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Kinder im Dauer-Lockdown Was sind die gesundheitlichen Folgen?

Manche Schülerinnen und Schüler haben seit fast sechs Monaten kein Klassenzimmer mehr von innen gesehen – Kinder und Jugendliche bekommen die Einschränkungen des Lockdowns besonders intensiv zu spüren.

Von: Isabel Hertweck-Stücken

Stand: 11.05.2021

Der „Bayerische Sonderweg“ bei den Schulöffnungen sieht, zumindest bis zu den Pfingstferien, strengere Regeln für die Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts vor als das die sogenannte „Bundesnotbremse“ vorschreiben würde. Erst wenn der Inzidenzwert unter 100 – und nicht unter 165 – fällt, dürfen die Schüler wieder in den Präsenzunterricht zurückkehren.

Zwar hat das bayerische Kabinett ab dieser Woche Erleichterungen für Grundschulen und Förderschulen beschlossen, dennoch mussten in Bayern Schülerinnen und Schüler länger daheim bleiben als in den meisten anderen Bundesländern.

Wenn die Struktur fehlt: hart erkämpfte Therapieerfolge in Gefahr

Aber: Welche physischen und psychischen Konsequenzen hat das Homeschooling für Kinder und Jugendliche? Manche kommen mit der Situation gut zurecht – für andere bringt die fehlende Struktur im Zusammenspiel mit Einschränkungen bei Therapie- und Freizeitangeboten jahrelange, hart erkämpfte Therapieerfolge ins Wanken.

Kinderarzt Konrad Wimmer aus Passau kennt das Problem. Er muss seit Monaten jeden Abend nach Praxisschluss verzweifelte Eltern trösten. Denn gerade für Kinder, die bisher mit gezielten Therapien gut zurechtgekommen sind– z.B.mit einer Schreib-oder Rechenschwäche oder mit ADHS–ist das Homeschooling eine Katastrophe.

"Weil grade diese Patienten von Strukturen, von ähnlichen Abläufen, von Routinen ganz stark profitieren. Und wenn das eben fehlt, diese Struktur können die Eltern zuhause beim Homeschooling nicht geben. Und die eskalieren und werden schlechter und haben einen höheren Medikationsbedarf und werden neu eingestellt, weil sie vorher eigentlich ohne Medikament ausgekommen wären. Und das ist eigentlich was, was mich furchtbar traurig macht."

Dr. med. Konrad Wimmer, Kinderarzt, Passau

So häufig wie nie zuvor: schwere psychische Erkrankungen bei Jugendlichen

Der Dauer-Lockdown und die Folgen: Noch nie warteten so viele auf eine Behandlung in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in München. Vor den besonderen Belastungen, denen gerade die Psyche von Heranwachsenden durch die Einschränkungen in der Pandemie ausgesetzt ist, hat Prof. Gerd Schulte-Körne schon lange gewarnt.

"Vor allem sehen wir auch sehr viel mehr junge Menschen, die schwer psychisch erkrankt sind, schwere Formen von Essstörung, schwere Form von Depression mit Suizidalität und das nimmt immens zu. Und natürlich kann man das nicht ausschließlich auf Corona zurückführen, aber die Bedingungen, die durch Corona entstanden sind, erhöhen den Druck auf die Kinder und Jugendliche, die dann nicht mehr kompensieren können."

Prof. Dr. med. Gerd Schulte-Körne, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, LMU München

Das Abgeschnittensein von sozialen Kontakten mit Gleichaltrigen schwächt die sogenannte Resilienz: So nennen Fachleute die psychische Widerstandskraft gegen Probleme. Dass dieses Reservoir erschöpft ist, das spüren im Moment viele Jugendliche in Bayern.

Nicht alle leiden unter der Situation – einige kommen gut zurecht, können auch im Distanzunterricht ihren Alltag und den Lernstoff gut strukturieren. Doch die soziale Isolation macht sie – wenn Probleme auftreten – anfälliger für psychische Erkrankungen, deren Behandlung unter Umständen jahrelange Therapien nach sich zieht.

Nach dem Lockdown: Hilfsangebote dringend nötig

Mit ein paar zusätzlichen Nachhilfestunden wird man das sicher nicht auffangen können. Die Sorge darum, wie es nach dem Lockdown weitergeht, treibt auch Hans Rottbauer, Rektor einer niederbayerischen Mittelschule, um. Das Problem: Lehrermangel.

"Es nutzt uns nichts, wenn wir neue Bücher, neue Laptops, neue Tablets bekommen, sondern wir brauchen Personal, um diesen Aufgaben gerecht werden zu können."

Hans Rottbauer, Rektor Closen-Mittelschule, Arnstorf

Seit zehn Jahren gibt es in Arnstorf – aus Personalmangel – keine AGs mehr. Wie kann der zusätzliche Arbeitsaufwand, wenn viele Kinder und Jugendliche wieder „zurückgeholt“ werden müssen, bewältigt werden?

Der Bayerische Landesverband der Lehrerinnen und Lehrer schätzt, dass es bis zu fünf Jahre dauern wird, um die entstandenen Lücken aufzuarbeiten. Hans Rottbauer hofft, dass dabei das seelische Wohl der Kinder im Vordergrund stehen wird – und nicht noch mehr Druck aufgebaut wird.

"Das werden die Schulen schaffen, das werden die Lehrer und Lehrerinnen schaffen, aber es wird einfach Zeit brauchen und diese Zeit muss uns gegeben werden. Und vor allem muss sie den Kindern gegeben werden, um das aufholen zu können."

Hans Rottbauer, Rektor Closen-Mittelschule, Arnstorf

Die Probleme werden sich nach der Wiedereröffnung der Schulen nicht plötzlich in Luft auflösen. Darum braucht es eine langfristige Strategie, um die entstandenen Schäden wieder aufzufangen.


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