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Homöopathie Sanfte Heilmethode oder wirkungslose Zuckerkugeln?

Die Homöopathie steht in der Kritik: Süße Kügelchen, die allein über den Placebo-Effekt wirken – das sagen viele Wissenschaftler. Homöopathen wehren sich dagegen. Wer hat Recht? Und sollten Krankenkassen weiter dafür bezahlen? Gesundheit! lässt Homöopathie-Kritiker und Befürworter zu Wort kommen.

Von: Monika Hippold

Stand: 24.09.2019

Scharlatanerie, nichts als Zucker-Kügelchen, keine richtige Medizin. Die Kritik an der Homöopathie ist zuletzt immer lauter geworden. Schulmediziner gegen Homöopathen - die Fronten der beiden Lager sind verhärtet.

Globuli bei der Herstellung

Im Sommer ist der Streit um die Homöopathie eskaliert. Ein Hersteller, Hevert, hat im Juni von der bekannten Homöopathie-Kritikerin Natalie Grams per Unterlassungserklärung verlangt, die folgende Aussage nicht mehr zu tätigen: „Homöopathie wirkt nicht über den Placebo-Effekt hinaus“. Natalie Grams hat dies nicht unterschrieben.

Wer hat Recht: Kritiker oder Befürworter von Homöopathie?

Was sagen Wissenschaftler, Ärzte und Patienten konkret? Haben die Kritiker Recht, ist Homöopathie Pseudo-Medizin und reine Geldmacherei? Oder helfen die Mittel wirklich? Und wenn ja: Wie genau wirken die Globuli, Tropfen und Tabletten?

Homöopathen, wie Augenärztin Dr. Claudia Rehfueß, schwören auf die Behandlungsmethode.

"Die Homöopathie ist für mich eine ganzheitliche Methode, die den individuellen Organismus des Menschen sieht und ihn nicht in kleine Teilbereiche aufdröselt. Damit komme ich in der Therapie viel tiefer als nur in der konventionellen Medizin, wo ich im Grunde nur Symptome behandeln kann. Homöopathie kann chronische Erkrankungen heilen, ist nebenwirkungsarm und kosteneffizient."

Dr. med. Claudia Rehfueß, Augenärztin und Homöopathin, Deutscher Zentralverein homöopathischer Ärzte, München

In Deutschland haben über 50 Prozent der Menschen schon Homöopathika genutzt. Der Umsatz liegt bei rund 700 Millionen Euro im Jahr. Homöopathie gilt als eine „sanfte Heilmethode“.

Herstellung von homöopathischen Mitteln

Doch sie wird oft mit Naturheilkunde verwechselt. Anders als in pflanzlichen Heilmitteln stecken in homöopathischen Medikamenten aber kaum mehr Wirkstoffe. Sie bestehen aus Saccharose - reinem Zucker - oder dem Zuckerersatzstoff Xylit.

Die Verdünnung ist ein Schritt bei der Herstellung von Homöopathika.

Denn: Bei der Herstellung werden die Grundstoffe - wie pflanzliche und tierische Produkte, Mineralien und Metalle - nach den Vorschriften von Begründer Samuel Hahnemann erst mit Milchzucker verrieben, dann immer wieder mit Wasser und Alkohol verdünnt und geschüttelt. Homöopathen nennen diesen Prozess die „Potenzierung mit Schüttelschlägen“.

Herstellung von Homöopathika: die Potenzierung

Pro Potenzierungsgrad wird die Ausgangssubstanz immer weiter verdünnt. Das heißt: Bei D6 wird die Ausgangssubstanz sechs Mal zehnfach verdünnt, bei D12 zwölf Mal zehnfach verdünnt, bei D24 24 Mal zehnfach verdünnt. Bei den C-Potenzen wird die Ausgangssubstanz jeweils um das Hundertfache verdünnt. Die Verdünnungen gehen bei den Hochpotenzen so in die Billiarden. Es findet sich dann kein Molekül der Ausgangssubstanz mehr in den Arzneien.

