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Naturheilkunde: Dinkelbrei und Galgant Was bringt die Hildegard-Medizin?

Die Äbtissin des Benediktinerordens Hildegard von Bingen gilt als die Urmutter der europäischen Alternativmedizin. Sie hat vor mehr als 800 Jahren Gesundheits-Tipps formuliert, die heute noch befolgt werden. Doch was ist dran, an den mittelalterlichen Empfehlungen? Was ist aus heutiger Sicht noch sinnvoll?

Von: Antje Maly-Samiralow

Stand: 08.07.2019

Die durch Papst Benedikt XVI. im Jahre 2012 heilig gesprochene Hildegard von Bingen (1098-1178) wird als eine der einflussreichsten Frauen des Mittelalters betrachtet. Sie gründete und leitete zwei Klöster. Und: Sie gilt als Pionierin auf dem Gebiet der Naturheilkunde.

In ihrem Buch „Causae et Curae“ beschreibt sie nicht nur Ursachen und Therapien diverser Krankheitsbilder, sie schildert auch Präventionsansätze zur Vermeidung von Krankheiten. Besonderes Augenmerk schenkt sie der Ernährung und Verdauung. In einem weiteren Werk, der "Physica", beschreibt sie die Natur: Pflanzen, Tiere, Bäume und auch Steine.

Ihre Heilkunde fußt entsprechend der damaligen Zeit im Wesentlichen auf dem, was die Natur zur Verfügung stellt: Heilkräuter, Wurzeln und andere Gewürzpflanzen, aber auch Nahrungsmittel – Getreide, Gemüse, Obst und selbst tierische Lebensmittel wie die Kalbsfußknochenbrühe.

Hildegard-Medizin ergänzend zur Schulmedizin

Hildegard von Bingen

Lange Zeit fristeten ihre Rezepturen und Empfehlungen ein stiefmütterliches Dasein. Dem Salzburger Arzt Dr. Gottfried Hertzka ist es zu verdanken, dass diese heute wieder zugänglich sind. In den 1960er Jahren hat er Hildegard von Bingens Schriften durchgearbeitet und die darin beschriebenen Heilanwendungen in der Praxis getestet. Das Ergebnis ist die heute wieder als Hildegard-Medizin bekannte Heilkunde.

Dr. Roswitha Daiberl, die als praktische Ärztin im oberbayerischen Weilheim praktiziert, setzt die Hildegardheilkunde ergänzend zur Schulmedizin ein, wenn sie dies als sinnvoll erachtet.

"Die Hildegard-Medizin ist eine Erfahrungsheilkunde. Ich setze sie in meiner Praxis als Ergänzung zur Schulmedizin ein, mit sehr gutem Erfolg. Es gibt auch schon Studien mit guten Ergebnissen, zum Beispiel über Dinkel, Bertram und Galgant, aber auch zu anderen Heilmitteln. Aber wir müssen natürlich weiterforschen. Ich als Schulmedizinerin möchte ja, dass das auf guten Füßen steht."

Dr. Roswitha Daiberl, praktische Ärztin, Weilheim

Für Prof. Jost Langhorst, der als Chefarzt die Klinik für Integrative Medizin und Naturheilkunde am Klinikum Bamberg leitet, ist Hildegard von Bingen vor allem eine Pionierin der modernen Naturheilkunde:

"Hildegard von Bingen war eine große Vorreiterin der modernen Naturheilkunde. Dinge, die damals angelegt wurden durch ihre Visionen, haben teils bis heute Bedeutung. Und sie ist eine Galionsfigur, um auch heute die Naturheilkunde wieder in der modernen Medizin zu etablieren."

Prof. Dr. Jost Langhorst, Chefarzt Klinik für Integrative Medizin und Naturheilkunde des Klinikums Bamberg, Sozialstiftung Bamberg

Universalheilmittel nach Hildegard von Bingen

Galgant

Hildegard von Bingen hat sogenannte Universalheilmittel beschrieben, deren Einsatz sie für eine ganze Reihe von Krankheitsbildern beschreibt. Dazu zählen unter anderem: Dinkel, Galgant, Veilchen, Kalbsfußknochenbrühe.

Dinkel

Dinkel ist ein altes und bekömmliches Getreide, das im Gegensatz zu anderen Getreiden weniger stark mit Düngemitteln, Insektiziden und Pestiziden behandelt werden muss. Für die Klinik für Integrative Medizin und Naturheilkunde des Klinikums Bamberg hat Prof. Jost Langhorst zusammen mit seinem Team eine pflanzenbasierte Vollwertkost konzipiert, die als Therapeutikum verstanden und gezielt eingesetzt werdenkann.

