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Gicht Die Krankheit der Könige?

In Mittelalter war sie ein Symbol für Wohlstand: Die Gicht, wurde sie doch mit Völlerei und üppigen Festgelagen verbunden. Doch neuere Forschung zeigt, dass die Ernährung nur einen Teil des Problems ausmacht. Viele Gichtpatienten können nichts für ihr Leiden.

Von: Florian Heinhold

Stand: 15.07.2019

Gesundheit! begleitet einen Patienten, der so gar nicht ins typische Bild eines Gichtkranken passt. Anfang 40 und sportlich. Sein erster Gichtanfall kam in der Nacht während einer Diät, berichtet er auf dem Weg zur Untersuchung im Universitätsklinikum Erlangen.

"Das ist ein ganz starker, stechender Schmerz, wie wenn der Blitz reinfährt. Ich war ja auf Diät und habe nicht damit gerechnet, dass es Gicht ist, sondern irgendetwas anderes."

Patient

Gichtanfall während Diät

Dass der Anfall während einer Diät kam, ist für seinen Arzt, den Rheumatologen Dr. Jürgen Rech am Deutschen Zentrum für Immuntherapie der Uniklinik Erlangen nicht das Überraschende. Solche Fälle beobachten die Experten immer wieder.

Zwar ereignet sich der klassische Gichtanfall häufig nach einem üppigen Abendessen mit viel Alkohol. Aber auch Crashdiäten, bei denen in sehr kurzer Zeit, sehr viel Gewicht verloren wird, können Anfälle auslösen.

Hintergrund sind extreme Schwankungen des Stoffs Purin im Körper. Purine finden sich vor allem in fettigem Fleisch und Wurstwaren, aber auch in Fisch, Meeresfrüchten und bestimmten Gemüsesorten wie Spargel. Das Problem: Beim Abbau von Purin erhöht sich der Harnsäurespiegel im Körper. Überschüssiges Natriumurat setzt sich bei einer Gicht in Form von Harnsäurekristallen an Knochen, Sehnen und Gelenken fest.

Ernährungsumstellung hilft nicht immer

Gichtpatienten wird deshalb zunächst eine Ernährungsumstellung empfohlen. Doch im Fall des Erlanger Patienten brachte das keine Besserung.

"Der Patient achtet auf purinarme Kost, aber dennoch ist es ihm nicht möglich, tatsächlich die Harnsäure soweit in den Normbereich zu bekommen, dass nichts mehr abgelagert wird und keine Schübe mehr auftreten.  Das heißt, wir haben hier einen sehr ausgeprägten Fall einer tophösen, therapie-refraktären Gicht."

PD Dr. med. Jürgen Rech, Internist, Universitätsklinikum Erlangen

Auch die gängigen Gichtmedikamente halfen nichts. Der 44-Jährige wird mit speziellen Biologica behandelt, die über den Bauch injiziert werden. So versuchen die Ärzte zielgenau die Entzündungsreaktion durch die Gicht zu lindern. 

"Die Schübe treten dann nicht mehr auf, weil die Entzündung kontrolliert ist. Das ändert natürlich nichts an der Ursache der Erkrankung."

PD Dr. med. Jürgen Rech, Internist, Universitätsklinikum Erlangen

Lebensstil und Genetik

Auch am Münchener Gichtzentrum behandelt Professorin Ursula Gresser immer wieder Patienten, die trotz einer Ernährungsumstellung einfach keine Besserung ihrer Gichtsymptome erreichen.

Als Gesundheit! in ihrer Praxis dreht, untersucht Prof. Gresser gerade einen besonders leidgeplagten Patienten. Überall an seinen Gelenken zeichnen sich die typischen Gichtknoten ab, sogenannte Tophi. Der Patient hatte seine Gichterkrankung zuerst auf seinen Lebensstil geschoben und alles mögliche versucht – Wasser statt Bier, Fleisch ließ er ein Jahr lang komplett weg.

"Ich habe es dann vegetarisch probiert, aber das hat mehr oder weniger gar nichts genutzt. Man kann sich nicht bewegen, es sind Schmerzen ohne Ende im Gelenk. Man kann nicht einmal eine Decke drauf tun, also sich zudecken, wenn man schlafen will."

