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Heilpraktiker-Prüfung Neue Leitlinien: Reform oder Papiertiger?

Im deutschen Gesundheitswesen gibt es zwei Parallelwelten: Schulmediziner und Heilpraktiker. Während Mediziner ein langes Studium absolvieren, ist die Ausbildung zum Heilpraktiker weitgehend unreguliert. Neue Leitlinien sollen das ändern - doch sind diese ausreichend?

Von: Julia Grantner

Stand: 05.02.2018

Im Sommer 2016 lösen Vorfälle in einer Heilpraktikerpraxis in Brüggen in Nordrhein-Westfalen eine hitzige Debatte aus: Drei Menschen sterben, nachdem ein Heilpraktiker mit einem fragwürdigen Mittel Krebs bekämpfen wollte. Werden Heilpraktikern genug Grenzen gesetzt? Gibt es für den Beruf, der sich um das höchste Gut, die Gesundheit kümmert, ausreichende Regelungen?

Neue Leitlinien für die Prüfung zum Heilpraktiker

Der Aufschrei nach den Todesfällen in Brüggen ist so groß, dass der Gesetzgeber aktiv wird. Nun, am 22. März 2018, tritt das Ergebnis dieser Debatte in Kraft: Es gibt neue Leitlinien, die genau regeln, wie die Prüfung zum Heilpraktiker aussehen soll.

Neue Leitlinien zur Heilpraktikerprüfung

Das soll sich durch die neuen Leitlinien ändern:

  • Bundesweit einheitliche Prüfung zum Heilpraktiker
  • Überprüfung praktischer Fähigkeiten
  • Dadurch besserer Schutz des einzelnen Patienten

Prüfung zum Heilpraktiker: Praktisches Können Teil der Prüfung

Ursula Hilpert-Mühlig ist Vizepräsidentin des Fachverbands deutscher Heilpraktiker, der sich bei der Gestaltung miteinbringen konnte. Sie ist rundum zufrieden mit den neuen Leitlinien, da sie präziser formulieren, welches Wissen künftige Heilpraktiker haben müssen und da in der Prüfung jetzt auch praktisches Können geprüft wird.

"Ich finde gut gelungen, dass die medizinischen Grundlagen sehr klar gegliedert sind. Dass drinsteht, was man alles wissen muss, das war vorher ein wenig nebulös. Großes Interesse hatten wir daran, dass in Zukunft auch Kenntnisse praktisch vorgeführt werden können."

Ursula Hilpert-Mühlig, Vizepräsidentin Fachverband deutscher Heilpraktiker

Denn bislang wurde schulmedizinisches und naturheilkundliches Wissen in jeweils einem kurzen schriftlichen und mündlichen Test geprüft.

Akupunktur: Auch Heilpraktiker bieten diese Therapie an

Bei vielen naturheilkundlichen Therapien, wie Akupunktur oder Homöopathie, ist jedoch nicht wissenschaftlich nachgewiesen, dass sie wirken. Wie kann also getestet werden, ob ein Prüfling die Therapie beherrscht? Ursula Hilpert-Mühlig vom Fachverband deutscher Heilpraktiker stellt klar, dass auch nicht-wissenschaftliche Verfahren sehr wohl auf ihre richtige Durchführung geprüft werden können: zum Beispiel, ob die Hygiene eingehalten wird, ob die Vorgehensweise stimmt und ob die Methode zur Erkrankung passt. Wirkweisen hingegen könne niemand überprüfen.

Alternative Medizin ist "in"

Ob wirksam oder nicht, die Praxen der Heilpraktiker sind voll: Laut einer Umfrage des Bundes deutscher Heilpraktiker e. V. (Stand: November 2017) haben 47.000 praktizierende Heilpraktiker in Deutschland 46 Millionen Patientenkontakte pro Jahr.

Obwohl Heilpraktiker viel dürfen - sogar Infusionen legen und Spritzen geben - sind die Voraussetzungen gering:

Voraussetzungen, um Heilpraktiker zu werden

- älter als 25 Jahre
- Hauptschulabschluss
- polizeiliches Führungszeugnis
- Multiple-Choice-Test mit 60 Fragen
- mündliche Prüfung

Immerhin - in dieser mündlichen Prüfung werden nach den neuen Leitlinien jetzt auch praktische Fähigkeiten getestet.

Heilpraktiker: Noch keine geregelte, standardisierte Ausbildung

Doch Kritiker bemängeln, dass das Hauptproblem weiter besteht: Eine geregelte, einheitliche Ausbildung gibt es nach wie vor nicht! In Deutschland gibt es viele private Schulen - alle mit unterschiedlichen Lehrplänen. Und man muss noch nicht einmal eine Schule besuchen - man kann sich das Wissen für die Prüfung auch zu Hause aneignen!

Der sogenannte „Münsteraner Kreis“, eine Gruppe von Wissenschaftlern, beschäftigt sich kritisch mit dem Beruf des Heilpraktikers. Die neuen Leitlinien sind für sie eine Enttäuschung.

"Für die Heilpraktiker ist das eine deutliche Aufwertung. Das ist aber genau das Problem, denn dadurch wird der Patientenschutz noch schwieriger werden, weil es einfach nicht mehr transparent sichtbar ist! Es klingt als wenn die Ausbildung verbessert worden wäre; sie ist es aber de facto überhaupt nicht, in keiner Weise."

Prof. Dr. med Jutta Hübner, Fachärztin für Innere Medizin, Hämatologie und Internistische Onkologie und Mitglied im Münsteraner Kreis

Eine richtige Reform des Heilpraktiker-Berufs sieht sicher anders aus als die nun eingeführten Leitlinien. Doch daran kann allein der Gesetzgeber etwas ändern!
Bis dahin ist es für die Patienten entscheidend, sich gut zu informieren, in wessen Hände sie ihre Gesundheit legen.


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