Homöopathie: viele Hypothesen zum Wirkmechanismus

Wie soll ein Medikament wirken, in dem sich keine Wirkstoffe mehr nachweisen lassen? Das fragen die Kritiker. Die eine Antwort gibt es darauf nicht. Homöopathie-Befürworter argumentieren mit verschiedenen Hypothesen.

Apotheker Hannes Proeller stellt in Augsburg homöopathische Mittel her. Er fasst den aktuellen Wissensstand folgendermaßen zusammen:

"Manche sagen Energie dazu. Manche sagen, die Information ist gespeichert. Chemisch gesehen ist es tatsächlich Zucker, was die Leute zu sich nehmen ohne ein Molekül, besonders bei den hohen Potenzen. Als Mensch und als Wissenschaftler kann ich nicht erklären, wie es funktioniert. Aber die Wirkung dieser Arzneien steht auf einem ganz anderen Blatt. Und das, was ich täglich in der Apotheke sehe und was mir die homöopathischen Ärzte und Heilpraktiker erzählen, ist etwas ganz anderes. Deshalb muss man zu diesem Wirkmechanismus noch viel forschen."

Dr. Hannes Proeller, Apotheker, Augsburg

Homöopathie: Was sagen wissenschaftliche Studien?

Zur Homöopathie existieren bereits einige Studien. Welche davon relevant und groß genug sind, darüber streiten sich Kritiker und Befürworter:

"Es gibt in den letzten Jahren, seit 1992, insgesamt elf systematische Übersichtsarbeiten. Übersichtsarbeiten sind Arbeiten, die viele Einzelstudien zusammenfassen und diese Einzelstudien nach guter oder schlechter Qualität bewerten. Das Ergebnis dieser Übersichtsarbeiten ist, dass bei keiner einzigen Erkrankung bewiesen werden konnte, dass die Homöopathie besser als der Placeboeffekt wirkt."

Dr. med. Christian Lübbers, HNO-Arzt, Weilheim

Dr. Claudia Rehfueß vom Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte schätzt die Studienlage anders ein.

"Es gibt 1.500 Grundlagen-Studien, die im Experiment zeigen, dass Homöopathie in Hochpotenzen reproduzierbar, placebo-kontrolliert auf Zellkulturen wirkt. Das ist alles in Fachzeitschriften publiziert. Das sind ganz normale naturwissenschaftliche, nach Goldstandard der konventionellen Wissenschaft hergestellte Studien."

Dr. med. Claudia Rehfueß, Augenärztin und Homöopathin, Deutscher Zentralverein homöopathischer Ärzte, München

Dr. Lübbers und das Informationsnetzwerk Homöopathie bezweifeln die Qualität dieser Studien.

"Natürlich gibt es Studien, in denen steht als Ergebnis, Homöopathie hilft. Letztlich muss man sich diese Studien dann aber ganz genau angucken. Das ist auch ein Ergebnis der systematischen Reviews, dass schlecht gemachte Studien häufiger zu dem Ergebnis kommen, dass Homöopathie angeblich wirke. Und sehr gut gemachte Studien nie zu dem Ergebnis kommen, dass Homöopathie über den Placeboeffekt hinaus wirkt."

Dr. med. Christian Lübbers, Informationsnetzwerk Homöopathie

Homöopathie: individuelle Behandlungsweise

Gesundheitswissenschaftler Prof. Gerd Glaeske von der Universität Bremen erläutert, vor welchen Schwierigkeiten die Wissenschaft bei homöopathischen Studien steht.   

"Die Homöopathie ist grundsätzlich eine sehr individuelle Therapie. Ich kann in klinischen Studien nicht, wie sonst üblich, ein Arzneimittel geben und versuchen, eine Gruppe damit zu behandeln und die andere mit dem Placebo-Präparat - und Unterschiede feststellen. Die Homöopathie ist eine ausgesprochen individuell orientierte Behandlungsweise. Und das macht jegliche Studiensituation so schwierig. So dass es mich bisher gar nicht erstaunen kann, dass solche Studien nicht in vergleichbarer Weise vorliegen, wie das bei üblichen Arzneimitteln der Fall ist."

