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Beweglichkeit im Alter Das Age-Suit-Experiment

Wie fühlt es sich an, 80 Jahre alt zu sein? Das will Reporterin Veronika Keller wissen und macht den Test: Mit einem Alterssimulationsanzug, dem Age Suit, versetzt sie sich in den Körper einer 80-jährigen Frau. Wasser trinken, einkaufen gehen, etwas aufheben - alles wird plötzlich zur Herausforderung.

Von: Peter Künzel

Stand: 19.03.2018

Age-Suit-Experiment | Bild: Screenshot BR

Wir werden immer älter. Knapp 30 Prozent der Deutschen sind über 60 Jahre alt. Tendenz steigend. Wie fühlt sich der Alltag im Alter an? Moderatorin Veronika Keller startet einen Selbstversuch.

Auf Knopfdruck alt: Eine App simuliert Veronika Keller im Jahr 2050

„Immer wenn ich ältere Menschen sehe, oder zum Beispiel mit meinem Opa telefoniere, frage ich mich, wie es ist, alt zu sein. Wie fühlt es sich an? Wie lebt man damit, irgendwann langsamer und unbeweglicher zu werden? Und wie würde ich im Alter aussehen?“ Das Aussehen zu simulieren ist kein Problem. Eine App macht Veronika Keller auf Knopfdruck älter: „Ich im Jahr 2050 - das sieht ja furchtbar aus!“

Zeitreise: Plötzlich 80 Jahre alt

Aber wie fühlt sich das Altern wirklich an? Dafür schlüpft Veronika Keller in einen Alterssimulationsanzug. Manschetten und Gewichte an den Gelenken schränken ihre Bewegungsfähigkeit stark ein. In dem Anzug soll sich unsere Reporterin fühlen wie eine 80-jährige Frau. Veronika Keller spürt die Einschränkung sofort: „Das zieht einen so richtig schön runter.“

"Es geht darum, einem jungen Menschen mal nahezubringen, wie es sich anfühlt, wenn man zum Beispiel nicht mehr so locker seinen Kopf drehen kann."

PD Dr. Ellen Freiberger, „Institut für Biomedizin des Alterns“, Universität Erlangen-Nürnberg

Da viele Menschen im Alter steife Hände haben und an Fingergelenksarthrose leiden, bekommt sie jetzt noch spezielle Handschuhe. Das Handy aus der Jackentasche holen, funktioniert damit gerade noch. Darauf etwas tippen? Unmöglich. „Ich kann mein Handy nicht mehr bedienen. Und mein Alterungsprozess hat gerade erst angefangen!“  

Rückenschmerzen, schlechter hören und sehen

Etwas vom Boden aufheben ist im Age Suit schwierig.

Veronika Keller altert heute rasant. Allein die Jacke des Alterssimulationsanzuges wiegt 1,6 Kilogramm. Mit allen Gewichten, die sie mittlerweile umgeschnallt hat, trägt sie jetzt zehn Kilogramm mehr mit sich herum. Einen Zettel aufzuheben, wird so schnell zur Herausforderung. „Dadurch, dass alle Gelenke so steif sind, ist es echt schwierig. Das geht ganz schön in den Rücken.“

Doch damit nicht genug. Jetzt altert ihr Gehör. Denn: „Als Erstes verschwinden im Alter die höheren Frequenzen und dann die tieferen“, sagt Dr. Ellen Freiberger. „Für ältere Menschen ist es deshalb oft sehr anstrengend, in Gesellschaft Gesprächen zu folgen.“ Veronika Keller bekommt Kopfhörer auf: „Ich höre nur noch sehr dumpf.“

Der nächste Schritt: Eine Brille. Die schränkt Veronika Kellers Sichtfeld ein. So soll sie jetzt ein Glas Wasser trinken. Einschenken kann sie das Wasser nur, wenn sie sich dafür extra runterbeugt. Zum Trinken greift sie das Glas mit beiden Händen. „Sonst schütte ich ja alles über mich!“