Patient

Vorurteile über Gicht

Viele von Prof. Gressers Patienten leiden unter den Vorurteilen, die in der Öffentlichkeit oft mit Gicht verbunden sind.

"Viel Information über die Gicht stammt von einem Zeitpunkt, wo man weder die Biochemie wirklich kannte, noch wirksame Medikamente hatte. Und da hat man halt gesagt: Ok, möglichst wenig Purine essen. Und dann wird das schon gut werden. Und der Patient ist selbst schuld. Heute weiß man: Es ist eigentlich nicht so. Jeder dritte Mensch in diesem Land hat eine schlechtere Ausscheidung von Harnsäure, dadurch höhere Harnsäurewerte. Und etwa jeder zehnte von denen, jeder dreißigste, bekommt dann manifeste Probleme. Die Krankheit ist angeboren, die hohe Harnsäure kommt durch einen Stoffwechseldefekt, durch eine genetische Anomalie."

Prof. Dr. med. Ursula Gresser, Internistin, Gichtzentrum München

Rechtzeitig mit Therapie beginnen

Ernährung ist also nur ein Teil des Problems, die genetische Komponente wurde lange unterschätzt, berichtet Prof. Ursula Gresser. Oft hilft den Patienten nur die richtige Kombination aus Langzeit- und Akut-Medikamenten.

"Man muss auf Dauer die Harnsäure senken, aber die Medikamente, die die Harnsäure senken, sind nicht dazu geeignet, den Gichtanfall zu behandeln."

Prof. Dr. med. Ursula Gresser, Internistin, Gichtzentrum München

Und dass rechtzeitig mit der richtigen Therapie begonnen wird, ist wichtig. Denn erhöhte Harnsäure kann noch andere schwere Erkrankungen auslösen. Prof. Gresser überprüft deshalb regelmäßig die Gefäße ihrer Gichtpatienten.

"Hohe Harnsäure ist einer der Risikofaktoren für die Arteriosklerose, sprich: für den Herzinfarkt."

Prof. Dr. med. Ursula Gresser, Internistin, Gichtzentrum München

Forschung nach neuen Wirkstoffen

Am Uniklinikum Erlangen forschen Ärzte und Biologen nach neuen Wirkstoffen und versuchen das Thema Gicht einer breiteren Öffentlichkeit näher zu bringen. Die Forschungskoordinatorin der Uniklinik, Sandra Jeleazkov hatte die Idee für Handy- und Computerspiel, mit dem unter anderem Schulklassen wissenschaftliche Fakten zur Gicht und anderen entzündlichen Erkrankungen spielerisch lernen können. Das Spiel Inlammania wurde wissenschaftlich von Dr. Markus Hofmann begleitet. Der Biologe erforscht in Erlangen, was genau im Körper passiert, wenn ein akuter Gichtanfall endet. 

"Mein spezielles Forschungsgebiet ist nachzusehen, warum bei manchen Patienten eine Entzündung chronisch wird und sich bei anderen selber wieder auflöst."

PD Dr. rer. nat. Markus Hoffmann, Biologe, Universitätsklinikum Erlangen

"Der Entzündung den Stecker ziehen"

Dabei konnten die Forscher beobachten, wie sich spezielle Immunzellen, die neutrophilen Granulozyten, selbst zur Explosion bringen und so Netze bilden, in denen sich Entzündungsbotenstoffe bei einem Gichtanfall verfangen.  

"Der Entzündung wird der Stecker rausgezogen. Wenn alle entzündlichen Botenstoffe abgebaut werden, dann gibt es keine Entzündung mehr."

PD Dr. rer. nat. Markus Hoffmann, Biologe, Universitätsklinikum Erlangen

Bis daraus vielleicht eine Therapie wird, dauert es noch viele Jahre. Aber solche Forschung könnte gerade für Patienten, die mit einer einfachen Ernährungsumstellung keinen Erfolg haben, ein Hoffnungsschimmer sein.


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