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IGeL-Leistungen Service oder Abzocke?

Immer öfter sollen Patienten in der Praxis selbst in die Tasche greifen: Sogenannte IGeL-Leistungen erleben in deutschen Arztpraxen seit Jahren einen regelrechten Boom. Doch Verbraucherschützer warnen: Viel zu oft geht es um sinnlose Untersuchungen für teures Geld.

Von: Florian Heinhold

Stand: 10.09.2018

IGel-Leistungen | Bild: Screenshot BR

Mehr als eine Milliarde Euro für sogenannte IGeL, Individuelle Gesundheitsleistungen, geben die Deutschen im Jahr aus. Diese Untersuchungen, die die Krankenkassen nicht bezahlen, geraten immer mehr in die Kritik.

Zu Patientenberater Peter Friemelt vom Gesundheitsladen München kommen viele Patienten, die beim Arzt mit Extrakosten überrumpelt wurden. Für den Experten ein klarer Regelverstoß – und eine Belastung für das Vertrauensverhältnis beim Arzt.

"In manchen Arztpraxen kommt man sich vor wie auf einem Basar. Dadurch, dass die Patienten nicht gut aufgeklärt werden und auch noch unter Druck entscheiden sollen, führt das dazu, dass die Patienten hier oft sagen: Das ist reine Abzocke."

Peter Friemelt, Patientenberater, Gesundheitsladen, München

Augeninnendruck: die häufigste IGeL

Augeninnendruckmessung: die häufigste IGel-Leistung

Die häufigste IGeL-Leistung ist die Augeninnendruckmessung, mit der die Krankheit Grüner Star frühzeitig erkannt werden soll. Doch ihr Nutzen ist umstritten. Der sogenannte IGeL-Monitor des Spitzenverbands der Krankenkassen bewertet im Internet die Studienlage zu IGeL-Untersuchungen. Das Urteil zur Augeninnendruckmessung: Tendenziell negativ, ein Nutzen sei nicht durch aussagekräftige Studien erwiesen.

"Das ist auch ein heikles Thema innerhalb der Ärzteschaft."

Peter Friemelt, Patientenberater, Gesundheitsladen, München

Wie heikel das Thema ist, erleben wir selbst. Nach mehreren Absagen von Augenärzten, gibt uns der Chefarzt einer großen bayerischen Augenklinik ein Interview, indem er die Untersuchungsmethode verteidigt, aber kritisiert, dass Patienten selbst zahlen müssen und Ärzte so in eine Verkäuferrolle geraten. Ein zweiter Arzt unterbricht ihn: So eine Kritik könne Ärger mit Interessensverbänden geben. Der Chefarzt rudert daraufhin zurück, wir können das Interview nicht ausstrahlen.

"Nein, das wundert mich nicht. Ich habe das schon öfter gehört. Es gibt auch innerhalb der Ärzteschaft Ärzte, die keine IGeL-Leistung anbieten, weil sie genau der Meinung sind. Und auch die sind innerhalb der Ärzteschaft sehr stark attackiert."

Peter Friemelt, Patientenberater, Gesundheitsladen, München

Zweifelhafte Eierstockkrebsvorsorge

Nach der Augeninnendruckmessung sind Ultraschalluntersuchungen die häufigsten IGeL-Leistungen. Etwa zur Früherkennung von Eierstockkrebs. „Gesundheit!“ hört sich unter Patientinnen um, die so eine Untersuchung, die rund 45 € kostet, angeboten bekamen – für viele eine Entscheidung unter Druck. Eine Patientin berichtet uns über ihr Erlebnis beim Frauenarzt.

"Ich habe erlebt, dass man am Empfang ist, sagt: Ich habe heute Termin. Darauf die Sprechstundenhilfe: Möchten sie das? Wenn, dann müssen Sie jetzt unterschreiben, wir brauchen da ihre Unterschrift. Aber manchmal möchte man vielleicht erst mit dem Arzt reden, weil ich kann das in dem Moment bei der Sprechstundenhilfe am Empfang noch nicht beurteilen."

Patientin

Der vaginale Ultraschall zur Eierstockkrebsvorsorge ist äußerst umstritten. Eine S3-Leitlinie verschiedener Fachgesellschaften rät von einem generellen Screening ab, weil die Zuverlässigkeit gering sei. Außerdem sollen falsch-positive Befunde immer wieder zu unnötigen Operationen führen. Der IGeL-Monitor bewertet die Leistung deshalb als eindeutig „negativ“.

Trotzdem wird sie in vielen Frauenarztpraxen geradezu beworben, kritisieren Verbraucherschützer.

"Man kommt rein, am Tresen liegt eine Liste von Angeboten, die der Arzt privat abrechnen kann. Dann geht man ins Wartezimmer, dort laufen Filme über die Selbstzahlerleistungen. Und wenn der Arzt einem dann eine IGeL-Leistung anbietet, beschreibt er diese wieder in den höchsten Tönen. Strenggenommen muss es genau umgekehrt sein: Der Patient muss von sich aus den Wunsch äußern, dass er so eine Leistung will."

Peter Friemelt, Patientenberater, Gesundheitsladen, München

Ärzte verteidigen sich gegen Kritik. Dr. Manfred Stumpfe ist Frauenarzt. Auch in seinem Wartezimmer laufen Filme, die für den Ultraschall werben. Er findet das richtig, weil die Untersuchung viel mehr Erkenntnisse liefere, als nur die umstrittene Eierstockkrebsdiagnose.

"Hauptziel ist einfach die Darstellung der Organe im kleinen Becken. Wichtig ist: Information, Bedenkzeit. Und ich glaube, wenn man das einhält, wenn man die Patientinnen wirklich aufklärt im Sinne der Information, dann ist das auch keine Werbung. Jede Frau kann selbst entscheiden, ob sie diese Untersuchung annehmen will oder nicht."

Dr. med. Manfred Stumpfe, Frauenarzt, Geretsried

Nach dem Interview fragen wir nochmal bei den Experten des IGeL-Monitors der Krankenkassen nach – die raten weiter dringend ab: „Diese IGeL-Leistung ist nicht nötig, im Gegenteil: Sie kann großen Schaden anrichten.“

Alternativmedizin

Auch bestimmte alternativmedizinische und naturheilkundliche Verfahren sind IGeL-Leistungen. Zum Beispiel die Blutegel-Therapie, die Dr. Frank Balkow seinen Patienten anbietet. Wie Robert Koch, der seit Jahren an Kniearthrose leidet.

Blutegel sollen die Schmerzen lindern. Der IGeL-Monitor bewertet auch diese Leistung als tendenziell negativ, weil es wie oft in der Naturheilkunde, kaum belastbare Studien gibt. Wer auf Alternativmedizin schwört, muss dafür eben zahlen.

"Letzten Endes muss es der Patient entscheiden. In der ganzen Naturheilkunde sind die Studienlagen sehr dünn. Es gibt glühende Verfechter und es gibt genau das Gegenteil."

Dr. med. Frank Balkow, Allgemeinmediziner, München  

Robert Koch hat sich selbst für die Behandlung entschieden:

"Ich bin sehr positiv dem gegenüber. Und auch dementsprechend bereit, diese Kosten selber auch zu tragen."

Robert Koch, Patient

Zum Arzt ohne Geldbeutel

Streitthema IGeL-Leistungen - die meisten sind nicht wissenschaftlich untermauert. Patienten sollten sich deswegen gut informieren, Bedenkzeit erbeten und nicht übereilt zustimmen. Grundsätzlich ist es sinnvoll, den Geldbeutel beim Arztbesuch lieber daheim zu lassen.


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