Challenge im Supermarkt

Veronika Keller unterwegs im Age Suit im Supermarkt

Sehen, hören, bewegen – am Institut hat Veronika Keller das nun alles in ihrem Alterssimulationsanzug geübt. Jetzt geht es raus zum Einkaufen. „Das kann ich mir gerade noch überhaupt nicht vorstellen.“ Es hilft nichts, ihre nächste Aufgabe: Sie tritt im Supermarkt gegen Veronika Reith vom „Institut für Biomedizin des Alterns“ an. Beide haben den gleichen Einkaufszettel und 15 Minuten Zeit, um alles zu besorgen.

Während Veronika Reith lossprintet, kämpft Veronika Keller in ihrem Anzug noch mit dem Kleingeld. Sie verliert ihren Einkaufszettel. Normalerweise kein Problem, doch heute mit ihren 80 Jahren ist das anders: „Oh Gott, ich habe meinen Einkaufszettel verloren! Jetzt muss ich mich auch noch bücken.“

Wo öffnet sich die Türe des Kühlregals?

Die Zeit läuft. Allein für das erste der zehn Produkte auf der Liste braucht Veronika Keller mehrere Minuten. Sie sieht kaum etwas, quält sich durch die Gänge. Das Kühlregal zu öffnen ist mit ihrer eingeschränkten Sicht schwierig. Und normale Butter darin zu finden, fast unmöglich.

Supermärkte seniorengerechter gestalten

Die Zeit ist um, Veronika Reith ist schon lange fertig. „Ich hab noch nicht einmal die Hälfte gefunden und fühle mich, als wäre ich einen Marathon gelaufen. Einkaufen ist für alte Menschen eine riesen Herausforderung!“, stellt Veronika Keller fest. Wie kann man Senioren das Einkaufen erleichtern? Supermärkte sollten besser gestaltet werden, erklärt Veronika Reith.

"Die Helligkeit ist wichtig und das Raumangebot. Die Sachen sollten sich auf einer guten Griffhöhe befinden. Für die Etiketten sollte es am Ende vom Regal eine Lupe geben, damit man sie besser lesen kann."

Veronika Reith, Sportwissenschaftlerin am Institut für Biomedizin des Alterns, Universität Erlangen-Nürnberg

Fitnessprogramm für Senioren

Doch was kann jeder tun, damit es gar nicht erst so weit kommt? Sportwissenschaftler der Uni Erlangen haben ein Fitnessprogramm für ältere Menschen entworfen. Das Programm ist Teil einer europaweiten Studie, die positive Effekte auf Beweglichkeit und Fitness im Alter erforscht.

"Das Ziel ist es, die Mobilität im Alter zu erhalten, was bei sehr vielen Menschen auch ein primäres Ziel ist, um die Selbstständigkeit zu behalten. Das Gute: Es ist nie zu spät, mit dem Training zu beginnen. Wir reden hier nicht unbedingt von Sport. Sich einfach mehr zu bewegen, hat tatsächlich sehr gute, positive Effekte. Zum Beispiel: 20 Minuten Gehen zum Aufwärmen, danach verschiedene Übungen, wie zum Beispiel mehrmals vom Stuhl aufzustehen."

PD Dr. Ellen Freiberger, Institut für Biomedizin des Alterns, Universität Erlangen-Nürnberg

Einfache Übungen für bessere Beweglichkeit

Fitnessprogramm für Senioren an der Universität Erlangen

Den Teilnehmern gibt das Programm ein Stück Lebensqualität zurück. Sie fühlen sich wieder fit, können Sport treiben und mit dem Hund spazieren gehen. Beweglich in allen Lebenslagen dank einfacher Übungen, die jeder zu Hause nachmachen kann.

Veronika Keller ist froh, als sie den Alterssimulationsanzug wieder ausziehen darf: „Ich kann mir jetzt auf jeden Fall vorstellen, wie es wirklich ist, wenn man älter wird. Und ich habe gespürt, wie wichtig es ist, sich beweglich zu halten.“


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