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Schwerhörigkeit Hörgeräte: Welche Modelle gibt es und wo sind ihre Grenzen?

Wer nicht mehr richtig hören kann, fühlt sich oft sozial isoliert. Helfen würde ein Hörgerät. Doch viele scheuen die Miniaturgeräte, die ein fast normales Hörerlebnis ermöglichen. Was Hörgeräte leisten, welches für wen geeignet ist, und was man dafür ausgeben muss, darüber informiert Gesundheit!.

Von: Carolin Lorenz

Stand: 22.07.2019

Peter Musch ist ein sportlicher Typ. Er fährt Motorrad, Ski und er paddelt im Wildwasser. Kentern ist für ihn keine Option.

"Kentern oder Kopf unter Wasser geht nicht. Ich habe ein Hörgerät unter der Neoprenhaube. So ist das spritzwassergeschützt. Aber Kopf unter Wasser, das geht nicht. Denn wasserdichte Hörgeräte gibt es noch nicht."

Peter Musch

2,5 Mio. Menschen tragen ein Hörgerät

Mit neunzehn ist der heute 54-Jährige beim Klettern abgestürzt. Mehrfacher Schädelbruch, Schädigung des Hörnervs – seither ist Peter Musch auf einem Ohr fast taub, auf dem anderen trägt er das Hörgerät. So wie Peter Musch geht es rund 2,5 Millionen Menschen in Deutschland. Sie sind schwerhörig und tragen ein Hörgerät.

Doch Hörgerät ist nicht gleich Hörgerät. Es gibt verschiedenste Modelle, die sich in Anwendung, Ausstattung, Größe und Preis unterscheiden.

„Hinter-dem-Ohr-Gerät“ oder „Im-Ohr-Gerät“

Grundsätzlich unterscheidet man zwischen „Hinter-dem-Ohr-Geräten“, die bei jedem Grad von Schwerhörigkeit eingesetzt werden können und kleineren „Im-Ohr-Geräten“ für leichte bis mittelschwere Fälle.

Professor Dr. Dr. Kollmeier ist Mediziner und Physiker. Er forscht an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg, wie sich das Hören mit technischen Hilfsmitteln verbessern lässt. Und er kennt die typischen Anzeichen für Schwerhörigkeit.

"Der erste Eindruck einer beginnenden Schwerhörigkeit ist nicht etwa, dass man etwas nicht hört, sondern dass man eine Stimme nicht mehr richtig verstehen kann, wenn Hintergrundgeräusche da sind. Weil man immer denkt, es sind die anderen die nur undeutlich reden und sie sollen noch mal ein bisschen lauter und deutlicher reden, schiebt man das auf, sich in professionelle Hände zu begeben."

Prof. Dr. Dr. Birger Kollmeier, Medizinische Physik, Carl-von-Ossietzky-Universität, Oldenburg

Verschiede Grade der Schwerhörigkeit

Gering schwerhörig ist, wer Töne erst ab einer Schallintensität von 26-40 Dezibel hört. Das ist ungefähr das Ticken einer Armbanduhr oder Blätterrauschen. Mittelgradige Schwerhörigkeit heißt, dass normale Grundgeräusche in Wohngebieten nicht mehr hörbar sind.

Bei hochgradiger Schwerhörigkeit können Menschen ihr Gegenüber bei normaler Sprechlautstärke nicht mehr verstehen. Wer keine laute Musik oder eine Autobahn hören kann, ist fast gehörlos.

Hörgerät früh verschreiben lassen

Spätestens also, wenn man sein Gegenüber bei normaler Sprechlautstärke nicht mehr richtig verstehen kann, sollte man sich vom HNO-Arzt untersuchen und sich ein Hörgerät verschreiben lassen. Dabei gilt: Je früher, desto besser. Denn das Hören mit Hörgerät muss man erst wieder lernen. Und: Das Hörgerät für den Sonntag gibt es nicht. Hörgeräte sollten ständig getragen werden.

"Es dauert oft bis zu einem halben Jahr, bis man maximalen Gewinn daraus ziehen kann. Man sollte sich nicht davon frustrieren lassen, dass der erste Eindruck vielleicht zu schrill und etwas zu laut ist. Das legt sich im Laufe der Zeit. So ist die Umwelt eigentlich, man hat es nur verlernt und insbesondere, wenn man sehr spät erst mit einer Hörgeräteversorgung beginnt, hat man das Problem, dass die versorgte Situation mit einem Hörgerät eben noch etwas ungewohnt ist. Aber gerade das brauchen wir."

Prof. Dr. Dr. Birger Kollmeier, Medizinische Physik, Carl-von-Ossietzky-Universität, Oldenburg

Störschall und Hall

Doch Hörgeräte haben ihre Grenzen, das erfährt Peter Musch immer wieder. Nach dem Paddeln mit einem Kumpel auf ein Bier gehen, kann für ihn in Stress ausarten.