"In der Naturheilkunde ist die Ernährung von zentraler Bedeutung. Sie stand schon immer im Zentrum der Therapien. Ernährung ist ein wichtiges Heilmittel in der Naturheilkunde."

Prof. Dr. Jost Langhorst, Chefarzt Klinik für Integrative Medizin und Naturheilkunde des Klinikums Bamberg, Sozialstiftung Bamberg

In der Bamberger Klinik wird frisch gekocht mit regionalen Zutaten in Bioqualität. Zum Repertoire zählt auch der Dinkel.

Dinkel

"Gerade im 21. Jahrhundert, wo die chronischen Erkrankungen im Zentrum der Medizin stehen und man aus der Forschung weiß, dass bestimmte Getreidesorten chronische Entzündungen anfachen und unterhalten können, ist Dinkel eine sehr gesunde Alternative. Wir bieten Dinkel in unserer Klinik zum Beispiel in Form von Frühstücksbrei an, um so die Patienten in ihrem Heilprozess zu unterstützen."

Prof. Dr. Jost Langhorst, Chefarzt Klinik für Integrative Medizin und Naturheilkunde des Klinikums Bamberg, Sozialstiftung Bamberg

"Dinkel ist ein Getreide, das alle wichtigen Nährstoffe enthält, die wir brauchen und er ist ausgesprochen gut bekömmlich. Selbst Menschen in der Rekonvaleszenz, die sich von schweren Erkrankungen oder Operationen erholen, haben keine Mangelerscheinungen, wenn sie ausschließlich Dinkel zu sich nehmen."

Dr. Roswitha Daiberl, praktische Ärztin, Weilheim

Habermus

Ein Klassiker der Hildegardküche ist das Habermus, ein Frühstücksbrei, der neben Dinkel auch andere Heilmittel der Hildegard-Medizin enthält. Dr. Roswitha Daiberl empfiehlt ihren Patienten, den Tag mit einem Habermus zu beginnen.

"Das Habermus ist der ideale Start in den Tag. Neben Dinkel enthält es Bertram und Galgant, zwei wichtige Universalheilmittel der Hildegardheilkunde. Aber auch Flohsamen, die für eine gute Verdauung sorgen. Außerdem wird das Habermus warm gegessen. Für den Magen sind warme Speisen am Morgen deutlich bekömmlicher als kalte. Wer den Tag mit einem Habermus beginnt, schafft damit die besten Voraussetzungen für seine Gesundheit."

Dr. Roswitha Daiberl, praktische Ärztin, Weilheim

Wasserlinsen-Elixier

Neben Lebensmitteln, Gewürzen und Tees hat Hildegard von Bingen auch Elixiere beschrieben, die sie zur Behandlung unterschiedlicher Erkrankungen empfiehlt. Dazu zählt unter anderem das Wasserlinsen-Elixier.

Es soll eine modulierende Wirkung auf das Immunsystem ausüben, also ein geschwächtes Immunsystem stärken und ein überreagierendes Immunsystem – was beispielsweise bei Autoimmunerkrankungen der Fall ist – soweit regulieren, dass es nicht mehr körpereigene Strukturen angreift, wie etwa Darm oder Gelenke.

Hirschzungen-Elixier

Bei der Hirschzunge handelt es sich nicht um die Zunge des Tieres, sondern um das Hirschzungenfarnkraut, über das Hildegard von Bingen schreibt:

"Die Hirschzunge hilft der Leber, der Lunge und bei schmerzhaften Eingeweiden. Das Hirschzungen-Elixier hilft der Leber, reinigt die Lunge und heilt die schmerzenden Eingeweideleiden, beseitigt innere Eiterungen und Verschleimungen."

Hildegard von Bingen

Dr. Roswitha Daiberl empfiehlt das Hirschzungen-Elixier vor allem Frauen, die im Rahmen der Wechseljahre klimakterische Beschwerden haben.

"Nach meiner Erfahrung wirkt es speziell bei Frauen im Klimakterium hormonaktivierend, um die Hormone wieder in ein gewisses Gleichgewicht zu bringen. Es ist aber auch sehr gut bei Erkältungskrankheiten. Wenn Sie zu Beginn einer Erkältung, gleich Hirschzungen-Elixier nehmen, kommt es gar nicht zum Ausbruch. Es gibt oft chronische Hustenattacken, denen Sie mit den herkömmlichen Mitteln einfach nicht beikommen. Da wirkt das Hirschzungen-Elixier hervorragend. Das habe ich schon mehrfach in meiner Praxis erlebt."

Dr. Roswitha Daiberl, praktische Ärztin, Weilheim


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