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Schutz vor schweren Kopfverletzungen Fahrradhelme - Worauf muss man beim Kauf achten?

Gerade mal 18 Prozent aller Radler in Deutschland tragen einen Schutzhelm - obwohl er das Risiko einer schweren Gehirnverletzung deutlich senken kann. Besser also: aufsetzen! Doch wie findet man den passenden Fahrradhelm?

Von: Veronika Scheidl

Stand: 16.09.2019

Ein Fahrradhelm ist nicht für die Ewigkeit gebaut. Selbst wenn der Helm äußerlich noch gut aussieht, spätestens nach fünf bis sieben Jahren sollte er durch einen neuen Helm ersetzt werden. Denn mit der Zeit kann das Material porös werden und nicht mehr den vollen Schutz bieten. Auch nach einem Sturz muss ein neuer Helm her.

Große Auswahl an Helmen

Im Sportgeschäft und natürlich auch im Internet finden sich unzählige Modelle für den einfachen Stadt-Radfahrer bis hin zum Mountainbiker oder Rennradfahrer. Und genau das ist schon die erste Frage beim Helmkauf, sagt Petra Husemann-Roew, Landesgeschäftsführerin vom ADFC Bayern. In welcher Situation fährt man Fahrrad? Spezielle Helme für ambitionierte Radsportler, wie etwa Downhiller und Mountainbiker, sind besondere Fälle, die ganz anderen Ansprüchen genügen müssen. Und auch für den Radler, der nur durch die Stadt fährt, gibt es viele moderne Helme, die bei einem Sturz vor schweren Kopfverletzungen schützen können.

Wie wähle ich den passenden Helm?

Der Kauf eines Radhelmes kann durchaus Zeit beanspruchen, denn es ist viel Ausprobieren gefragt.

"Ich würde schon erst mal schauen, welcher Helm mir am besten gefällt. Und dann die richtige Größe suchen. Den Helm muss man auch ins Verhältnis setzen zur Kopfform und -größe. Hat man beim ersten Aufsetzen des Helmes ein gutes Tragegefühl, sollte man unbedingt den Schütteltest machen. Mit dem hinteren Verstellmechanismus stelle ich den Helm erst mal eng und fest. Aber ohne den Helm mit dem Kinnriemen zu befestigen. Dann beuge ich mich mit dem Oberkörper nach unten und schüttele den Kopf."

Petra Husemann-Roew, Landesgeschäftsführerin ADFC Bayern

Der Helm darf dabei nicht verrutschen. Ist der Schütteltest bestanden, wird der Kinnriemen eingestellt. „Man sieht oft Leute cool rumfahren, bei denen das Band bis unten hängt. Das hilft aber nichts“, sagt Husemann-Roew. Zwischen Riemen und Kinn sollte laut ADFC nicht mehr als ein Fingerbreit Platz sein. Die Riemen sollten zudem das Ohr gut umfassen, also davor und dahinter verlaufen ohne zu stören.

Auf Prüfzeichen achten

Wichtig ist beim Helmkauf auch, dass in der Helminnenseite ein Prüfzeichen wie das CE-Zeichen steht. Es bestätigt, dass das Produkt den geltenden Standards und Qualitäten entspricht. Auch das Herstellungsdatum sollte angegeben sein, um das Alter des Helmes zu kennen. Wer online seinen Helm bestellt, muss auf dieselben Hinweise achten wie im Laden. Auch hier gilt, dass der Helm den Schütteltest bestehen muss.

Helm kann ein wirksamer Schutz sein

2018 starben 445 Radler bei einem Unfall, über 15.500 wurden schwer verletzt. Laut Deutscher Gesellschaft für Unfallchirurgie ist das schwere Schädel-Hirn-Trauma die Hauptverletzung bei lebensgefährlich verletzten Radlern. In Deutschland trugen im Jahr 2018 nach Angaben der Bundesanstalt für Straßenwesen aber gerade mal 18 Prozent aller Radfahrer einen Schutzhelm. Dabei kann das Tragen eines Helmes das Risiko für eine schwere Kopfverletzung so gut wie halbieren, sagt Prof. Peter Biberthaler, Direktor der Unfallchirurgie des Klinikums rechts der Isar in München. Das Klinikum behandelt gut 1000 Schädel-Hirn-Trauma Patienten pro Jahr, davon sind bis zu 20 Prozent verunglückte Radfahrer.

