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Schwerhörigkeit, Gehörlose Ersatz für das Hören: Cochlea Implantat und Gebärdensprache

Von: Tom Fleckenstein

Stand: 26.10.2020

Heilung nach Hörverlust versprechen Hörimplantate. Das CI, das sogenannte Cochlea Implantat, wird direkt hinter dem Ohr unter die Schädeldecke eingepflanzt. Das elektronische Ohr stimuliert den Hörnerv und soll zu mehr Sprachverständnis führen. Über 50.000 Menschen in Deutschland tragen mittlerweile ein CI. Darunter sind immer mehr Senioren, bei denen die Hörgeräte nicht mehr weiterhelfen. Sie sollen durch das Implantat wieder mehr Lebensqualität erhalten.

Wieder hören mit einem Cochlea Implantat?

Der 64jährige Elektromeister Hans Hirler aus München hört immer schlechter. Der Grund: Ein Hörsturz. Selbst die modernsten Hörgerate helfen nicht weiter.

"Das ging von einer Sekunde auf die andere, dass das Gehör weg und das Hören eingeschränkt war. Es ist oft frustrierend, weil man an Gesprächen nicht mehr voll teilhaben kann, ich muss mich ständig konzentrieren. Das ist einfach sehr belastend die Situation."

Hans Hirler, Patient

Beim Test hört Hans Hilger erst ab 110 Dezibel, das entspricht dem Geräusch eines Passagierflugzeugs beim Start. Er ist auf dem linken Ohr taub. Hier versteht er nur noch 10 Prozent der einsilbigen Wörter. Daher empfiehlt ihm Professor Joachim Müller vom Universitätsklinikum München-Großhadern ein Cochlea Implantat, ein CI. Es soll das natürliche Hören ergänzen und Hans Hilger zu einem insgesamt besseren Gehör verhelfen.

Cochlea Implantat: Funktionsweise und Operation

Das Implantat besteht aus einem Prozessor und einer flexiblen Elektrode, die bis in die Hörschnecke, die Cochlea reicht. Das CI wandelt Schall in elektrische Impulse um, die statt der defekten Haarzellen im Innenohr den Hörnerv stimulieren. So kann der Patient wieder hören. Doch die Operation ist mit Risiken verbunden wie dem möglichen Verlust des Restgehörs oder Nervenlähmungen.

"Die Risiken sind insgesamt sehr selten. Für den Patienten vermutlich dramatisch ist, wenn es zu einer Gesichtsnervenlähmung kommt, weil der Patient dann die Gesichtsmimik – die Gesichtsmuskeln nicht bewegen kann. Das ist Gott sei Dank etwas, was ich bei vielen tausend Operationen nicht beobachten musste. Trotzdem muss man kritisch bleiben, und es gehört zu den grundsätzlichen aufklärungspflichtigen Risiken."

Prof. Dr. med. Joachim Müller, Klinikum der LMU München

Auch gegen Demenz soll das CI vorbeugen. Die Operation unter Vollnarkose und die Nachsorge zahlen die Kasse. Die Kosten betragen bis zu 40.000 Euro. Vier Wochen nach der OP, wenn die Wunde verheilt ist, wird das CI zum ersten Mal ausprobiert. Hans Hilger freut sich: 

"Ich bin sehr positiv überrascht, dass ich schon gewisse Töne oder ein paar gesprochene Worte verstanden habe. Wenn es auch noch ein bisschen verzerrt ist. Und ich musste mich doch sehr konzentrieren. Wenn das Umfeld leise ist, kommt aber doch schon was an, und das ist schon sehr gut."

Hans Hirler, Patient

Cochlea Implantat, CI: Hören wieder oder neu lernen

Zu Hause am Smartphone und einmal die Woche bei einer Logopädin muss Hans Hirler regelmäßig trainieren, damit das Gehirn lernt, die elektrischen Impulse zu Höreindrücken zu verarbeiten. 80 Prozent der Patienten hören nach einem Jahr wieder so gut, dass sie problemlos mit fremden Menschen telefonieren können, sagt Professor Müller.  Ein Großteil der CI-Träger sind Kinder, die gehörlos auf die Welt gekommen sind. Der neunjährige Jim Neudecker ist eines von ihnen.

"Vor allem am Strand ist es schön, wenn ich das Meeresrauschen höre, wenn die Möwen über einen drüber fliegen und kreischen. Vor allem ist es auch einfach schön, dass ich mit Freunden spielen kann."

Jim Neudecker

Hören und Sprache: Wichtige Rolle bei der Entwicklung von Kindern

Mit der Sprache sind das Denken, Verstehen und die geistige Entwicklung verbunden. Die ersten drei Lebensjahren sind entscheidend für die Entwicklung der Lautsprache. Mit dem Cochlea Implantat wächst Jim praktisch wie ein hörendes Kind auf.

"Wenn man etwas nicht hört, ist es einfach schwer zu kommunizieren oder schwer teilzuhaben."

Michael Neudecker, Vater von Jim

Cochlea Implantat: Vollständiger Ersatz für das Hören?

Doch kann die Technik das natürliche Hören vollständig ersetzen? Kritik kommt vor allem aus der Gemeinschaft der rund 80.000 gehörlosen Menschen in Deutschland. Sie sehen in ihrer Gehörlosigkeit keine Behinderung, die repariert werden muss. Sie nutzen die Gebärdensprache. Die wurde lange Zeit unterdrückt und ist erst seit 2002 in Deutschland offiziell anerkannt.