Prof. Dr. Gerd Glaeske, Co-Leiter der Abteilung Gesundheit, Pflege & Alterssicherung, SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik, Universität Bremen

Der Placeboeffekt

Wie genau homöopathische Mittel wirken sollen, dazu gibt es auch laut der Befürworter noch keine aussagekräftigen Studienergebnisse. Warum fühlen sich dann manche Patienten nach einer homöopathischen Behandlung besser? Eine Antwort darauf ist der Placeboeffekt, sagt Prof. Karin Meißner von der LMU München.

"Man könnte vermuten, dass der Placeboeffekt, der durch eine homöopathische Behandlung ausgelöst wird, eventuell größer ist als ein Placeboeffekt, der durch eine reine Zuckerpille im medizinischen Kontext ausgelöst wird. Placebo ist eine Möglichkeit, hinzuschauen, was eine Therapie mit dem ganzen Menschen macht. Das heißt, ein Mensch kommt mit Ängsten, Hoffnungen, Erwartungen in eine Therapie. Er möchte eine Besserung verspüren von seinen Symptomen. Und diese ganze Erwartungshaltung ist schon ein großer Teil des Placeboeffekts. Dadurch dass wir eine Besserung erwarten, werden Mechanismen im Gehirn in Gang gesetzt, die letztendlich dazu führen, dass zum Beispiel Schmerzen tatsächlich besser werden. Das Gehirn schüttet dann körpereigene Schmerzhemmstoffe aus. Die Besserungen sind also nicht nur eingebildet."

Prof. Dr. med. Karin Meißner, Institut für Medizinische Psychologie, LMU München

Der Placeboeffekt kann laut der Forscherin Monate bis Jahre anhalten. So lange eben, wie ein Patient erwartet, dass die Wirkung anhält. Doch: Der Placebo-Effekt kann nicht bei allen Leiden helfen. Besonders bei schweren Erkrankungen ist Vorsicht geboten.

"Man muss natürlich aufpassen, Krebs zum Beispiel kann nicht durch eine Placebo-Therapie geheilt werden. Oder auch organische Veränderungen im Körper, die schon auf eine längere Krankheitshistorie zurückgehen, können auch nicht wieder weggemacht werden. Der Placeboeffekt wirkt am besten bei Symptome, wie zum Beispiel bei Übelkeit, Schmerzen und auch bei Depressivität. Aber er kann nichts reparieren, was schon kaputtgegangen ist."

Prof. Dr. med. Karin Meißner, Integrative Gesundheitsförderung, Hochschule Coburg

Sonderregelung im Arzneimittelrecht für Homöopathika

Globuli

Laut deutschem Arzneimittelrecht muss die Wirkung von Medikamenten vielfach in klinischen Studien nachgewiesen werden, bevor sie zugelassen werden. Für homöopathische Präparate gilt das nicht. Sie müssen lediglich registriert werden. Dafür werden sie auf ihre Qualität und gesundheitliche Unbedenklichkeit geprüft.

Die Ausnahme: Wenn auf den Packungen Anwendungsgebiete genannt werden - wie etwa „hilft gegen Fieber“ - dann müssen die Präparate ebenfalls zugelassen werden. Die Zulassung folgt aber anderen Regeln als bei herkömmlichen Arzneimitteln. Sie erfordert zwar einen Wirksamkeitsnachweis, dieser muss aber nicht, wie sonst üblich, auf klinischen Studien beruhen. Sondern er basiert auf homöopathischer Literatur, auf Erfahrungsberichten und auf den individuellen Erfahrungen der Ärzte.

Registriert sind laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) im Moment 3578 homöopathische Mittel, zugelassen sind 1250. Aber:

"Bislang wurde noch kein homöopathisches Arzneimittel durch das BfArM zugelassen, bei dem sich der Antragssteller auf eine zum Beleg der Wirksamkeit geeignete Studie berufen hätte."

