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Glaubersalz Wie aktuell ist Glaubersalz noch?

Vor 350 Jahren ist Johann Rudolf Glauber gestorben, einer der wichtigsten Alchimisten des 17. Jahrhunderts. Heute würde man ihn vermutlich einen Selfmade-Man nennen. Glauber, der keine akademische Ausbildung hatte, versuchte sich in den Wirren des 30-jährigen Kriegs immer wieder neu zu etablieren. Er experimentierte mit Säuren, Salzen und Metallen, schrieb Dutzende von Bücher. Doch ausgerechnet ein Nebenprodukt, das er beim Versetzen von Kochsalz mit Schwefelsäure bei der Herstellung von Salzsäure erhält, verbindet man bis heute mit seinem Namen: Glaubersalz – ein Mittel zur Darmreinigung.

Von: Susanne Wimmer

Stand: 02.03.2020 12:02 Uhr

Im unterfränkischen Karlstadt kommt Glauber 1604 zur Welt. Ab 1618 tobt der 30-jährige Krieg. Glauber besucht die Lateinschule – aber er studiert nicht. Er macht eine Apothekerlehre und verdingt sich als Spiegelmacher. Dann geht er auf Wanderschaft.

Der Alchimist aus Unterfranken

Mit gerade mal 21 Jahren erkrankt er schwer:

"Es ist nicht ganz klar, was er hatte, ob Ruhr oder Fleckfieber. Auf jeden Fall war er sehr krank und konnte nichts mehr essen. Und man hat ihm empfohlen, er solle zu einer Quelle gehen, eine Wegstunde von der Wiener Neustadt. Dort solle er Brot eintunken und es essen. Und dann würde er wieder essen können und so weiter. Und das hat er gemacht. Das hat auch funktioniert."

Prof. Dr. Helmut Gebelein, Chemiker, Universität Gießen

Er wird geheilt. Erst Jahre später beschäftigt er sich mit der chemischen Zusammensetzung dieses "sal mirabile", wie er es nennt. Das "Wundersalz" kristallisiert ganz anders als gewöhnliches Kochsalz: Nicht würfelförmig, sondern in langen Strahlen.

Schließlich gelingt es Glauber, dieses Natriumsulfat selbst im Labor herzustellen. Doch als Heilmittel verkaufen darf er es nicht – er besitzt kein Apotheker-Patent. Er hat es wohl verschenkt und um Spenden gebeten.

Erst um 1760 taucht Glaubersalz in Arzneibüchern auf. Dabei spielt Körperreinigung auch zu Glaubers Zeit mit Hilfe aller möglicher innerer Reinigungsverfahren wie Einläufen oder Brechmitteln eine große Rolle.

Abführen im 17. Jahrhundert

Zu Glaubers Lebzeiten gilt im Wesentlichen noch das Gedankenmodell der antiken Medizin: Die sogenannte 4-Säfte Lehre. Danach ist man gesund, wenn die vier Körpersäfte Schleim, Blut, schwarze und gelbe Galle im Gleichgewicht sind. Wenn es ein Ungleichgewicht gibt, ist es Aufgabe des Arztes, diese Harmonie wiederherzustellen. Und so wurde abgeführt, zur Ader gelassen oder auch Erbrechen ausgelöst.

Wirkung von Glaubersalz

Die Wirkung von Glaubersalz beruht auf dem Prinzip der Osmose. Unser Körper hat einen bestimmten Salzgehalt. Wird der an einer Stelle, zum Beispiel im Darm höher, gleicht der Körper diese höhere Konzentration aus, indem er zusätzlich Wasser durch die halbdurchlässige Darmwand einschießen lässt.

Durch den hohen Wasserdruck im Darm entstehen mehrere Entleerungsreize. Der Darm scheidet das Wasser samt Darminhalt auf natürlichem Weg aus. Allerdings beeinträchtigt das auch die Aufnahme von Nährstoffen, Vitaminen und Spurenelementen ins Blut – weshalb Glaubersalz auf keinen Fall regelmäßig eingesetzt werden soll.

Anwendung beim Heilfasten

Heute spielt Glaubersalz in erster Linie beim Heilfasten eine Rolle. In der Klinik für integrative Medizin und Naturheilkunde in Bamberg wird es als Therapie bei chronischen Schmerzerkrankungen eingesetzt. Zum Beispiel bei Rheuma. Zu Beginn wird den Patienten in der Regel Glaubersalz verabreicht, weil man so aus Sicht von Prof. Dr. Jost Langhorst eine sehr gründliche Darmreinigung erreicht.

"Und wir wissen, dass eben durch diese Ruhigstellung des Darms eben im weiteren Verlauf das Heilfasten dann in der Regel auch gut gelingt."

Prof. Dr. med. Jost Langhorst, Chefarzt, Klinik für Integrative Medizin und Naturheilkunde, Klinikum Bamberg

Dennoch liegt der Marktanteil von Glaubersalz an nicht-verschreibungspflichtigen Abführmitteln heute bei gerade einmal 1,3 Prozent. Apotheker und Pharmakologe Dr. Eric Martin würde es auch nicht uneingeschränkt empfehlen.

"Es gibt viel besser verträgliche, mildere Abführmittel. Das heißt für eine akute und auch für eine immer wiederkehrende chronische Verstopfung ist Glaubersalz definitiv ungeeignet. Ausgeschlossen werden muss der Einsatz bei Patienten mit Herzmuskelschwäche, Bluthochdruck oder Nierenerkrankungen."

Dr. Eric Martin, Pharmakologe, Marktheidenfeld

Glauber als erster technischer Chemiker

Alles in Allem gilt die Entdeckung des Natriumsulfats nur als eine von vielen. Es würde dem großen Alchimisten Johann Rudolf Glauber nicht gerecht werden, allein auf das nach ihm benannte Salz reduziert zu werden. Glauber stellte unter anderem konzentrierte Salzsäure her, schuf Keramiken, entwickelte Öfen und Destillationsanlagen. Heute gilt er als erster technischer Chemiker – und obendrein als ziemlich cleverer Geschäftsmann.

"Er hat vom Handel seiner Chemikalien überwiegend gelebt und vom Verkauf von Vorschriften, die er gemacht hat. Und da hat er eben nicht immer alles gesagt, sondern, wenn jemand gesagt hat, die Vorschrift funktioniert nicht, hat er gesagt kein Problem, da fehlt noch ein wichtiger Teil. Den gibt es nur gegen Cash."

Prof. Dr. Helmut Gebelein, Chemiker, Universität Gießen

Glaubers späte Jahre

Als Glauber später in Kitzingen lebt, experimentiert er an der Herstellung von Weinstein. Vom Würzburger Fürstbischof bekommt er dafür eine Art Vorkaufsrecht auf den Trester, aus dem die Kitzinger Winzer jedoch auch Schnaps brannten. Das nahmen sie Glauber offenbar sehr übel. Angeblich haben sie ihn aus Kitzingen vertrieben.

Zwei Jahre danach lebt Glauber mit seiner Familie wie schon einmal wieder in Amsterdam. Dort stirbt er im Alter von 66 Jahren an einer Quecksilber-Vergiftung. Die Chemie bestimmte sein Leben bis zu seinem Tod.


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