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Immunoseneszenz Immunsystem durch Sport trainieren?

Der menschliche Alterungsprozess erstreckt sich nicht nur auf Haut und Knochen. Alterung erfasst alle Körpergewebe und -strukturen inklusive der Organe und Gefäße sowie das menschliche Immunsystem. Doch dagegen kann man etwas tun. Wer sich regelmäßig bewegt, kann seine Immunabwehr sprichwörtlich verjüngen.

Von: Antje Maly-Samiralow

Stand: 26.10.2020

Ein alterndes Immunsystems zieht höhere Anfälligkeit für Infektionserkrankungen nach sich. Die Fähigkeit des menschlichen Immunsystems auf neue Krankheitserreger zu reagieren, hängt maßgeblich von sogenannten naiven T-Zellen ab. Diese werden im Knochenmark produziert und reifen in der Thymusdrüse aus.

Nachdem sich dieses Organ, das direkt hinter dem Brustbein sitzt, schon in der Pubertät, mit zunehmendem Alter jedoch noch deutlich mehr zurückbildet, gelingt die Bereitstellung naiver T-Zellen immer schlechter. Ohne ausreichend naive T-Zellen ist die Erkennung und Abwehr neuer Krankheitserreger jedoch deutlich erschwert, was in eine höhere Infektanfälligkeit mündet und schwerere Krankheitsverläufe nach sich zieht.

"Die Infektionshäufigkeit und die Infektionsverläufe sind bei älteren Menschen häufig schlimmer oder dramatischer. Das zeigt sich übrigens auch in der Reaktion des Körpers auf eine Impfung. Wenn wir beispielsweise einen Grippeimpfstoff einem älteren Menschen verabreichen, dann ist der weniger gut geschützt im Vergleich zu einem jungen Menschen. Man kann aber durch einen aktiven Lebensstil oder durch regelmäßige körperliche Aktivität erreichen, dass der Impfschutz verbessert wird."

Univ.-Prof. Dr. rer. nat. Karsten Krüger, Leiter der Leistungsphysiologie und Sporttherapie, Justus-Liebig-Universität Gießen

Seneszente Immunzellen verursachen Autoimmunkrankheiten

Während immer weniger naive T-Zellen bereitgestellt werden, steigt die Anzahl ausdifferenzierter T-Zellen, die auf bestimmte Erreger bzw. Fremdkörper geeicht sind und entsprechende Antigene produzieren.

Solche ausdifferenzierten Immunzellen gelten als seneszent. Man könnte sagen, sie existieren zwar noch, aber sie funktionieren nicht so, wie sie sollten. Und das ist ein Problem. Seneszente T-Zellen können häufig nicht zwischen körperfremden und körpereigenen Strukturen unterscheiden und greifen daher nicht nur pathogene Mikororganismen an, sondern attackieren auch körpereigene Gewebe.

Darüber hinaus liefern solche ausdifferenzierten T-Zellen proinflammatorische Zytokine, die Entzündungsreaktionen auslösen und verstärken. In der Summe geht das mit einem erhöhten Risiko für allergische Reaktionen aber auch für schwerwiegende Autoimmunkrankheiten von Rheuma bis Morbus Crohn einher.

Sport verjüngt das Immunsystem

Epidemiologische Studien haben gezeigt, dass Menschen, die regelmäßig körperlich aktiv sind, den Alterungsprozess des Immunsystems besser kompensieren können und über deutlich bessere Immunfunktionen verfügen als Menschen, die sich kaum oder gar nicht bewegen.

Regelmäßige Bewegung – etwa täglich 30 Minuten Radfahren, Schwimmen, zügig Gehen oder auch Gartenarbeit – reduziert das Risiko für Infektionen um 30 bis 40 Prozent, senkt das Risiko, Diabetes zu entwickeln und verringert das Entzündungsgeschehen im Körper, das im Alter tendenziell zunimmt.

Chronische Entzündungen ziehen mittelfristig pathologische Veränderungen an den Gefäßinnenwänden nach sich, wodurch sich das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen drastisch erhöht, woran hierzulande immer noch die meisten Menschen versterben.

Prof. Karsten Krüger hat bereits in mehreren Studien den protektiven Einfluss von Sport auf eine bessere Immungesundheit im Alter aufzeigen können. In einer aktuellen Studie, die im September 2020 startete und auf 6 Jahre angelegt ist, soll der Einfluss von zusätzlich 3.000 Schritten, die die Teilnehmer täglich zurücklegen müssen, auf die Zusammensetzung des T-Zell-Repertoires (was Prognosen bzgl. des Funktionsstatus des Immunsystems zulässt) sowie auf die Entzündungswerte und die Gefäßgesundheit überprüft werden.

Sport schützt vor und unterstützt den Heilungsprozess von Krebserkrankungen

Eine nachlassende Immunabwehr begünstigt auch die Entstehung von Krebs. Am Universitätsklinikum Regensburg erforschen Wissenschaftler um Dr. Kathrin Renner den Stoffwechsel und die Wachstumsbedingungen von Tumorzellen.

"Die Tumorzelle braucht für ihr Wachstum Zucker. Sie verdaut den Zucker und dabei entsteht ein saures Milieu. Sport hat die Fähigkeit, den Blutzuckerspiegel zu senken und dem Tumor damit den Zucker zu entziehen."

PD Dr. rer. nat. Kathrin Renner, Universitätsklinikum Regensburg

Epidemiologische Daten zeigen einen Zusammenhang zwischen Sport und einer geringeren Rezidivrate sowie einer höheren Ansprechrate auf Krebstherapien.


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