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), Bonn

Die Sonderregelung ist ein weiterer Grund für die Diskussion um Homöopathika, sie verwirre die Patienten, sagen Kritiker.

Sollten Krankenkassen für homöopathische Behandlungen zahlen?

Entscheidung gegen die Homöopathie von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron

Sollten Krankenkassen weiter für homöopathische Behandlungen aufkommen? In Frankreich hat sich Präsident Emmanuel Macron dagegen entscheiden: Die Kassen werden ab 2021 Homöopathie nicht mehr unterstützen.

Homöopathie: Satzungsleistung der Krankenkassen

In Deutschland dürfen Krankenkassen homöopathische Behandlungen bezahlen - als sogenannte Satzungsleistung. Das heißt: Manche Kassen übernehmen die Kosten, wenn der Arzt die Mittel verschrieben hat. Andere Kassen zahlen dafür nicht.

Ob das so richtig ist, darüber wird immer wieder diskutiert. So hat SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach im Juli gefordert, den Kassen die Kostenübernahme zu verbieten.

"Im Sinne der Vernunft und der Aufklärung sowie des Patientenschutzes ist es auch in Deutschland falsch, dass Kassen aus Marketinggründen Homöopathie bezahlen. Es ist eine Abkehr von der Wissenschaft."

Karl Lauterbach, SPD- Gesundheitsexperte

Was sagen die Krankenkassen selber?

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat sich in der vergangenen Woche dazu geäußert, er möchte die aktuelle Regelung beibehalten. Er verwies in Berlin darauf, dass die gesetzlichen Kassen bei Arznei-Ausgaben von insgesamt rund 40 Milliarden Euro im Jahr etwa 20 Millionen Euro für Homöopathie zahlten. Angesichts der Größenordnung habe er sich entschlossen, dass dies "so okay" sei.

Die Krankenkassen selbst halten sich in dieser Diskussion bedeckt. Keine große Krankenkasse wollte sich bei uns vor der Kamera zum Thema äußern. Antworten gab es nur per Mail. Der Konsens darin:

"Versicherte wünschen sich sogenannte komplementärmedizinische Angebote wie die Homöopathie. Diesem Wunsch kommen wir entgegen und kommen für einige homöopathische Leistungen von Vertragsärzten auf. Der Gesetzgeber räumt den besonderen Therapierichtungen ausdrücklich einen Platz in der gesetzlichen Krankenversicherung ein. Es bleibt zunächst abzuwarten, wie sich der gesetzliche Rahmen in Zukunft gestaltet, um gegebenenfalls reagieren zu können."

Zusammenfassung der Aussagen der Krankenkassen AOK, Barmer, TK

Gesundheitswissenschaftler Prof. Gerd Glaeske äußert sich zur Diskussion folgendermaßen:

"Wenn ich hier keine Evidenz finde bei der Homöopathie, wenn ich nicht erkennen kann, dass es einen nachweisbaren Nutzen für die Patienten gibt, dann ist in der Logik der Krankenkassenpolitik eigentlich die Entscheidung überfällig, dass diese Mittel nicht mehr bezahlt werden."

Prof. Dr. Gerd Glaeske, Co-Leiter der Abteilung Gesundheit, Pflege & Alterssicherung, SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik, Universität Bremen

Mehr Zeit für die Patienten

Einen positiven Aspekt sehen aber selbst die Kritiker bei der Homöopathie: Die Anamnese, das Erstgespräch beim Arzt, dauert bei Homöopathen oft mindestens eine Stunde.

"Viele Menschen empfinden dieses Gespräch beim Homöopathen als etwas sehr Positives. Da nimmt sich jemand Zeit für den Patienten. Ich sage gerne, Homöopathie ist die falsche Antwort auf die richtige Frage. Es wäre schön, wenn wir im Medizin-System wieder mehr Zeit für unsere Patienten hätten."

Dr. med. Christian Lübbers, Informationsnetzwerk Homöopathie

Das Thema Homöopathie ist wohl noch lange nicht ausdiskutiert.

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