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Gesund per Handy? Spahn will Apps zur Kassenleistung machen

Medizinische Handy-Apps gehören längst zum Alltag von Millionen Patienten in Deutschland. Jetzt hat der Gesundheitsminister einen Gesetzentwurf vorgelegt, der einige Apps zur Kassenleistung machen soll. Gesundheit! fragt: Hilft das den Patienten? Und wer entscheidet, welche Apps sicher sind und welche ein Risiko darstellen?

Von: Florian Heinhold

Stand: 03.06.2019

In der Geburtshilfe am Klinikum Großhadern gehört der Umgang mit Handy-Apps längst zum Alltag. Chefarzt Professor Uwe Hasbargen nutzt sie selbst im Umgang mit Schwangeren, etwa bei der Berechnung des Gestationsalters. Unter den Frauen, die in der Schwangerschaft zur Kontrolle, Überwachung und schließlich zur Entbindung ans Klinikum kommen sind Handy-Apps oft ein ganz wichtiger Teil der Vorbereitung auf die Geburt.

"Ich habe den Eindruck, dass die Patientinnen dadurch heute besser informiert sind und vor allem auch zeitgenauer über die konkrete Phase ihrer Schwangerschaft Bescheid wissen. Eine gute App wird den Patienten nicht gefährden. Dementsprechend muss die Grenze immer auf der sicheren Seite für die Patienten gezogen werden."

Prof. Dr. med. Uwe Hasbargen, Gynäkologe, Klinikum Großhadern

Apps in der Geburtshilfe

Prof. Hasbargen hält es grundsätzlich für richtig, den Schritt in Richtung Digitalisierung der Medizin auch von gesetzgeberischer Seite aktiv zu gestalten. Er mahnt aber an, dass die Verbindung zwischen Apps, die informieren und dokumentieren auf der einen Seite, und telemedizinischen Angeboten, die den Kontakt zwischen Patienten und Ärzten auch per Handy oder Chat ermöglichen auf der anderen Seite, noch besser gestaltet werden muss.

Auf der Neugeborenen-Station trifft Gesundheit! eine junge Mutter, die gerade ein gesundes Mädchen zur Welt gebracht hat. Auch sie hatte sich in der Schwangerschaft per App informiert. Die App gab ihr jeden Tag Bescheid, welche Entwicklung ihr Embryo gerade durchmacht und welche Beschwerden in der jeweiligen Schwangerschaftsphase typisch sind. „Ich habe eine App benutzt von Anfang an, um zu sehen, wie groß das Kind ist, wie schwer es ist“, erzählt sie uns, während sie das Köpfchen ihrer frisch geborenen Tochter streichelt.

"Ich hatte zum Beispiel sehr starke Krampfadern und habe mich darüber informiert. Aber letztendlich bin ich dann doch zu meinem Gynäkologen gegangen und habe mich dort aufklären lassen. Also die App gibt einem eine Hilfestellung, um seine Beschwerden besser einzuschätzen und dann zum Arzt zu gehen."

Junge Mutter

Für Professor Hasbargen ist das der richtige Umgang mit Apps. Für deren Qualität fordert er klare Regeln.

"Vor allen Dingen muss auch ein Verfallsdatum wie bei einem Medikament damit verbunden sein, also eine Lizenz auf Zeit. Denn medizinische Sachverhalte ändern sich schnell."

Prof. Dr. med. Uwe Hasbargen, Gynäkologe, Klinikum Großhadern

Unzählige Angebote auf dem Markt

Doch nicht nur für Schwangere gibt es unzählige medizinische Apps – auch für Diabetiker oder Bluthochdruck-Patienten. Besonders groß ist der Markt für Fitness-Apps. Auch Schmerzpatienten und Menschen mit Rückenbeschwerden finden zahlreiche Anwendungen zum Herunterladen auf das Handy, einige davon gratis, viele aber auch als kostenpflichtiges Abo oder mit einmaligem Kaufpreis.

