BR Fernsehen - Gesundheit!


11

Corona, Infektionszahlen Coronavirus: Wann kommt die zweite Welle?

Die Infektionszahlen in Deutschland sind zurückgegangen, Betten auf Intensivstationen wieder frei, viele Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen gelockert. Droht jetzt eine zweite Coronavirus-Welle? Wie könnte diese aussehen und was würde eine zweite Welle für uns bedeuten?

Von: Monika Hippold

Stand: 24.05.2020

In der Wissenschaft kursieren verschiedene Modelle, wie eine zweite Coronavirus-Welle aussehen könnte. Doch was bedeuten diese Modelle für unseren Alltag?

Besuchsregeln im Altenheim

Im Altenheim St. Josef in Starnberg galt lange für die Bewohner: Alleine essen, auf dem Zimmer bleiben, kein Besuch von Angehörigen. Für Bewohner und Pflegepersonal eine schwierige Zeit. Seit Mitte Mai darf nun jeder Bewohner wieder Besuch empfangen: Einmal pro Woche für 20 Minuten - in einem extra dafür eingerichteten Raum, erzählt Pflegerin Ina Böhm.

"Ich habe gehört, dass es sehr emotional ist. Da fließen viele Tränen, aber es ist auch schön. Es wird Sekt mitgebracht oder Blumensträuße. Aber es wird auch viel geweint."

Ina Böhm, Altenpflegerin, Starnberg

Weiter ausbauen darf und möchte Hausleiterin Nicole Uhlig die Besuchsregeln noch nicht.

"Wenn man sich jetzt wieder daran gewöhnt, dass man wieder Kontakt haben kann und dass vielleicht soweit gelockert wird, dass man sich mal in den Arm nehmen kann, dann glaube ich, könnte es für viele Bewohner trauriger werden als jetzt. Wenn es bei einer zweiten Welle erneut zu einem Besucherstopp kommt."

Nicole Uhlig, Hausleiterin, Malteserstift St. Josef, Starnberg

Modelle aus der Epidemiologie

Doch könnte eine zweite Welle mit einem erneuten kompletten Lockdown vermieden werden? Wie sich die Veränderung der Infektionszahlen in Zukunft entwickeln kann, versuchen Forscher mit Hilfe von sogenannten epidemiologischen Modellen zu skizzieren. Die Modelle sind von vielen verschiedenen Faktoren abhängig, erklärt Infektionsepidemiologe Prof. André Karch von der Uni Münster.

"Maßnahmen und das Verhalten der Bevölkerung haben einen sehr deutlichen Einfluss darauf, wie sich die weiteren Fallzahlen entwickeln. Es ist dementsprechend nicht möglich, klar vorherzusagen, was passiert. Weil es davon abhängt, was wir heute tun, was wir morgen tun, was wir nächste Woche tun. Dadurch, dass sehr viele Lockerungen jetzt gleichzeitig über kurze Zeitabstände stattfinden, können wir weniger gut abschätzen, welchen Effekt einzelne Lockerungen auf die Zahlen haben. Das erschwert die Lage deutlich."

Prof. Dr. med. André Karch, Leiter Klinische Epidemiologie, Universität Münster

Das Prinzip: "Hammer and dance"

Die Berechnungen zeigen aber: Würden alle Maßnahmen der vergangenen Wochen in Deutschland weitergeführt, würde sich die Zahl der Neuinfektionen auf einem niedrigen Niveau halten oder sogar noch weiter absinken. Doch:

"Es ist unwahrscheinlich, dass der der Erreger komplett ausgerottet werden kann, weil das ja gleichzeitig weltweit passieren müssen. Das ist sicherlich kein Szenario, was in der Praxis umsetzbar ist."

Prof. Dr. med. André Karch, Leiter Klinische Epidemiologie, Universität Münster

Realistischer ist das Prinzip „hammer and dance“. „Hammer“ bedeutet dabei: Kontaktsperren, Isolation, Einrichtungen schließen - um die Pandemie in den Griff zu bekommen. „Dance“ bedeutet, die Maßnahmen zu lockern, wenn die Infektionszahlen dies zulassen.

Lockdown: Die Auswirkungen im Tierpark

Wirtschaftlich wäre ein erneuter Lockdown für viele Unternehmen nicht zu stemmen. 50.000 Euro Ausgaben hat der Tierpark Hellabrunn in München pro Tag. Durch die zweimonatige Schließung fehlen jetzt rund drei Millionen Euro an Einnahmen.

