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Medikament mit Nebenwirkungen Cortison: Fluch oder Segen?

Der synthetische Wirkstoff Cortison ist ein wertvolles Medikament, wenn es gilt, akute Entzündungen einzudämmen. Doch in der Langzeittherapie gilt es, genau abzuwägen, ob der Nutzen oder die Nebenwirkungen überwiegen.

Von: Antje Maly-Samiralow

Stand: 09.12.2019

Der Wirkstoff Cortison ist dem körpereigenen Cortisol nachempfunden, das in der Nebennierenrinde gebildet wird. Die Nebennieren gehören zu den wichtigsten Hormondrüsen, die neben Cortisol weitere Botenstoffe wie Adrenalin und Noradrenalin, Aldosteron, DHEA sowie Sexualhormone produzieren.

Neben seiner anregenden Wirkung und der Steuerung diverser Stoffwechselvorgänge, reduziert Cortisol Entzündungsprozesse, damit körpereigenes Gewebe nicht geschädigt werden. Bei Autoimmunerkrankungen greift das Immunsystem körpereigene Strukturen und Gewebe an. Es handelt sich um unkontrollierte Entzündungen, die nicht durch die körpereigenen Immunmodulatoren reguliert werden können. Das Fatale an solchen unkontrollierten Entzündungsreaktionen ist, dass sie auf Dauer Strukturen so stark schädigen, dass die davon betroffenen Patienten nicht nur unerträgliche Schmerzen, sondern auch massive Einschränkungen sowie irreversible Schäden erleiden.

Cortison als Entzündungshemmer

Zur Eindämmung solcher Entzündungen nutzt man Glukokortikoide – so die fachlich korrekte Bezeichnung der synthetischen Abkömmlinge des körpereigenen Stresshormons Cortisol.

Typische Autoimmunerkrankungen sind chronisch entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis Ulzerosa, Hauterkrankungen wie Neurodermitis oder Schuppenflechte, vor allem jedoch Erkrankungen des Rheumatologischen Formenkreises, der mehr als 400 verschiedene Krankheitsbilder umfasst. Die am stärksten vertretene Krankheit ist die Rheumatoide Arthritis. Bei all diesen Erkrankungen wird Cortison eingesetzt. Es reduziert die Entzündungsaktivität und dämpft das aggressive Immunsystem.

"Cortison ist nach wie vor unverzichtbar in der Rheumatologie, weil kein anderes Medikament so schnell diese falsche und zerstörerische Entzündung kontrolliert."

Dr. Marc Schmalzing, Facharzt für Rheumatologie Universitätsklinikum Würzburg

Doch Cortison dämmt nicht nur Entzündungen ein und lindert die damit verbundenen Beschwerden, es kann auch Leben retten.

"Entzündlich rheumatische Erkrankungen können auch Organe betreffen: das Herz, die Lunge, und da kann der rasche Einsatz von Cortison, teilweise in hohen Dosen, auch lebensrettend sein, und dafür ist es weiterhin unverzichtbar."

Dr. Marc Schmalzing, Facharzt für Rheumatologie Universitätsklinikum Würzburg

Bei akuten Entzündungen wird Cortison hochdosiert eingesetzt und dann allmählich ausgeschlichen. Der vorübergehende Einsatz löst in der Regel keine Nebenwirkungen aus. Eine Langzeittherapie hingegen kann mit einer ganzen Reihe von unerwünschten Nebenwirkungen einhergehen.

Nebenwirkungen bei Langzeittherapien

Von einer Langzeittherapie spricht man ab sechs Monaten. Die Nebenwirkungen reichen von unschönen, aber relativ harmlosen Hautveränderungen und Gewichtszunahmen insbesondere im Gesicht bis hin zu lebensbedrohlichen Erscheinungen wie einem erhöhten Infektionsrisiko, arteriosklerotischen Veränderungen an den Gefäßen und damit einhergehend der Gefahr, einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt zu erleiden.

Es gibt Krankheitsbilder, die dauerhaft mit Cortison behandelt werden müssen. Aber in vielen Bereichen wird Cortison zu lange und häufig auch unnötig eingesetzt.

