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Gesunde Füße Einlagen: Teures Geschäft oder sinnvolle Therapie?

Füße leisten viel und leiden oft! Die Folge: Fußfehlstellungen, Veränderungen der Knochen und Schmerzen. Rund viereinhalb Millionen Patienten bekamen 2020 Einlagen verschrieben. Eine sinnvolle Therapie oder nur teures Geschäft?

Von: Bernd Thomas

Stand: 20.06.2022

Die Kassen zahlten 2020 für die Versorgung mit Einlagen laut des GKV-Spitzenverbandes 482 Millionen Euro. Doch die eigentlichen Kosten liegen höher, Patienten zahlen häufig mehr. Einlagen werden individuell für die Patienten hergestellt oder angepasst, auch in der Werkstatt von Orthopädietechnikermeister Bernd Urban aus Weiden. Oft reichen die Kassenleistungen nicht für eine optimale Versorgung,

"Eine Versorgung zum Kassenanteil ist möglich, aber eine höherwertige Versorgung mit höherwertigen Materialien, dazu muss der Patient einen Eigenanteil leisten."

Bernd Urban, Dipl. Orthopädietechnikermeister, Weiden

Einlagen: Was sagen Studien?

Aber helfen Einlagen überhaupt? In der Ostbayerischen Technischen Hochschule Weiden forscht Orthopäde Stefan Sesselmann zu Einlagen. Er kennt die Studienlage.

"Leider ist die Studienlage sehr ernüchternd. Wir haben sehr wenige Studien, von denen sind nur wenige aussagekräftig. Wenn man sagen will, dass es gute Studien gibt, dann gilt das vielleicht für die Einlagenversorgung bei Diabetes Mellitus und mit gewissen Abstrichen vielleicht noch für Rheumatiker."

Prof. Stefan Sesselmann, Ostbayerische Technische Hochschule (OTH) Amberg-Weiden

Unterschied: aktive und passive Einlagen

Das Problem: Es gibt viele unterschiedliche Einlagen und zwei große Gruppen.

"Es gibt aktive Einlagen, die Muskeln über sensorische Reizungen aktivieren sollen, und es gibt die passiv wirkenden Einladungen, die stützen oder auch mal korrigieren."

Prof. Stefan Sesselmann, Ostbayerische Technische Hochschule (OTH) Amberg-Weiden

Studien sind aufwendig und für kleine Unternehmen und Betriebe, die individuelle Einlagen herstellen, nicht zu organisieren und zu teuer. Bedeuten fehlende Studien also, dass Einlagen nichts bringen? Nein, meint Stefan Sesselmann.

"Nur weil die Studienlage schlecht ist, können wir nicht sagen, dass die Wirkung von Einlagen schlecht wäre. Wir können aus den ersten Anhaltspunkten, die wir generieren, schon sagen, dass für bestimmte Dinge eine Wirksamkeit nachzuweisen sein dürfte."

Prof. Stefan Sesselmann, Ostbayerische Technische Hochschule (OTH) Amberg-Weiden

Aktuell forschen Stefan Sesselmann und sein Team zu sensomotorischen Einlagen, die vorgefertigt sind, aber individuell angepasst werden können. Sie sollen Reaktionen des Körpers auslösen.

"Sensomotorisch sagt ja schon, wir haben die Sensorik. Wir haben also die Antennen unseres Körpers auch an den Fußsohlen, die Reize aufnehmen zum Beispiel durch Druck auf die Fußsohle. Und die werden dann im Rückenmark umgeschaltet. Und dann geht es in die Motorik. Da werden dann die Muskelgruppen, die quasi eine Fehlfunktion, eine Dysbalance, erfahren haben, wieder aktiviert und sollen den Fuß aufrichten und die Funktionalität wiederherstellen. Wir schauen nach, ob die Muskelgruppen, die aktiviert werden sollen, tatsächlich auch aktiviert werden."

Stefan Sesselmann, Ostbayerische Technische Hochschule (OTH) Amberg-Weiden

Ergebnisse gibt es leider erst in einigen Monaten.

Die richtige Diagnose und Therapie

Die Münchner Orthopädin Prof. Sandra Utzschneider versorgt immer wieder Patienten mit Einlagen. Was bringen sie?    

"Einlagen sind kein Allheilmittel, sie sind ein Bestandteil der Therapie. Ganz wichtig dabei ist, erst einmal die richtige Diagnose zu stellen und dann auch die passende individuelle Therapie einzuleiten. Das passiert sicher unterschiedlich gut, denn das kostet Zeit und die fehlt in vielen Praxen."

Prof. Dr. med. Sandra Utzschneider, Orthopädin und Kinderorthopädin, München

Fußschmerzen können durch Fehlstellungen oder Gefäßprobleme entstehen

Fußschmerzen gehören immer abgeklärt. Denn neben Fußfehlstellungen können sie zum Beispiel auch durch Gefäßprobleme entstehen. Bei Fehlstellungen wird nach der manuellen Untersuchung ein Scan erstellt, der die Druckverteilung des Fußes zeigt. Zusätzlich wird bei Bedarf auch die Wirbelsäule strahlenfrei vermessen, um mögliche Asymmetrien festzustellen. Erst dann entscheidet Sandra Utzschneider über eine Versorgung. Einlagen sind oft sinnvoll, ihr Einsatz hat aber Grenzen.

