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Grippe-Saison Mehr Menschen wollen sich gegen Grippe impfen lassen

Politiker und Ärztevertreter empfehlen, dass sich dieses Jahr mehr Menschen impfen lassen sollten. Angesichts steigender Coronazahlen soll so vermieden werden, dass es viele Grippekranke gibt. Doch es ist umstritten, für wen die Schutzimpfung sinnvoll ist.

Von: Veronika Scheidl

Stand: 22.09.2020

Der Herbst und die kalte Jahreszeit rücken immer näher und damit auch die Grippe-Saison. Wohl auch angesichts der Corona-Pandemie ist das Interesse der Menschen an einer Grippeschutz-Impfung höher als in den vergangenen Jahren: Laut einer repräsentativen Umfrage mit 5.000 Teilnehmern überlegt jeder zweite Deutsche, sich gegen die Grippe impfen zu lassen.

Auch der Münchner Allgemeinarzt Michael Weier registriert ein gesteigertes Interesse seiner Patienten:

"Es ist sicher wegen Corona. Und jetzt kommen gerade die Älteren durchaus ins Grübeln. Man spürt eine gewisse Angst vor Virusinfekten und nimmt die Grippe zum ersten Mal vielleicht als reelle Bedrohung wahr."

Dr. med. Michael Weier, Facharzt für Allgemeinmedizin, München

Politiker werben für mehr Impfungen

Im Jahr 2019 haben sich knapp 14,2 Millionen Menschen in Deutschland gegen Influenza impfen lassen, gut 26 Millionen Impfdosen sind für die kommende Saison verfügbar. Politiker wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und auch Markus Beier vom Bayerischen Hausärzteverbandes werben dafür, dass sich dieses Jahr möglichst viele Menschen sich gegen die Grippe impfen lassen sollten - auch diejenigen, die nicht zur Risikogruppe gehören. Denn die Angst vor vielen Grippe-Kranken, gleichzeitig zu steigenden Corona-Infektionen, und damit einer möglichen Überbelastung des Gesundheitssystems wächst.

STIKO: Keine Impf-Empfehlung für alle

Die Ständige Impfkommission (STIKO) des Robert-Koch-Instituts gibt trotz Corona keine Impfempfehlung für alle aus. Denn wenn sich wirklich jeder zweite Deutsche gegen die Grippe impfen lassen würde, reichen die Impfstoffdosen bei Weitem nicht aus. Die STIKO sagt: Nur Risikogruppen, also Schwangere, Menschen über 60 oder mit chronischen Krankheiten wie Asthma oder Diabetes und auch medizinisches Personal, sollten geimpft werden.

Grundsätzlich sei man froh, dass die Menschen sich einer Impfung zuwenden, sagt Prof. Christian Bogdan, STIKO-Mitglied und Direktor des Mikrobiologischen Instituts Universitätsklinikum Erlangen. „Für uns ist wichtig, dass die besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen geimpft werden.“ So könne auch eine zusätzliche Belastung des Gesundheitssystems verhindert werden.

Impfung reduziert Risiko, an Grippe zu erkranken

Eine Grippe kann in schweren Verläufen etwa zu gefährlichen Lungenentzündungen führen. Wer sich gegen Influenza-Viren impfen lässt, der reduziert sein Risiko um bis zu 60 Prozent, an der Grippe zu erkranken. Der Augsburger Allgemeinarzt Markus Beck stellt sich hinter die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission, dass primär die Risikogruppen geimpft werden. „Der Verlauf kann auch bei einem jüngeren oder nicht vorerkrankten Patienten etwas stärker sein“, erklärt Beck. „Aber die Komplikationsrate ist geringer, die Hospitalisierungsrate und auch die Sterberate.“

Der Allgemeinarzt Michael Weier dagegen hält es durchaus für sinnvoll, wenn sich in dieser Grippe-Saison mehr Menschen impfen lassen, auch wenn sie nicht zu einer Risikogruppe gehöre:

"Es gibt Menschen, die wissen ganz genau, wenn ich die Grippe krieg, dann war‘s das. Und für die können wir was tun. Das ist eine Gewissensfrage, die muss jeder für sich entscheiden, es ist keine medizinische Frage."

Dr. med. Michael Weier, Facharzt für Allgemeinmedizin, München

Sollen Kinder gegen die Grippe geimpft werden?

In der Diskussion um die Grippe-Impfung geht es auch darum, ob Kinder geimpft werden sollen. Kinder gelten als erwiesener Überträger der Influenza, sagt etwa Prof. Johannes Hübner von der Pädiatrischen Infektiologie am Haunerschen Kinderspital in München. Influenza gehöre zu den häufigsten Atemwegsinfektionen bei Kindern. Auch Prof. Reinhard Berner von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin befürwortet eine Impfung: „Kinder tragen dieses Virus in besonderer Weise in die Population hinein, insbesondere auch zu den Risikopatienten wie den Großeltern. Eine Impfung der Kinder würde auch diese Population schützen.“

Insbesondere Säuglinge und junge Kleinkinder seien anfällig für schwere Grippe-Verläufe. Solche schweren Verläufe hat auch der Münchner Kinderarzt Ludwig Schmid schon beobachtet:

"Regelmäßige Komplikationen sind Lungenentzündungen. Sehr schmerzhafte, unangenehme Ohrenentzündungen. Und dann gerade diese Krankheitsverläufe, bei Jugendlichen auch, mit sehr hohem Fieber, sehr heftigen Kopfschmerzen und einer langen Rekonvaleszenzphase."

Dr. med. Ludwig Schmid, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, München

STIKO: Impfung nur für vorerkrankte Kinder

Doch so wie bei den Erwachsenen gibt die Ständige Impfkommission keine generelle Impfempfehlung für Kinder aus – sie empfiehlt die Impfung nur für Kinder mit Vorerkrankungen.

"Gerade weil Kinder mit einer Influenza-Infektion in den meisten Fällen sehr gut zurechtkommen, sehen wir keine Indikation für eine jährliche Influenza-Impfung. Natürlich kann man die Politik vertreten, wenn man die entsprechende Versorgung mit Impfstoffen hat. Dann kann man jeden impfen. Aber das ist im Moment, in dieser Saison, definitiv nicht gegeben."

Prof. Dr. med. Christian Bogdan, STIKO-Mitglied, Direktor Mikrobiologisches Institut Uniklinikum Erlangen

Letztlich muss jeder für sich selbst abwägen, ob eine Impfung sinnvoll ist. Gute Impfzeitpunkte sind ab Oktober und November, ihre volle Wirkung entfaltet die Impfung nach zehn bis 14 Tagen.


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