für Innere Medizin, Rheumatologe und Gastroenterologie, Ärztlicher Leiter der Abteilung Rheumatologie und Physikalische Medizin im Krankenhaus Neuwittelsbach

Warum kann Kälte gegen Rheumaschmerzen helfen?

Mit dem Unterschied, dass die Kälte eben nicht weh tut. Die extreme Temperatur reizt die Kälterezeptoren im ganzen Körper. Die senden dann viel mehr Signale als gewöhnlich ans Gehirn. Das Ergebnis ist eine Reizüberflutung. Durch den übermäßigen Kältereiz vergisst das Gehirn sozusagen den Rheumaschmerz. Ist die Kältetherapie Kassenleistung und wo,  außer bei Rheumaerkrankungen, kommt sie noch zum Einsatz?

"Wir haben auch Patienten, die zum Beispiel im Rahmen einer Multiplen Sklerose, also auch bei neurologischen Erkrankungen davon profitieren. Im Rahmen des Aufenthaltes in der Rheuma-Tagklinik hier im Hause ist der Besuch dieser Kältekammer zwei Mal täglich inkludiert. Es ist keine Kassenleistung für gesetzlich Krankenversicherte Patienten. Sie können bei der Kasse einen Antrag stellen und im Einzelfall wird das dann erstattet."

 Prof. Dr. med. Herbert Kellner, Facharzt für Innere Medizin, Rheumatologe und Gastroenterologie, Ärztlicher Leiter der Abteilung Rheumatologie und Physikalische Medizin im Krankenhaus Neuwittelsbach

Kälte soll ja sogar bei der Fettverbrennung helfen, aber das mit dem Fettburning klappt in der Kältekammer nicht.

"Sie können bei diesen zwei Minuten keine signifikante Menge an Kalorien verbrennen."

Prof. Dr. med. Herbert Kellner, Krankenhaus Neuwittelsbach

Kältekammer: Kleidung schützt Fingerspitzen und Ohren

Bereit für die Kältekammer: Nur Finger, Ohren, Hals und Füße sind leicht geschützt.

Gesundheit! Reporter Fero Ansdersen ist soweit Damit nichts schiefgeht, überwacht das Ganze der Physiotherapeut Gernot Fuchs. Die Kleidung für die Kältekammer sieht etwas komisch aus. Ist sie wirklich notwendig?

"Die Handschuhe schützen die Fingerspitzen, da es sonst zu Erfrierungen kommen kann. Die Mütze schützt die Ohren. Manche Menschen sind am Hals empfindlich, deswegen ein Schal. Der Mundschutz sorgt dafür, dass nicht zu viel Feuchtigkeit in die Kammer kommt."

  Gernot Fuchs, Physiotherapeut, Krankenhaus Neuwittelsbach

Gernot Fuchs gibt Fero Andersen noch einige Verhaltensregeln mit auf den Weg.

"In erster Linie mal leicht bewegen, langsam atmen, die Atmung schön gleichmäßig, im Kreis gehen vielleicht. Vielleicht auch die Gelenke leicht durchbewegen und auf unsere Ansage achten. Und wenn Sie das Gefühl haben, dass es ihnen zu kalt wird, kommen Sie bitte raus."

Gernot Fuchs, Physiotherapeut, Krankenhaus Neuwittelsbach

Minus 110 Grad: Extremerfahrung Kältekammer

Los geht´s. Zunächst in die Vorkammer, die hat nur minus 50 Grad. Nach 30 Sekunden darf Fero Andersen dann in die Hauptkammer mit minus 110 Grad. Es ist extrem kalt, aber nicht unangenehm, weil die Luft in der Kammer sehr wenig Luftfeuchtigkeit enthält. Eine Minute hat er geschafft, ihm reicht die eine Behandlung. Tagesklinik-Patienten bekommen zwei Behandlungen täglich. Und was macht er danach am besten, vielleicht ein heißes Bad?

"Nein, ein heißes Bad sollte man tunlichst vermeiden. Einfach locker bewegen, damit alles ein bisschen im Schwung kommt. Und wir Therapeuten machen dann Bewegungstherapien, Krankengymnastik oder Massagen mit den Patienten."

Gernot Fuchs, Physiotherapeut, Krankenhaus Neuwittelsbach

Eisbaden: Im Winter in die Isar?

Nur etwas für Mutige: Winterschwimmen

Nach dieser Erfahrung wagt Fero Andersen auch beim Eisbaden an der Isar den Selbstversuch. Im Gegensatz zur Kältekammer tut ihm das vier Grad kalte Wasser richtig weh. Es brennt und sticht auf der Haut. Er muss schnell wieder raus.

Temperaturcheck nach dem Eisbad auf der Haut: 7,7 Grad. Normalerweise ist die Haut über 30 Grad warm. Nach dem Eisbaden sollte man sich sofort abtrocknen und aufwärmen. Fero Andersen geht sich schnell anziehen und dann rein ins Warme. Wie ist es den anderen ergangen?

Nur sieben Grad misst die temperatur nach dem Eisbad auf der Haut.

"Bei mir ist es ganz in Ordnung. Die Beine sind ein bisschen kühl noch, aber der Körper arbeitet gerade ...
... Wunderbar. Also, das wird von Mal zu Mal besser. Mit der Übung gewöhnt der Körper sich und dann wird es immer wärmer ...
... Und es gibt noch einen positiven Nebeneffekt, dass nämlich die Erkältungsanfälligkeit nachlässt. Seit ich das mache, war ich tatsächlich nicht mehr erkältet..."

Christian, Martin und Alexander

Genug gefroren: Zurück in der Wärme.

Gesundheit! Reporter Fero Andersen jedenfalls ist froh, dass er wieder aus dem Wasser draußen ist. Er freut sich auf den Moment, in dem ihm einfach wieder rundum wohlig warm ist. Noch dauert das ein bisschen. Aber vielleicht übersteht er den Winter ohne Erkältung. Trotzdem: Vorsicht beim Eigenversuch. Vor dem Eisbaden auf jeden Fall zum Arzt gehen, um gesundheitliche Risiken auszuschließen.  


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