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Diversität und Gesundheit Armut macht krank, Krankheit macht arm

Diversität: Viele denken dabei spontan an sexuelle Verschiedenartigkeit, an Queerness oder Transgender. Aber Diversität hat, vor allem wenn es um Gesundheit geht, mehr Aspekte. Der Wichtigste: Die Teilhabe an medizinischer Versorgung, - für alle!

Von: Bernd Thomas und Antje Maly-Samiralow

Stand: 18.05.2021

Beim Thema Gesundheit wird Diversität von vielen Faktoren bestimmt. Ausschlaggebend dabei ist, wie sich diese auf den Zugang und die Qualität medizinischer Versorgung für Einzelne oder gesellschaftliche Gruppen auswirken.

"Diversität bedeutet die Unterschiedlichkeit von Menschen kulturell, religiös, ethnisch, auf die sexuelle Orientierung oder auch den sozialen Status bezogen. Im Kontext von Gesundheit bedeutet das natürlich auch, einen unterschiedlichen Zugang zum Versorgungssystem zu haben. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle: Bin ich versichert, wenn ja, welche Form der Versicherung habe ich oder habe ich keine? Welchen sozialen Status habe ich in diesem Land? Bin ich illegalisiert hier oder bin ich Asylbewerber? Dann habe ich auch wieder einen anderen, deutlich geringeren Anspruch. Also viele Faktoren kommen zusammen und wirken sich auf den Zugang zu medizinischer Versorgung aus."

Prof. Dr. med. Dipl.-Soz.Päd. Gerhard Trabert, Armut und Gesundheit in Deutschland e.V., Mainz

Gesundheit und Diversität: Armut, ein zentrales Problem

Prekäre Verhältnisse und Armut spielen eine zentrale Rolle – ein altes, strukturelles Problem im reichen Deutschland. Schon vor 27 Jahren begann Prof. Gerhard Trabert damit, Obdachlose und andere Menschen, die keinen Zugang zum Gesundheitssystem haben, vor Ort aufzusuchen und medizinisch zu versorgen.

"Arme Menschen sind kränker und sterben früher. Das ist schon lange bekannt und hat ganz unterschiedliche Ursachen: individuelle aber auch strukturelle. Es gibt einen Unterschied der Lebenserwartung zwischen dem reichsten Viertel unserer Gesellschaft und dem ärmsten, bei Frauen von acht und bei Männern von elf Jahren."

Prof. Dr. med. Dipl.-Soz.Päd. Gerhard Trabert, Armut und Gesundheit in Deutschland e.V., Mainz

Viele Ursachen und skandalöse Daten

Menschen, die über ein geringes Einkommen verfügen, und das betrifft sowohl Erwerbstätige, als auch Sozialhilfebezieher und zunehmend auch Rentner, haben oft Probleme, sich auf Dauer gesund zu ernähren. Wer – aus welchem Grund auch immer – in sozial belasteten Verhältnissen lebt, permanent mit wirtschaftlichen Sorgen zu kämpfen hat, der hat außerdem ein deutlich höheres Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen, noch immer die Todesursache Nummer eins.

"Früher galt der Herzinfarkt als Managerkrankheit. Heute sind vorwiegend arme Menschen davon betroffen. Armut und fortwährende wirtschaftliche Nöte lassen die Menschen nicht zur Ruhe kommen und halten sie in permanentem Stress."

Prof. Dr. med. Dipl.-Soz.Päd. Gerhard Trabert, Armut und Gesundheit in Deutschland e.V., Mainz

Wie hoch das Ausmaß der Verzweiflung sein muss, zeigen die Suizidraten, die bei Langzeitarbeitslosen deutlich höher sind als in der restlichen Bevölkerung. Das Risiko, eine psychische Erkrankung zu entwickeln, ist bei Langzeitarbeitslosen etwa doppelt so hoch, und die Sterblichkeit ist um den Faktor 1,6 erhöht. Im Umkehrschluss treiben chronische Erkrankungen Menschen immer häufiger in die Verschuldung und erzeugen folglich Armut – ein Teufelskreis!Armut

Außerhalb des System: Leben ohne Krankenversicherung

Realistischen Schätzungen zufolge leben in Deutschland rund 500.000 Menschen ohne Versicherungsschutz. Das führt unter anderem dazu, dass viele aus Scham und zum Teil auch aus Unwissen und Unsicherheit nicht zum Arzt gehen, selbst wenn sie starke Schmerzen, Erkrankungen oder Wunden haben, die versorgt und behandelt werden müssten. Prof. Trabert und sein Team vom Verein Armut und Gesundheit in Deutschland e.V. mussten in der Vergangenheit mehrfach erleben, dass nicht versicherte Menschen in Krankenhäusern abgewiesen wurden, selbst mit schwerwiegenden Problemen wie Knochenbrüchen, da die Kostenübernahme nicht geklärt war.

