BR Fernsehen - Gesundheit!


3

Hanf im Trend CBD: Wirksam oder nutzlos?

Hanfprodukte boomen. Ein Shootingstar ist CBD, Cannabidiol, eines von über 130 im Hanf enthaltenen Cannabinoiden. Anders als das berüchtigte THC oder Marihuana berauscht es nicht, ist deshalb frei verkäuflich. Es soll unter anderem schmerzlindernd, entspannend und gegen Schlafstörungen wirken. Doch stimmt das wirklich?

Von: Bernd Thomas

Stand: 21.06.2021

CBD soll gut sein für die Entspannung, gegen Schlafstörungen, soll stimmungsaufhellend, entzündungshemmend und immunstärkend wirken. CBD gibt es als Öl, in Kapseln, in Gummibärchen und Kaugummi, in Zäpfchen bis hin zu Aromaölen oder getrockneten Pflanzenteilen zum Verdampfen, ein lukrativer wachsender Markt! Bis zu 90 Euro kostet ein Fläschchen Öl, je nachdem wieviel CBD in welcher Konzentration enthalten ist. Rund 12 Prozent der Deutschen nutzen laut einer Umfrage der Stiftung Warentest CBD Produkte immer wieder.            

CBD: Allrounder und pflanzliches Zusatzmittel?

Einer, der CBD regelmäßig nutzt, ist Peter Zlojutro. Seit einem Arbeitsunfall vor 35 Jahren ist er Schmerzpatient. Sein Leben ist stark eingeschränkt. Trotz vieler Medikamente und Therapien kann er nur noch wenige hundert Meter am Tag gehen, außer etwas Radfahren keinen Sport mehr treiben. Für die Nacht hat ihm sein Arzt THC verschrieben, das seit wenigen Jahren bei einigen Indikationen ärztlich verordnet werden kann. Auch tagsüber nimmt Peter Zlojutro Medikamente ein, bis ein Freund ihn auf CBD aufmerksam macht. Seither nutzt er, mit Zustimmung seines Arztes, CBD-Öl, gegen seine Schmerzen am Tag.   

"CBD nehme ich zur Unterstützung am Tag. Also für mich ist es optimal, ich bin froh, dass es das gibt. Ich denke auch, dass es weniger Nebenwirkungen hat als das letzte Medikament, das sehr stark war."

Peter Zlojutro, Schmerzpatient

CBD: umstrittene Produkte mit rechtlichen Problemen

Ist CBD also ein wahres Wundermittel? Vor allem im Netz und in sozialen Netzwerken finden sich viele Tipps und Anleitungen, wie CBD eingenommen werden kann, damit es wirkt. Aber es gibt ein grundsätzliches Problem.

CBD ist zur Einnahme nicht zugelassen. Darauf weisen Verbraucherschützer verstärkt hin. Die Stiftung Warentest hat Anfang des Jahres sechzehn Produkte unter die Lupe genommen, die rechtliche Situation ist grau bis schwarz, zumindest ungeklärt.  

"Die Produkte sind bisher in keiner Kategorie zugelassen, weder als Nahrungsergänzungsmittel noch als Betäubungsmittel. Es gibt jetzt ganz neu die Möglichkeit, dass sie eventuell als neuartiges Lebensmittel in der EU zugelassen werden könnten. Da liegen gerade die Anträge zur Prüfung vor. Die Hersteller müssen nachweisen, dass ihre Produkte unbedenklich sind. Und bisher gibt es da noch keine Entscheidung."

Nicole Merbach, Stiftung Warentest, Berlin

CBD: fehlende Studien, unbelegte Wirkungen

Es gibt zwar Hinweise darauf, dass CBD helfen kann bei Schlafstörungen und auch eine entkrampfende Wirkung hat. Aber seriöse Studien zu möglichen Wirkungen der Produkte fanden und bekamen die Warentester auch von den Herstellern keine. Der CBD-Gehalt entsprach bei der Prüfung der meisten Produkte zwar den Angaben, allerdings fand sich in vier Produkten mehr berauschendes THC als erlaubt. Es darf 0,2 Prozent nicht überschreiten. In einem Fall lag der Wert sogar um das Zehnfache höher, was zum Beispiel zu Problemen beim Autofahren führen könnte. Die Stiftung Warentest empfiehlt CBD-Produkte grundsätzlich nicht, denn es gibt noch weitere Risiken. 