Am Klinikum rechts der Isar in München leitet Professor Thomas Tölle die Rückengesundheits-Studie Rise-Up. In deren Rahmen nutzen die teilnehmenden Patientinnen und Patienten auch eine unter medizinischer Aufsicht entwickelte App, um gezielt bei individuellen Übungen für ihre Rückengesundheit angeleitet zu werden. Prof. Tölle ist ein Befürworter von Apps in der Medizin – solange die verwendeten Daten wissenschaftlich fundiert sind.

"Das alles muss mit Patienten besprochen sein, publiziert sein und man muss kontrollierte Studien dazu gemacht haben. Sonst würde ich mich als Patient nicht überzeugen lassen, dass ich diese App nutzen sollte."

Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Thomas Tölle, Neurologe, Klinikum rechts der Isar, München

 Professor Tölle sieht auch die Ärzteschaft in der Pflicht, sich verstärkt mit Apps auseinanderzusetzen und die Digitalisierung mitzugestalten.

"Ich halte das für den einzig möglichen Weg. Also muss sich auch der Arzt damit beschäftigen und als Coach den Patienten immer neue Entwicklungen erklären."

Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Thomas Tölle, Neurologe, Klinikum rechts der Isar, München

Klare Regeln gefordert

Nur genau das könnte für viele niedergelassene Ärzte ein Problem werden, sagt auch Frauenärztin Marianne Röbl-Mathieu von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern. Bei der Vielzahl der Apps auf dem Markt könne nicht jeder einzelne Arzt zum Experten für Medizinangebote auf dem Handy werden. Deshalb müsse zunächst Klarheit geschaffen werden, welche Apps Ärztinnen und Ärzte bedenkenlos verschreiben können.

"Ich finde es gut, wenn Apps in einem Verzeichnis kategorisiert sind nach Anwendungsgebieten und bewertet sind nach Qualität, medizinischem Nutzen und möglichen Versorgungseffekten. Die Auswahl sollte jedoch nicht auf der Basis von Algorithmen getroffen werden. Nur der Arzt kann aufgrund seiner Fachkompetenz einerseits und der persönlichen und detaillierten Kenntnis der Situation des individuellen Patienten beurteilen, ob eine App im Einzelfall sinnvoll und unschädlich ist. Dieses Vertrauensverhältnis wird hoffentlich auch künftig besonders geschützt sein."

Dr. med. Marianne Röbl-Mathieu, Gynäkologin, Kassenärztliche Vereinigung Bayern

Kritik vom IQWIG

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen hält besonders Apps, die selbst Diagnosen erstellen sollen, für problematisch. Insbesondere Hautkrebs-Apps, die erkennen sollen, ob es sich um ein Muttermal oder ein Melanom handelt.

"Bei diagnostischen Apps ist die Gefahr, dass man sich drauf verlässt, man hätte ja nichts, man sei ja gesund. Und wenn ich mich dann nicht darauf verlassen kann, kann das tatsächlich lebensgefährlich sein."

Prof. Dr. med. Stefan Sauerland, Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, Köln

Der Gesundheitsminister hat schon angekündigt, dass sich sein Vorschlag nur auf Niedrigrisiko-Apps beschränkt. Die Forscher am IQWIG haben aber auch da Bedenken, vor allem was die Wirtschaftlichkeit und das Kosten-Nutzen-Verhältnis angeht.

"Hauptproblem ist natürlich, dass man da Apps ins System reinlässt, die nicht in irgendeiner Weise Nutzen für die Patienten bringen, sondern einfach Apps sind, die ein bisschen Hokuspokus machen. Man macht sich da lieb Kind bei den Versicherten und irgendjemand wird es schon bezahlen."

Prof. Dr. med. Stefan Sauerland, Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, Köln

Noch handelt es sich nur um einen Referentenentwurf und nicht um ein Gesetz. Noch können also solche Anregungen und Kritik aus der Forschung im Gesetzgebungsprozess berücksichtigt werden. Das Gesundheitsministerium hat in jedem Fall angekündigt, den Prozess sicher gestalten zu wollen.

"Patienten sollen sich darauf verlassen können, dass digitale Apps (…) schnell in die Versorgung kommen aber auch sicher, nach klargesetzten Kriterien in die Versorgung kommen."

Jens Spahn, Bundesgesundheitsminister, Statement vom 15.5.2019


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