"Wir haben leider die Erfahrung gemacht, dass Krankenhäuser selbst Notfälle nicht direkt aufnehmen, wenn die Menschen nicht versichert sind bzw. dass Patienten, die behandelt wurden, viel zu früh entlassen werden. So etwas darf nicht passieren. Wir sind immer noch vom Selbstverständnis her ein humanitärer Staat."

Prof. Dr. med. Dipl.-Soz.Päd. Gerhard Trabert, Armut und Gesundheit in Deutschland e.V., Mainz

Clearingstellen: Weg zurück in die Krankenversicherung

Ebenso wie andere Organisationen in Deutschland unterstützt auch der Verein Armut und Gesundheit Menschen in prekären Situationen mit seiner Clearingstelle dabei, wieder in eine Krankenkasse aufgenommen zu werden. Viele Betroffene erhalten immer wieder von den Kassen falsche Auskünfte, was die Rückzahlung aufgelaufener Beitragsschulden betrifft und geben resigniert auf. Nele Kleinehanding, leitende Sozialarbeiterin bei Armut und Gesundheit in Mainz, kennt dieses Problem.

"Die Realität sieht so aus, dass es eine Verjährungsfrist gibt von ungefähr 4 Jahren, und mehr muss meist nicht an Schulden bezahlt werden. Außerdem ist es so, dass Menschen, die im Sozialhilfebezug sind, trotz Beitragsschulden immer voll versichert sind. Wenn die Krankenkasse sagt, die Menschen sind nur versichert, wenn alle Schulden bezahlt sind, stimmt das nicht."

Nele Kleinehanding, leitende Sozialarbeiterin, Armut und Gesundheit in Deutschland e.V., Mainz

Gesundheitsrisiko: bürokratische Hürden

Wer in Deutschland als Flüchtling mit einem laufenden Asylverfahren lebt und als solcher bei einer Ausländerbehörde registriert ist, wird entsprechend dem Asylbewerberleistungsgesetz medizinisch behandelt, sofern eine akute Erkrankung oder Schmerzustände vorliegen. Um einen Arzt aufsuchen zu können, benötigen Asylbewerber für jede Behandlung einen Berechtigungs- oder Behandlungsschein, der von den zuständigen Behörden ausgestellt wird. In der Praxis führt das häufig dazu, dass kranke Menschen nicht zeitnah, sondern erst spät, manchmal zu spät behandelt werden. Dazu kommt, dass auch alle weiterführenden Behandlungen wiederum neu beantragt werden müssen, ein Problem auch bei chronischen Erkrankungen. Viele Asylsuchende sind zudem schwer traumatisiert und ziehen sich eher zurück, als Behandlungen einzufordern. Oft entscheiden über die Vergabe von Behandlungsscheinen Mitarbeiter von Behörden, die keine Mediziner sind, kritisiert Professor Gerhard Trabert.  

"Dieses System hat in Deutschland in der Vergangenheit schon dazu geführt, dass Behandlungen zu spät kamen und Menschen gestorben sind."

Prof. Dr. med. Dipl.-Soz.Päd. Gerhard Trabert, Armut und Gesundheit in Deutschland e.V., Mainz

Selbstverpflichtung Deutschlands: Medizinische Versorgung für alle

Deutschland hat sich international mehrfach verpflichtet, allen Menschen Zugang zu notwendiger medizinischer Versorgung zu ermöglichen. Zuletzt 2019 in der 2015 bereits unterzeichneten UN Deklaration der Universal Health Coverage. Darin formulieren die Unterzeichner die Aufgabe, als Staat dafür Sorge zu tragen, dass alle Menschen die von ihnen benötigten Gesundheitsleistungen in ausreichender Qualität in Anspruch nehmen können – zeitnah, wohnortnah und ohne in finanzielle Not zu geraten.

Versorgung für alle: Niederschwellige Angebote

Doch die Realität sieht anders aus. Immer noch haben viele hierzulande keinen oder nur eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung. Auch viele Menschen aus Osteuropa, oft unverschuldet auf der Suche nach Arbeit gestrandet, stehen ganz ohne medizinische Versorgung da. Es fehlen niederschwellige Angebote, die Menschen in prekären Situationen auch nutzen können. Dass es solche Angebote überhaupt gibt, ist bisher nur der Arbeit einiger weniger nichtstaatlicher Organisationen zu verdanken, wie sie zum Beispiel Ärzte der Welt oder eben auch Armut und Gesundheit in Deutschland e.V. in Mainz leisten. Für Prof. Gerhard Trabert ein Versagen von Politik und Gesellschaft:     

"Dass es uns gibt als Verein, der eine Lücke im Versorgungssystem schließt, ist ein Skandal. Wir wollen nicht die Tafeln der Gesundheitsversorgung sein. Das ist eine Verantwortung des Sozialstaates, dass jeder Mensch einen Zugang zu einer adäquaten Versorgung hat."

Prof. Dr. med. Dipl.-Soz.Päd. Gerhard Trabert, Armut und Gesundheit in Deutschland e.V., Mainz


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