"Es kann beispielsweise sein, dass es beim Einzelnen eher zur Aufregung führt als zur Entspannung. Auch Menschen, die Medikamente einnehmen, die sollten vorsichtig sein. Es könnte Nebenwirkungen geben, sie sollten die Hände davon lassen. Ebenso auch Schwangere und stillende Frauen sollten darauf verzichten."

Nicole Merbach, Stiftung Warentest, Berlin

Viele Hersteller verkaufen ihre Produkte nicht als Novel Food oder Nahrungsergänzungsmittel sondern deklariert als Rohstoffe. Aber auch sie hoffen auf baldige Zulassung durch größere Firmen, denn Zulassungsverfahren sind teuer.

"Wir verkaufen unser CBD-Öl nicht als Lebensmittel, sondern als Rohstoff. Wir stellen diesen Rohstoff auch selber her, um sicher zu gehen, dass Qualitätsstandards eingehalten werden. Es laufen mehrere Verfahren von Großunternehmen und da ist es ja so bei der Novel Food-Verordnung, wenn es einmal genehmigt ist, ist es für alle genehmigt."

Wenzel Cerveny, Hanfladenbesitzer, CBD-Öl-Hersteller

CBD: Wirkung im Körper

Trotz fehlender Studien sind viele überzeugt, dass CBD ein wirksames, traditionelles Heilmittel ist. Fest steht, CBD kann die Bluthirnschranke überwinden und so auch im Gehirn wirken. Prof Rainer Glaß, Leiter der Neurochirurgischen Forschung am Klinikum der Universität München, forscht seit Jahren zu CBD. Er ist skeptisch, was frei verkäufliche Produkte betrifft.

"Ich denke, bei den frei verkäuflichen Präparaten werden Sie in der Regel nicht wissen, wieviel CBD dort wirklich verfügbar ist. Das heißt also, wieviel CBD Sie dann aktiv für pharmakologische Prozesse aufnehmen können. Und deswegen würde ich sagen, gibt es da eine große Unwägbarkeit."

Prof. Dr. rer. nat. Rainer Glaß, Neurochirurgische Forschung, Klinikum Universität München

Medizinisches CBD: Wirkstoff mit Potential

Doch CBD hat medizinisches Potential: Im Labor kann CBD Zellen von Glioblastomen, das sind seltene Gehirntumore, absterben lassen. Allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen und nicht bei jedem. Prof. Rainer Glaß und sein Team fanden auf molekularer Ebene heraus, wann und wie das genau funktioniert.

So kann CBD seltene Gehrintumore bekämpfen

Die Wirksamkeit gezielter therapeutischer Ansätze gegen aggressive Gehirntumore (Glioblastome; GBM ) unterscheidet sich oft bei einzelnen Patienten. Eine Messung der Sauerstoffradikale (ROS) ermöglicht eine Voraussage über die Sensitivität von GBM für das experimentelle Therapeutikum Cannabidiol.

Noch ist das Grundlagenforschung, aber bald schon soll es auch klinische Studien dazu geben. Forscher und natürlich behandelnde Mediziner hoffen, schon in wenigen Jahren einigen Glioblastom-Patienten damit konkret helfen zu können.

"Wir hoffen, dass wir in wenigen Jahren soweit sind, die Patienten mit einfachen Markern identifizieren zu können, die von CBD-Therapien profitieren könnten, um sie dann auch effizient mit CBD-Therapien behandeln zu können. Das wäre ein großer Fortschritt, denn gerade bei den seltenen Glioblastomen bleibt wenig Zeit für die Therapie."

Prof. Dr. rer. nat. Rainer Glaß, Neurochirurgische Forschung, Klinikum Universität München

CBD: Forschung und Medikamente

Einen bestimmten Rezeptor für CBD oder den einen Wirkmechanismus gibt es nicht. Wahrscheinlich hat CBD einen gewissen vermindernden Einfluss auf bestimmte Rezeptoren, aber noch ist vieles unerforscht. Wissenschaftlich diskutiert wird auch eine antientzündliche Wirkung.

