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„Intelligentes Testen“ Corona-Studie mit den Regensburger Domspatzen

Kann eine durchdachte Teststrategie Schulschließungen oder Quarantäne für ganze Klassen oder Jahrgangsstufen verhindern? Das wird aktuell in einer Studie mit den Regensburger Domspatzen erforscht. Schüler im Alter von zehn bis 21 Jahren werden 16 Wochen lang regelmäßig auf das Coronavirus getestet – mittels Speichelprobe. Die Schulleitung erhält die Ergebnisse anonymisiert. Tritt ein Corona-Fall auf, kann umgehend der Quarantäneplan aktiviert und damit ein größerer Ausbruch verhindert werden.

Von: Florian Heinhold

Stand: 05.10.2020

Eine Chorprobe bei den Regensburger Domspatzen läuft heute ganz anders ab, als vor der Pandemie. Jeder Sänger hat einen festen Platz im Probenraum mit gehörigem Abstand zum Nachbarn, die Fenster sind geöffnet und Domkapellmeister Christian Heiß dirigiert die Probe hinter Plexiglaswänden. Trotzdem sind alle froh, dass überhaupt wieder gesungen wird. Die Erinnerung an den Lockdown ist noch frisch, genau wie die Sorge vor einem Ausbruch in der Musikschule.

"Als Mensch, der hier ist, um zu singen und Kinder und Jugendliche zum Singen zu bringen, ist das erstmal eine Katastrophe. Das kann man nicht anders beschreiben. Wir wissen im Grunde ja seit diesem Jahr, dass Singen gefährlich ist. Es ist eine Art der Äußerung, die mit einer weiteren Verbreitung der Atemluft verbunden ist. Uns ist seit diesem Jahr bewusst, dass genau das das Problem ist."

Christian Heiß, Domkapellmeister, Regensburger Domspatzen

Gemeinsames Singen ist tatsächlich eine Hochrisikobeschäftigung in Zeiten von Corona. Eine Studie mit dem BR Rundfunkchor hat gezeigt: Vor allem beim lauten Singen stoßen wir tief aus den Atemwegen viele Aerosole aus, über die sich das Virus besonders effektiv verbreitet.

Aber nicht nur für Musikschulen und Chöre – auch für alle anderen Schüler und Eltern in Bayern bringt das neue Schul- und Kita-Jahr viel Verunsicherung. Gleich zu Beginn gab es Corona-Alarm an mehreren Orten mit Unterrichtsausfällen und Quarantäne für ganze Schulklassen. Alle fragen sich: Gibt es denn kein Mittel gegen diese Unsicherheit?

STACADO-Forschungsprojekt: Intelligentes Testen

Und das bringt uns zurück zu den Regensburger Domspatzen. Zusammen mit der Kinderuniklinik Ostbayern starten die Domspatzen gerade eine große Studie. Das Ziel: mit intelligentem Testen den Schulbetrieb sicherstellen.

"Intelligent testen bedeutet, zu testen in einer Situation, in der noch kein Spreading Ereignis stattgefunden hat, wo der Erkrankte noch nicht zehn oder zwanzig andere angesteckt hat. Wir müssen viel mehr dazu kommen, dass wir Fälle ganz schnell, ganz präzise identifizieren können. Und dann können wir Maßnahmen auch viel gezielter anwenden."

Prof. Dr. med. Michael Kabesch, Kinderpneumologe, KUNO Klinik St. Hedwig, Regensburg

Professor Michael Kabesch ist Spezialist für Lungenerkrankungen bei Kindern. Er leitet die sogenannte STACADO-Studie mit den Domspatzen. Eine Besonderheit: Getestet wird nicht mit dem typischen Abstrichverfahren, also Wattestäbchen in Nase und Rachen, sondern mit einer Lösung zum Gurgeln.

"Wir sind Kinderärzte, wir versuchen immer kindgerecht zu arbeiten. Wer singen kann, kann auch gurgeln, wer Zähneputzen kann, kann auch gurgeln. Es tut nicht weh. Wir haben diese kleinen Röhrchen, in die dann gespuckt wird und die Testergebnisse mit diesen Gurgellösungen sind mindestens gleich gut - manche Studien sagen auch besser - als bei Abstrichen."

Prof. Dr. med. Michael Kabesch, Kinderpneumologe, KUNO Klinik St. Hedwig, Regensburg

Über 16 Wochen sollen die Musikschüler engmaschig getestet werden. Weil das Verfahren so einfach ist, können die Schüler den Test im weiteren Verlauf der Studie selbst machen. Einfach die Salzlösung gurgeln und ausspucken. Die Teströhrchen haben einen Barcode – den scannen die Schüler selbst mit dem Handy ein und dokumentieren den Test so in der Studiensoftware. Die Röhrchen gehen dann zur Auswertung ins Labor. Durch den Barcode erkennt die Software automatisch, wen sie über das Handy alarmieren muss, wenn ein Test positiv ist – natürlich unter strengen Datenschutzauflagen. In Quarantäne müssen dann nur die direkten Kontaktpersonen, nicht die ganze Klasse.

Hoffnung für Quarantäne-geplagte bayerische Schulen

Im Moment ist so etwas für die Schulen in Bayern noch Zukunftsmusik. Wie am Erasmus-Grasser-Gymnasium in München führen Corona-Fälle im Moment noch zu breitangelegten Quarantänemaßnahmen. Die 11. und 12. Jahrgangsstufe musste hier bis letzte Woche zu Hause bleiben.

"Das war für alle wirklich sehr schwierig, weil es sehr schnell nach Schuljahresanfang kam. Wenn der Ernstfall eintritt, kommt die Verunsicherung und die Sorge um die eigene Gesundheit dazu. Ich glaube, man darf sich nichts vormachen, das kann jederzeit wieder passieren und dann setzt der Mechanismus wieder ein."

Alexander Schröder, Schulleiter, Erasmus Grasser Gymnasium, München

Schulleiter Alexander Schröder setzt jetzt auf Hygienemaßnahmen und gutes Lüften, um neue Ausfälle zu vermeiden. Für die Schülerinnen und Schüler gilt zur Vorsicht Maskenpflicht. Intelligente Teststrategien wie sie in Regensburg erprobt werden, könnten helfen. Und für die Domspatzen hat das Projekt noch einen anderen Nutzen: Wenn die Studie Erfolg hat, sehen wir den berühmten Chor hoffentlich bald nicht mehr nur im Probenraum, sondern wieder öfters bei Auftritten und Konzerten.


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