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Herzinfarkt Frauen haben andere Symptome

Herz-Kreislauferkrankungen sind weltweit die häufigste Todesursache bei Frauen. Trotzdem wird die Gefahr eines Herzinfarkts bei Frauen unterschätzt und Symptome häufig übersehen.

Von: Sigrun Damas

Stand: 14.06.2021

Die Medizin ist auf die herzkranke Frauen nicht gut vorbereitet. Das kann lebensgefährliche Folgen haben. Die Gründe dafür sind vielfältig:

  • Die Symptome eines Herzinfarktes können bei Frauen ganz anders sein.
  • Medikamente können zu stärkeren Nebenwirkungen führen.
  • Frauenherzen sind in der Regel kleiner und schlagen schneller.
  • Frauenherzen altern anders.
  • Frauen unterschätzen die Risikofaktoren.

Herzinfarkt: Studien überwiegend an Männern durchgeführt

Die Kardiologie ist auf den Mann als Patienten fokussiert. Der Mann gilt als Modell. Viele klinische Studien werden überwiegend an Männern durchgeführt oder unterscheiden gar nicht zwischen Frauen und Männern. Bezeichnend: Der Frauen-Anteil bei herzbezogenen Studien liegt nur bei 24 Prozent.

Diese Symptome haben Frauen bei einem Herzinfarkt

Deshalb wird ein Infarkt bei Männern meist schneller erkannt und behandelt, da sie über typische Beschwerden wie Brustenge und ausstrahlende Schmerzen in den rechten Arm klagen. Bei Frauen dagegen kann sich ein Herzinfarkt ganz anders bemerkbar machen: durch plötzlich auftretende Symptome wie Schmerzen zwischen den Schulterblättern sowie in Hals und Nacken, starke Beschwerden im Kiefer, Kopf- und Oberbauchschmerzen, Schweißausbrüche und Übelkeit.

Doch leider wissen das immer noch zu wenig Frauen. Und auch von den Ärztinnen und Ärzten werden diese Symptome häufig falsch gedeutet. Im Durchschnitt kommen Frauen mit Herzbeschwerden meist eine halbe Stunde später in die Klinik als Männer. Obwohl in dieser Situation jede Minute zählt, verzögert sich so der Behandlungsbeginn.

Statt Herzkatheter: Medikamente gegen Übelkeit, Schmerzen und Luftnot

Herz-Modell

Statt einer sofortigen Wiedereröffnung des verschlossenen Herzkranzgefäßes mit dem Herzkatheter bekommen Frauen oft zunächst Spritzen gegen Übelkeit, Schmerztabletten oder Asthmaspray gegen die Luftnot. So geht viel Zeit verloren, denn sind Gefäße im Herzen verstopft, wird der Muskel nicht mehr richtig und ausreichend mit Sauerstoff und Blut versorgt und das Herzmuskelgewebe stirbt ab.

EKG und Blutwerte weniger auffällig als bei Männern

Hinzu kommt, dass die typischen Infarktzeichen im EKG und die Laborwerte des Blutes bei Frauen oft viel weniger ausgeprägt sind als bei Männern. Die Folge: Frauen werden oft nicht so intensiv behandelt und eher wieder weggeschickt.

Herz-Medikamente: Dosierung und Wirkung bei Frauen anders

Auch bei der medikamentösen Therapie gibt es Unterschiede. Eine Studie zeigte jüngst: Von Beta-Blockern und ACE-Hemmern braucht eine Frau mit Herzschwäche nur die halbe Dosis. Eine weitere Studie hatte zudem bereits gezeigt: Aspirin wirkt bei Männern präventiv, bei Frauen dagegen überhaupt nicht. Bei Digitalis-Präparaten leiden Frauen unter deutlich stärkeren Nebenwirkungen als Männer - bis hin zu Todesfällen, wenn die Dosierung nicht an das Geschlecht angepasst wird. Das steht aber in den Behandlungsempfehlungen nicht drin - und so werden die Frauen mit Dosen versorgt, die ihnen dann womöglich eher schaden als nützen.

Herzschwäche bei Frauen: Unterschiede bei Anatomie und Pumpleistung

Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind groß

Ein Frauenherz pumpt nicht nur anders, auch die Gefäße sind unterschiedlich. Durchmesser und Fläche der Arterien sind bei Frauen kleiner und dünner, sie verlaufen häufiger geschlängelt, neigen auch vermehrt zu Rissen. Frauenherzen altern auch anders als Männerherzen: Das Herz eines Mannes wird weit und schlaff, das der Frau wird klein, schlägt schnell, aber dehnt sich nicht mehr gut. Das hat Auswirkungen, die aber oft nicht berücksichtigt werden. Die Herzschwäche zeigt sich dann in der Auswurfleistung. Danach muss gezielt gesucht werden, weil es in der Regel in einer klassischen Ultraschalluntersuchung nicht erkannt wird. Doch das wird oft nicht gemacht.

Herzinfarktrisiko steigt bei Frauen mit den Wechseljahren

Frauen sollten auf ihre Risikofaktoren schauen und sich regelmäßig untersuchen lassen. Mit den Wechseljahren ziehen sich die schützenden Östrogene zurück - dann steigt bei der Frau das Risiko für Herz-Erkrankungen. Frauen erkranken später im Leben am Herzen, sind aber dann genauso stark betroffen wie Männer. Frauen sollten ab Mitte 50 regelmäßig den Blutdruck kontrollieren lassen, am besten mit einer 24-Stunden-Messung. Denn rund 20 Prozent haben einen hohen Blutdruck unter Belastung.

Und: Frauen mit Vorerkrankungen sind sogar mehr gefährdet als Männer. Die klassischen Risikofaktoren wie Diabetes und Bluthochdruck, zu hohes Cholesterin, Übergewicht oder Rauchen wirken sich auf das Herz einer Frau bedrohlicher aus als auf das eines Mannes.

Expertinnen zum Thema

Prof. Catherine Gebhard, MD, PhD, FESC
Forschungsgruppenleiterin Gender Medizin
Center for Molecular Cardiology, Universität Zürich/Klinik für Nuklearmedizin, UniversitätsSpital Zürich
Rämistrasse 100
8091 Zürich, Schweiz 
gendermedizin@med.uzh.ch
www.gebhardlab.com

Priv.-Doz. Dr. med. Anja Sandek
Fachärztin für Innere Medizin und Kardiologie
Universitätsmedizin Göttingen
Georg-August-Universität
Herzzentrum Göttingen, Klinik für Kardiologie und Pneumologie
Robert-Koch-Straße 40
37075 Göttingen
anja.sandek@med.uni-goettingen.de
www.herzzentrum.umg.eu

Weitere Informationen

Deutsches Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung e.V.: Verlaufsuntersuchungen, die Frauen und Männer mit Herzschwäche untersuchen, um die Unterschiede zwischen Frauen und Männern noch besser zu verstehen. Patienten können sich melden für die SPIRIT-HF-DZHK8-Studie und die TransitionCHF-DZHK2-Studie.


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