Die Schauspielerin und Tänzerin Kassandra Wedel aus München verlor im Alter von drei Jahren bei einem Unfall ihr Gehör. Doch ein CI kommt für sie nicht in Frage.

"Hörende haben oft die Assoziation, wir leben als Gehörlose in einer stillen Welt. Aber das ist nicht wirklich so. Wenn ich zum Beispiel unter Menschen bin, dann seh´ ich die ja. Das sind Geräusche und Laute, die ich über die Augen wahrnehme. Die Welt ist für mich nicht still, ich habe ja auch ständig meine Gedanken, die mir durch den Kopf gehen, da ist nichts mit Stille. Deswegen kann ich gar nicht sagen, dass ich in einer stillen Welt lebe. Also die Augen hören, sag ich immer."

  Kassandra Wedel, Schauspielerin und Tänzerin

Hören mit den Augen: Lippenlesen und Gebärdensprache

Im Alltag verständigt sich Kassandra mit Händen und Lautsprache. Gehörlose können so im Schnitt 30 Prozent bei einer Unterhaltung verstehen. Es erfordert jedoch große Konzentration. Wegen der Maske kann sie jedoch nicht von den Lippen ablesen. 

Bis zum Alter von 18 Jahren trägt sie noch Hörgeräte. Dann legt sie die Hörhilfen ab. Stattdessen nimmt sie die Welt mit anderen Sinnen wahr, denen sie jetzt mehr vertraut. Mit Erfolg: Kassandra Wedel zählt zu den weltweit besten Hip-Hop Tänzerinnen und Tänzern. Sie hat im „Tatort“ mitgespielt und stand in den Münchner Kammerspielen auf der Bühne.

Auch Katharina Mitterhuber und ihr Mann Thomas wollen kein CI. Nicht für sich und auch nicht für ihre drei Töchter Vivienne, Julie und Leah. Alle in der Familie sind gehörlos auf die Welt gekommen.

"Wir hatten mehrere Argumente, die dagegen sprachen: Es ist eine Operation am Kopf, ganz in der Nähe des Gleichgewichtssinns. Und alle Operationen haben medizinische Risiken, ganz klar. Sie sind zwar gering, aber es ist immer ein Restrisiko da und die Operation ist nicht lebensnotwendig."

Katharina Mitterhuber, gehörlos und Mutter von drei gehörlosen Kindern

Gebärdensprache: Sprache mit eigenständiger Grammatik

Das Lesen lernen die Kinder wie eine Fremdsprache. Denn ihre Muttersprache, die Gebärdensprache hat eine ganz andere Grammatik. Katharina arbeitet als Rechtspflegerin. In Deutschland werden täglich zwei gehörlose Kinder geboren. Zum einen ist das genetisch bedingt. Aber auch Komplikationen während der Schwangerschaft können dazu führen. Katharina Mitterhuber engagiert sich im Verein „Eltern gehörloser Kinder“. Das gemeinsame Ziel: Gleiche Bildungschancen. Mehr Gebärdensprachendolmetscher.

Thomas Mitterhuber ist Chefredakteur der Deutschen Gehörlosenzeitung. In Deutschland leben rund 80.000 gehörlose Menschen. Als das CI auf den Markt kam, befürchteten viele von ihnen, dass die Kultur der Gebärdensprache aussterben könnte.

"Der springende Punkt ist eigentlich, dass sich die Gehörlosengemeinschaft vor 20, 30 Jahren so stark gegen das CI gewendet hat, weil sie gemerkt hat, dass von der Gesellschaft Gehörlose als Behinderte gesehen wurden und diese Behinderung repariert werden sollte durch das CI. Die haben einen ganz anderen Blick auf uns. Wir sind gar nicht so defizitorientiert in unserem Blick. Wir sagen, dass wir eine sprachliche Minderheit sind und eine kulturelle Gemeinschaft."

Thomas Mitterhuber, Chefredakteur Deutsche Gehörlosenzeitung

Barrierefreiheit und gleiche Bildungschancen: Mehr Gebärdendolmetscher für gehörlose Menschen

Die UN-Behindertenrechtskonvention von 2009 fordert Barrierefreiheit und gleiche Bildungschancen. Dafür gibt es noch viel zu wenig Gebärdendolmetscher in Deutschland. Derzeit sind es rund 2000 Dolmetscher, die eine Brücke bauen zwischen Gehörlosen und Hörenden.

Gebärdensprache und Lautsprache: wichtig für Inklusion

Gebärdensprache

Das Bildungssystem hat bis in die 1980er Jahre nur die lautsprachliche Entwicklung unterstützt. Gebärdensprache war zum Teil in Deutschland sogar verboten. Lehrer in den Förderschulen für Gehörlose beherrschten die Gebärdensprache nicht. Das wird langsam besser. Auch das Erlernen von Gebärdensprache für Hörende soll im Sinne der Inklusion gefördert werden. So entwickelt gerade die Kultusministerkonferenz einen Bildungsplan für die Gebärdensprache als Unterrichtsfach in Förderschulen und inklusiv arbeitenden Schulen.

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