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Hoher Leidensdruck Exzessive Tagesschläfrigkeit

Müdigkeitsattacken am Tag, plötzliches Einschlafen beim Lesen und Autofahren – exzessive Schläfrigkeit ist ein großes Problem für die Betroffenen. Gesundheit! geht dem Krankheitsbild auf den Grund, das den Alltag vieler Menschen in Deutschland extrem beeinträchtigt.

Von: Florian Heinhold

Stand: 08.06.2021

Zeitung lesen und dabei einen ganzen Artikel beenden war für Andreas Hamann bis vor kurzem eine echte Herausforderung.

"Ich hab dann irgendwann gemerkt: Der Artikel ist weg. Und gleichzeitig schlug dann mein Kinn auf der Brust auf. Und dann war ich für die nächsten beiden Stunden abgemeldet. Und dann aber wirklich so tief eingeschlafen, dass meine Enkel um mich herumtoben konnten und Opa ist gar nicht wach geworden."

Andreas Hamann, Patient

Und auch beim Autofahren kamen die Schlafattacken. Auf Dienstreisen musste er regelmäßig Parkplätze anfahren und schlafen, um nicht am Steuer einzunicken. Wenn Menschen trotz ausreichender nächtlicher Schlafdauer chronisch zum Einschlafen am Tag neigen, spricht man von exzessiver Schläfrigkeit. Die Ursachen liegen in der Nacht in einem gestörten Tiefschlaf. Und der kann viele Gründe haben – von Atmungsstörungen über neurologische Probleme bis hin zu einer mangelhaften Schlafhygiene. Drei bis sechs Prozent der Menschen leiden einer Umfrage zufolge unter exzessiver Tagesschläfrigkeit.

Schlaf-Apnoe als häufige Ursache

Weil seine Schlafattacken immer belastender wurden, ging Andreas Hamann in Kempten ins Schlaflabor zu Dr. Manfred Held – einem Experten für exzessive Schläfrigkeit.

"Das ist ein ganz fürchterliches Krankheitsbild, ein ganz fürchterliches Symptom. Und es wird zu selten beim Hausarzt verbalisiert. Man geht zum Hausarzt, wenn man Husten hat, wenn man Schmerzen hat, wenn man Fieber hat. Aber es ist nicht Gang und Gäbe, dass man beim Hausarzt auch über Schlafstörungen oder Müdigkeit spricht."

Dr. med. Manfred Held, Schlafmediziner Kempten

Um endlich seiner Tagesmüdigkeit auf den Grund zu gehen, verbringt Andreas Hamann eine Nacht im Schlaflabor. Dafür werden die Patienten aufwändig verkabelt. Im Kontrollraum hat das Schlaflabor-Team die Patienten die ganze Nacht über genau im Blick. Herzfrequenz und Atmung werden über den kompletten Zeitraum aufgezeichnet. Bei Andreas Hamann war der Befund eindeutig: Eine schwere Schlaf-Apnoe. Seine Atmung setzte in der Nacht immer wieder aus, weil die Atemwege zu stark verengt waren.

"Das Problem ist, dass der Körper in fürchterlichen Stress kommt und sämtliche Adrenalinreserven, die er hat, auswirft, um Herrn Hamann aufzuwecken, zu sagen: Aufwachen, weiteratmen! Und damit ist der Schlaf gestört, damit ist kein Tiefschlaf möglich."

Dr. med. Manfred Held, Schlafmediziner Kempten

Das Problem der mangelhaften Schlafhygiene

Schlaf-Apnoe ist einer der häufigsten Gründe für Tagesschläfrigkeit, sagt auch Prof. Clemens Heiser vom Münchner Klinikum rechts der Isar. Aber auch eine mangelhafte Schlafhygiene kann eine Ursache sein.

"Entscheidend ist zum Beispiel, dass man regelmäßig zu Bett geht und auch regelmäßig aufsteht, dass man eine Routine hat. Dass das Schlafzimmer wirklich nur zum Schlafen da sein sollte. Also, ein bisschen übertrieben gesagt, hier in Bayern abends noch die Schweinshaxe und das Weißbier im Bett trinkend einen spannenden Krimi schauen, das ist eher eine schlechte Variante."

Prof. Dr. med. Clemens Heiser, Schlafmediziner, Klinikum rechts der Isar, München

Doch auch zu viel Licht im Schlafzimmer, Lärmbelastung und unregelmäßige Arbeitszeiten mit vielen Nachtschichten können Teil einer ungenügenden Schlafhygiene sein. 

Neurologische Ursachen

Dr. Manfred Held in Kempten betreut auch Patientinnen, die wegen neurologischer Grunderkrankungen mit exzessiver Tagesschläfrigkeit kämpfen. Zum Beispiel Lea. Sie leidet seit sie 16 ist an Narkolepsie.

"Angefangen hat es, als ich einmal bei meinen Eltern am Tisch saß. Ich bin eingeschlafen – beim Essen. Wenn ich nicht gut unterhalten werde, dann fallen meine Augen zu, ich vergesse Sachen, ich bin einfach nicht mehr da. Ich arbeite mit Kindern. Die sagen dann: Hallo, nicht schlafen!"

Lea, Patientin

Ein besonders schwerwiegendes Symptom der Narkolepsie bei ihr: Bei starken Emotionen kippt Lea um, die Muskeln funktionieren kurzzeitig nicht. Das nennt man Kataplexie.

"Das bedeutet: Wenn sie lachen muss oder sich erschreckt, dass bestimmte Muskelgruppen ausfallen und sie zusammenknickt. Deswegen muss sie auch aufpassen, dass es nicht zu lustig wird. Es ist ein extremer Leidensdruck. Er lässt einen am normalen sozialen Leben kaum noch vernünftig teilhaben."

Dr. med. Manfred Held, Schlafmediziner Kempten

Lea bekommt Medikamente, die ihren Alltag erträglicher machen.

Für Andreas Hamann ist die Therapie eine andere: Schnarch-Apnoe lässt sich meist gut mit nächtlichen Atemmasken behandeln. "Das ist das Ziel, dass bei den Patienten sämtliche Beschwerdesymptomatik verschwinden soll", sagt Schlafmediziner Held.

Therapieresistente Fälle

Aber es gibt auch immer wieder einzelne Fälle, bei denen die Atemaussetzer dank Maske zwar beseitigt, aber die Tagesschläfrigkeit dadurch trotzdem nicht geheilt werden kann.

"Es gibt Patienten, die unter einer therapieresistenten oder residualen Tagesschläfrigkeit leiden. Dann kann man diesen Patienten mittlerweile medikamentös helfen, da gibt es jetzt seit ein paar Monaten zugelassen auf dem europäischen Markt ein Arzneimittel dafür."

Prof. Dr. med. Clemens Heiser, Schlafmediziner, Klinikum rechts der Isar, München

Medikamente sind aber nur das letzte Mittel. Andreas Hamann fühlt sich dank seiner Atemmaske jetzt auch tagsüber wieder wach. Und weil auch das Schnarchen besser wurde, darf er wieder im gemeinsamen Ehebett schlafen. In den meisten Fällen ist Tagesschläfrigkeit besiegbar – man muss das Problem nur angehen.


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