"Cortison wird so häufig verschrieben, dass etwa 1,1 Mio Menschen dauerhaft etwa 1 Jahr lang Cortison bekommen könnten. Das ist eine große Menge, denn man sollte es ja nur eine kurze Zeit geben, weil die unerwünschten Nebenwirkungen bedacht werden müssen. Diese Menge spricht dafür, dass Cortison an vielen Stellen gegeben wird, wo es nicht notwendig ist."

Prof. Dr. rer. nat. Gerd Glaeske, Pharmakologe und Versorgungsforscher Universität Bremen

Hoher Einsatz von Cortison in der Rheumatologie

Vor allem in der Rheumatologie wird Cortison in vielen Fällen zu lange verschrieben. Erhebungen des deutschen Rheuma-Forschungszentrums zeigen, dass gut die Hälfte aller Patienten mit einer rheumatoiden Arthritis dauerhaft mit 5,1 mg Cortison behandelt werden, obwohl die Leitlinien der Rheumatologischen Fachgesellschaft ein Absetzen von Cortison nach spätestens 6 Monaten vorsehen.

"Früher hatten wir in der Tat nur Cortison, um schwerwiegende Entzündungen zu kontrollieren. Heutzutage ist es zum Glück so, dass wir verschiedenste Medikamente mit unterschiedlichen Wirkmechanismen zur Verfügung haben, die Entzündungen sehr effektiv, teilweise sogar effektiver als Cortison kontrollieren. Dadurch schaffen wir es, Cortison zu reduzieren oder ganz auszuschleichen, und so ersparen wir den Patienten die Langzeitnebenwirkungen von Cortison."

Dr. Marc Schmalzing, Facharzt für Rheumatologie Universitätsklinikum Würzburg

Warum gerade Rheumapatienten trotzdem über lange Zeiträume Cortison einnehmen, entweder ausschließlich oder begleitend zu einem Basismedikament, hat verschiedene Gründe.

Wird Cortison zu leichtfertig verschrieben?

Zum einen führt der Facharztmangel in Deutschland dazu, dass Patienten mit Gelenkentzündungen erst sehr spät einen Rheumatologen konsultieren. Weil Cortison schnell und zuverlässig wirkt, verschreiben Hausärzte, die von der Patientenschaft i.d.R. zuerst aufgesucht werden, dann Cortison. Das ist für den Anfang auch folgerichtig, nur sollten Patienten mit Rheumatoider Arthritis nicht dauerhaft und vor allem nicht ausschließlich mit Cortison therapiert werden. Cortison wird in Fachkreisen gern als Feuerwehr beschrieben, weil es den Entzündungsbrand rasch löscht.

Im Fall einer Rheumatoiden Arthritis sollte es im Anfangsstadium relativ hoch dosiert mit 10-30 mg eingesetzt werden, innerhalb von acht Wochen Schrittweise reduziert und spätestens nach drei bis sechs Monaten ausgeschlichen werden.

Parallel wird ein Basismedikament gegeben, dass häufig allerdings nicht sofort, sondern erst allmählich wirkt. Wenn das Basismedikament seine volle entzündungshemmende und immunsuppressive Wirkung entfaltet hat, sollte Cortison ausgeschlichen werden. Doch es gibt noch weitere Gründe dafür, dass Cortison zu lange und unnötig eingenommen wird.

"Die Art und Weise, wie eine Therapie geführt wird, ist eine gemeinsame Entscheidung von Patient und Arzt. Und es kann sein, dass der Patient gern bei Cortison bleibt, weil er die Erfahrung gemacht hat, dass es ihm schnell Linderung verschafft. Und man muss sich auch immer klar machen, dass die Angst vor Neuem auch da ist, d.h. wenn ich ein neues Medikament ausprobiere, dass vielleicht hilft Cortison einzusparen oder abzusetzen, dann ist das immer mit einer Ungewissheit verbunden, ob man es verträgt, ob es zuverlässig wirkt. Deshalb bleiben viele Patienten gern bei Cortison, weil sie das kennen und wissen, dass es wirkt."

Dr. Marc Schmalzing, Facharzt für Rheumatologie Universitätsklinikum Würzburg


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