Ist eine Helmpflicht sinnvoll?

Unfallchirurg Prof. Peter Biberthaler hält trotzdem nichts von einer Helmpflicht:

"Menschen kommen mit freiheitlichen Entscheidungen besser zurecht. Man muss aufpassen, dass man nicht zu sehr reglementiert, Radfahren soll Spaß machen. Untersuchungen haben gezeigt, dass in Ländern mit Helmpflicht diese Pflicht nicht dazu geführt hat, dass der prozentuale Anteil der Radfahrer mit Helm zunimmt, sondern die Anzahl der Radfahrer hat einfach abgenommen. Und das ist etwas, das wir nicht wollen"

Prof. Dr. med. Peter Biberthaler, Direktor der Unfallchirurgie, Klinikum rechts der Isar München

Vielmehr wolle man an die Vernunft der Menschen appellieren und sie so vom Helmtragen überzeugen. „Wenn wir mit Fakten den Leuten klarmachen, dass sie mit Helm ihr Risiko halbieren können, dann ist das ein starkes Argument.“ Auch der ADFC lehnt eine Helmpflicht ab: „Es liegt in der Verantwortung eines jeden. Und man muss sagen, der Helm verhindert den Unfall ja nicht,“ sagt Landesgeschäftsführerin Petra Husemann-Roew. Man müsse etwa durch entsprechenden Ausbau von Fahrradwegen den Straßenverkehr für Radler sicherer machen.

Helme können noch besser werden

An der Universität Straßburg hat der Biomechaniker Rémy Willinger ein Verfahren entwickelt, um Radhelme realitätsnaher zu testen. In herkömmlichen Standardtests prallt ein Modellkopf samt Helm vertikal auf eine horizontale Fläche. Der Franzose lässt in seinen Tests die Helme auch auf eine schrägen Amboss knallen, denn bei Unfällen stürzen die Radler meist schräg, etwa gegen eine Windschutzscheibe oder eine Bordsteinkante. Dieser schräge Aufprall bewirkt Rotationskräfte, die das Gehirn sehr stark belasten und verletzen, sagt Willinger: „Wir wissen schon seit 1943, dass der Kopf Rotationsbeschleunigung nicht so gut verträgt wie eine lineare Beschleunigung.“

Gehirn verträgt Rotationsbeschleunigung nicht

Willinger vergleicht das Gehirn mit dem Wasser in einer Schneekugel: Wird die Schneekugel linear nach links oder nach rechts oder auf und ab bewegt, hat das kaum einen Einfluss auf das Wasser. Sobald es aber zur Rotation kommt, die Schneekugel also hin und her gekippt wird – dann kann man den aufgewirbelten Schnee sehen. „Das ist auch das, was im Gehirn geschieht, und damit kommt es überhaupt nicht zurecht“, sagt Willinger. Es gebe heute bislang aber keine gesetzliche Norm für Helme und Helmtests, die diese Rotation und damit einen schrägen Aufprall in Betracht ziehen.

Rotation soll in Standardtests aufgenommen werden

Das „Straßburger Kopfmodell“ ermöglicht es, diese Rotation und die Dehnung des Gehirns bei einem Aufprall zu berechnen. Der Forscher spricht von einem „Gehirntoleranzlimit“: Das ist die Dehnung, die das Gehirn bei einem Aufprall aushält, bevor es zu einem Koma kommt. Der Forscher fordert, dass die Rotation auch in die gesetzlichen Standards einfließen soll, um Helme noch sicherer zu machen. Die Bewertungen verschiedener Helme, die auch mit Hinblick auf Rotation getestet worden sind, können unter der Seite www.certimoov.com abgerufen werden (bislang nur auf französischer und englischer Sprache).


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