"Durch die Therapie mit Einlagen kann ich beim Erwachsenen prinzipiell nicht mehr eine komplett andere Fußform herstellen, die ist festgelegt. Ich kann nur durch die bestimmte Art und durch die bestimmte Fertigung der Einlagen die Druckbelastung günstig beeinflussen und dadurch eben den Fuß beschwerdefrei bekommen."

Prof. Dr. med. Sandra Utzschneider, Orthopädin und Kinderorthopädin, München

Ärztliche Kontrolle muss sein!

Ein Muss ist die ärztliche Kontrolle der Versorgung und mögliche Anpassung der Therapie. Prof. Sandra Utzschneider bestellt ihr Patienten zu speziellen Einlagensprechstunden ein. Eine solche Kontrolle ist entscheidend, findet aber oft nicht statt. Viele Patienten bekommen, wie auch im Klinikum Fichtelgebirge in Marktredwitz, bei Fehlstellungen neben Einlagen weitere Therapien oder individuell abgestimmte Übungsprogramme verordnet.  

"Wenn die Patienten eine insuffiziente Beckenmuskulatur oder eine insuffiziente Bein- und Fußmuskulatur haben, wenig Stabilisierung aufweisen, dann kann das auch zu Fußfehlstellungen konsekutiv führen. Und das ist ein wichtiger Punkt, an dem wir ansetzen. Entscheidender Faktor ist die muskuläre Stabilisierung. Das ist oft eine Kombination aus der physiotherapeutischen Behandlung und eigenen Übungen. Der Patient muss natürlich vor allem konsequent eigene Übungen durchführen. Nach sechs Wochen wird das dann in einer erneuten Sprechstunde bei uns nochmals überprüft."

Dr. med. Patrick Fehrenbach, Orthopäde und Unfallchirurg, Klinikum Fichtelgebirge, Marktredwitz

Einlagen bei Kindern? 

Kinderfüße müssen sich entwickeln. Liegen keine schwerwiegenden Gründe oder Erkrankungen vor, werden sie heute in der Regel frühestens ab dem Grundschulalter mit Einlagen versorgt. Immer ein Grund, der auch bei Kindern abgeklärt werden muss, sind Schmerzen.

"Das Ziel der Versorgung bei Kindern ist, dass wir möglichst bis zum Eintreten der Pubertät einen Fuß haben wollen, mit dem der Mensch dann auch sein ganzes Leben bestehen kann. Und da haben wir in manchen Fällen auch eine gute Hilfe mit den Einlagen."

Prof. Dr. med. Sandra Utzschneider, Orthopädin und Kinderorthopädin, München

Einlagen: Anpassung als Voraussetzung für den Erfolg

Entscheidender Faktor für den Erfolg der Versorgung ist Handwerkskunst, Erfahrung und Spezialisierung der Orthopädietechniker. Die Werkstatt kann von den Patienten frei gewählt werden. Eine exklusive Zusammenarbeit oder auch die direkte Weitergabe eines Rezepts zu einer Orthopädiewerkstatt durch die Praxis sind nicht erlaubt. Für Patienten ist die Auswahl aber nicht immer einfach.

Orthopädietechnikermeister Bernd Urban empfiehlt, auf die Erfahrungen anderer zu hören. Oft haben Werkstätten spezialisierte Techniker, besonders dann, wenn es darum geht, Einlagen für Kinder oder Erwachsene herzustellen. Bei scheinbar unkomplizierten Onlineangeboten raten viele Ärzte und auch Bernd Urban zur Vorsicht. Ein Grund dafür ist, dass der Techniker den Patienten und dessen Fuß nicht selbst vermisst und sieht.

"Einlagen werden individuell angepasst und man muss sich ja an die Einlagen gewöhnen. Wenn also Änderungsarbeiten nötig sind, wo soll der Patient dann hingehen? Er kann ja nicht ins Internet gehen."

Bernd Urban, Dipl. Orthopädietechnikermeister, Weiden           

Können Einlagen auch schaden?

Klar ist: Wenn Einlagen nicht passen, können sie auch schaden, besonders bei Vorerkrankungen wie zum Beispiel Diabetes. Aber es gibt noch weitere mögliche Gründe, an die viele nicht denken.       

"Wenn man die Einlagen dauerhaft trägt, die Therapie nicht vom Arzt begleitet wird, dann wird die Muskulatur entlastet, sie wird aber nicht mehr gereizt. Dadurch verkümmert sie unter Umständen und das Problem könnte sogar noch größer werden, als es vorher war."

Prof. Stefan Sesselmann, Ostbayerische Technische Hochschule (OTH) Amberg-Weiden

Genaue Zahlen, ob und wie lange Einlagen von den Patienten tatsächlich getragen werden, gibt es nicht, auch nicht, wie viele der viereinhalb Millionen Patienten von der Einlagenversorgung am Ende profitieren. Ob und unter welchen Bedingungen Einlagen wirken, dazu braucht es noch viele Studien. Und die sollten, so Stefan Sesselmann, am besten öffentlich finanziert werden.   

"Weil natürlich auch grundsätzliches Interesse der Öffentlichkeit besteht, dass diese Gelder sinnvoll ausgegeben werden und nicht für Maßnahmen, die am Ende vielleicht doch nichts bringen. Wenn es aber Belege für Wirkungen gibt, sollte man im Umkehrschluss hergehen und die Versorgung mit Einlagen dann auch so bezahlen, dass sie optimal für den Patienten umgesetzt werden kann."

Prof. Stefan Sesselmann, Ostbayerische Technische Hochschule (OTH) Amberg-Weiden

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