"Am schwierigsten ist es in einem Umfeld wie zum Beispiel hier drin. Jetzt geht’s, wir sind nur zu zweit am Tisch. Aber wenn hier mehrere Leute sitzen und durcheinanderreden, das war es dann."

Peter Musch

Störschall und Hall – für Hörgeräte eine technisch schwierige Situation, an deren Verbesserung Prof. Kollmeier forscht.

Schwierig etwas zu hören: Wenn mehrere Leute durcheinander reden.

"Das ist der Grund, wieso viele Hörgeräteträger auch die Situation in großen Gruppen vermeiden, weil sie dort eben nur noch Bahnhof verstehen. Die modernen Hörgeräte sind da immer besser geworden. Aber es ist natürlich kein Hören wie früher. Man ist gegenüber einem Normalhörenden, der gerade das binaurale, das zweiohrige Hören, optimal einsetzen kann, schon benachteiligt."

Prof. Dr. Dr. Birger Kollmeier, Medizinische Physik, Carl-von-Ossietzky-Universität, Oldenburg

Hilfe: deutlich und langsam sprechen

Peter Musch wendet deshalb oft einen Trick an: Bei seiner Arbeit als Fotograf oder Sportausbilder macht er die Ansagen.

"Wenn ich einer Situation bin, wo es mir dann zu viel wird, dann reiße ich das Gespräch an mich, dass die Leute mir zuhören müssen und dann geht’s wieder."

Peter Musch

Dabei können Normalhörende relativ einfach Rücksicht auf Menschen mit Hörgeräten nehmen. Es hilft, deutlich und langsam zu sprechen.

Schwerhörige tun sich leichter, wenn sie den Mund ihres Gegenübers beim Sprechen sehen können. Hintergrundgeräusche, zum Beispiel Geschirrklappern, erschweren das Verständnis. Es nützt nichts, schwerhörige Menschen anzuschreien. Das kann als verletzend empfunden werden und knallt in den Ohren.

Big Data im Ohr

Peter Musch hat schon sehr viele Hörgeräte ausprobiert. Bei Benno Lindner, seinem Hörgeräteakustikermeister, ist er Dauergast. Im Moment testet Peter Musch ein Premium-Gerät:

"Dein Hörgerät lernt, welche Einstellungen du gerne hast."

Benno Lindner, Hörgeräteakustikermeister

Es greift dazu auf eine Datenbank von vielen tausend Nutzern zu – Big Data im Ohr. Aber auch in günstigeren Geräten steckt High-Tech. Und das hat seinen Preis.

Welches Hörgerät ist das richtige?  

Die Modelle der Basisklasse kosten bis zu 800 Euro pro Gerät. Mit meist nur vier Hörprogrammen sind sie vor allem für Menschen geeignet, die sich viel zu Hause aufhalten. Mittelklasse-Geräte kosten bis zu 1.600 Euro pro Ohr. Sie bieten mehr Einstellungsmöglichkeiten und lassen sich mit dem Smartphone koppeln. Hörgeräte der obersten Preiskategorie bilden die menschliche Stimme dank bester Mikrofone sehr realistisch ab. Solche Geräte kosten rund 3.000 Euro pro Ohr.

Was zahlt die Krankenkasse?

Ein teures Vergnügen, das von den gesetzlichen Krankenkassen mit einem Festbetrag bezuschusst wird: 733,59 Euro für das erste Hörgerät, 586,87 Euro für das zweite Hörgerät. Dazu kommen pro Gerät 10 Euro Zuzahlung für das Rezept. Kosten für Anpassung, Wartung und Reparaturen übernehmen ebenfalls die Krankenkassen. Allerdings: Die Batterien werden für Erwachsene nicht bezahlt.

Alle sechs Jahre haben Versicherte Anspruch auf Wiederversorgung mit Hörgeräten. Peter Musch findet: Das ist viel zu wenig.

"Es ist lachhaft, was die gesetzliche Krankenkasse tatsächlich dazuzahlt. Wenn ich ein Hörgerät nehme, das halbwegs so viel kann wie das, was ich jetzt vom Benno zum Testen bekommen habe, bin ich mit 2.500 Euro dabei. Das zahlt mir niemand. Und ich brauche das Hörgerät zum Überleben und zum Arbeiten."

Peter Musch

Ein Högeerät kann teuer werden.

Hörgeräte müssen Nachteile bestmöglich ausgleichen. Kann dies nur mit einem teuren Hörgerät erreicht werden, können Patienten einen Antrag auf Übernahme der Mehrkosten bei den Krankenkassen stellen. Notfalls hilft eine Klage vor dem Sozialgericht.


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