Trotzdem gibt es schon heute einige, wenige zugelassene Medikamente, die hochkonzentriertes CBD als Wirkstoff nutzen. Sie haben klinische Studien und strenge Zulassungsverfahren durchlaufen. In Kombination mit THC wird CBD eingesetzt bei Krebspatienten während der Chemotherapie und bei Patienten mit MS.

CBD: Wirkung bei bestimmten Epilepsien

Ein Medikament, das ausschließlich auf die Wirkung von hochkonzentriertem, medizinischem CBD setzt, ist seit wenigen Jahren für die Behandlung bestimmter Formen schwerer kindlicher Epilepsien zugelassen. Auch Kinderneurologe Prof. Ingo Borggräfe vom Dr. von Haunerschen Kinderspital des Klinikums der Universität München setzt es bei seinen jungen Patienten ein.

"Es gibt eine Reihe von Studien in den letzten Jahren, die dazu gemacht worden sind, in einer sehr hohen Qualität. Sie zeigen bei verschiedenen Epilepsien, dass es etwa bei der Hälfte der Patienten zu deutlich weniger Anfällen unter dem Medikament kommt. Und es scheint so zu sein, dass bei einigen Patienten auch das Verhalten und die Aufmerksamkeit besser wird, sodass die Frage ist, ob man das dann am Ende auch für andere Indikation einsetzen kann. Das ist aber etwas, was jetzt momentan noch nicht abschließend bewertet werden kann. Die Zulassung gibt es nur für Epilepsie."

Prof. Dr. med. Ingo Borggräfe, Kinderneurologe, Epilepsiezentrum, Klinikum der Universität München

Viele Kinder mit Epilepsie nehmen mehrere Medikamente ein. Nicht alle Patienten sind Responder, sprechen also auf CBD an. Ist das Medikament trotzdem ein Gewinn für die Therapie?

"Es ist auf jeden Fall eine Erweiterung unseres Spektrums, mit dem wir die Patienten noch einmal anders behandeln können. Das ist erst mal positiv, wobei noch nicht ganz klar ist, wie es wirklich genau wirkt. Und wir haben eine Zulassung ab einem gewissen Alter, was im Kindesalter auch nicht immer ganz selbstverständlich ist, dass Medikamente auch im sehr jungen Alter zugelassen sind. Es ist aber wie bei jedem anderen Medikament. Man hat ein gewisses Wirkspektrum und es ist auch kein Wundermedikament, wo man sagen kann, plötzlich ist alles weg."

Prof. Dr. med. Ingo Borggräfe, Kinderneurologe, Epilepsiezentrum, Klinikum der Universität München

Wie bei jedem Medikament, sind auch bei CBD Medikamenten Nebenwirkungen möglich. Neurologe Prof. Borggräfe beurteilt, neben der fehlenden Studienlage, nicht zuletzt deshalb frei verkäufliche Produkte durchaus kritisch:

"Die Studienlage für frei verkäufliche Produkte ist sehr, sehr dünn, die Qualität oft fraglich. Die Wirkungen basieren auf Beobachtungen. Das sind meist Einzelfälle und nichts, was in irgendeiner Form medizinischen Fragestellungen und Indikationen standhalten würde. Man muss sich dann auch immer fragen, was behandele ich denn überhaupt damit? Und wenn es wirklich um medizinische Behandlungen und Indikationen geht, dann gehört das in die Hände eines Arztes, der sich mit dem Medikament auskennt. Denn das Medikament Cannabidiol, also hochkonzentriertes, medizinisches CBD, kann auch den Spiegel von anderen Medikamenten verändern. Also das ist nichts, was man sozusagen nebenbei probieren kann."

Prof. Dr. med. Ingo Borggräfe, Kinderneurologe, Epilepsiezentrum, Klinikum der Universität München

CBD: noch viel Forschung nötig

Fazit: CBD ist ein Wirkstoff mit medizinischem Potential. Allerdings fehlen zu vielen möglichen Wirkungen noch wissenschaftliche Belege oder die Forschung befindet sich noch in einem präklinischen Stadium, das nur Aussagen unter Vorbehalt erlaubt.  

Was die fehlende Zulassung frei verkäuflicher Produkte betrifft, sollte jeder wissen: CBD ist zwar ein natürlicher Pflanzenstoff, deswegen aber nicht harmlos. Es birgt durchaus Risiken.


3