"Wenn es zu einer zweiten Welle käme und wir wieder schließen müssten, wäre das fatal. Die wirtschaftlichen Schäden werden dann noch immenser, als sie es jetzt schon sind."

Rasem Baban, Direktor Tierpark Hellabrunn, München

Im Moment dürfen wieder Besucher in den Tierpark kommen - und zwar 2.185 Menschen täglich. An sehr guten Tagen waren es sonst bis zu 17.000 Personen.

Tiere ändern ihr Verhalten

Den Tierpark für Besucher zu schließen, hat aber noch andere Folgen. Rasem Baban hat beobachtet: Einige Tiere, wie die Primaten, haben dadurch ihr Verhalten geändert:

"Ich gehe fast jeden Tag einmal durch das Urwaldhaus. Wenn Besucher da sind, nehmen die Tiere mich zwar wahr: Ach ja, den kennen wir irgendwie. Jetzt war es aber so, dass sie immer sofort nach vorne gekommen sind. Sie haben wirklich versucht, Kontakt aufzunehmen. Es war ihnen wohl sehr seltsam zumute: Wo sind denn die anderen Besucher?"

Rasem Baban, Direktor Tierpark Hellabrunn, München

Um die Tiere besser zu beschäftigen, haben sich Tierpfleger und Tierärzte gemeinsam Aufgaben überlegt und zum Beispiel mehr Spielzeug in die Gehege gebracht. Auf Fluchttiere wie die Nyalas, eine Antilopenart, hatte die Schließung des Tierparks einen anderen Effekt. Sind Besucher da, halten sie sich in ihren Gehegen eher im hinteren Bereich auf. Jetzt sind sie auch vorne zu finden.

Modell: Immer wieder kleinere Wellen

Maskenpflicht, Abstand halten, viel testen und die Kontakte von Infizierten schnell nachvollziehen – auch mit Hilfe von Apps: Halten sich die Menschen weiter an diese Maßnahmen, könnte ein zweites Szenario eintreten. Auf die erste Coronavirus- Welle könnten immer wieder kleinere Wellen folgen - lokale Ausbrüche des Virus. Infektiologe Dr. Christoph Spinner vermutet: Alle Patienten könnten bei diesem Modell in den Kliniken gut versorgt werden.

"Bei einer durch Tröpfchen-Übertragung gesicherten Infektion wird natürlich der engere zwischenmenschliche Kontakt immer zu Neuinfektionen führen. Das allein ist aber kein Problem. Entscheidend wird für uns sein, dass das Gesundheitssystem in der Lage ist, diese kranken Menschen auch zu versorgen. Und das ist in Deutschland bislang im Vergleich zu vielen anderen Ländern auch einzigartig gut gelungen."

PD Dr. med. Christoph Spinner, Infektiologe, Klinikum rechts der Isar, TU München

Tanz- und Fitnessstudios noch geschlossen

Wenn das Virus immer wieder ausbricht, könnte es für Tanzlehrerin Nina Forgber noch länger heißen: nur Online-Unterricht. Normalerweise unterrichtet sie rund 15 Stunden pro Woche, im Moment sind es fünf Stunden per Videocall.

"Der persönliche Unterricht, die Arbeit, fehlt mir sehr. Wenn man Tänzer ist, muss man trainieren. Man muss fit bleiben, auch wenn man Hobby-Tänzer ist. Alles, was man gelernt hat, würde man sonst verlernen. Es muss einfach weitergehen."

Nina Forgber, Tanzlehrerin, München

Kleine Gruppen in großen Räumen, jeder Schüler tanzt nur in einem abgeklebten Quadrat: Die Studios haben Konzepte erarbeitet, wie der Unterricht vor Ort wieder funktionieren könnte. Tanz- und Fitnessstudios dürfen in Bayern ab dem 8. Juni wieder öffnen.

"Es ärgert mich, dass ich das Gefühl habe, in meiner Branche - im Tanz und generell auch im Gesundheitssport - dass wir so ein bisschen an der Seite runtergefallen sind. Weil das vielleicht im ersten Moment als nicht so wichtig erachtet wird. Aber es ist ungemein wichtig für das allgemeine Wohlbefinden."

Nina Forgber, Tanzlehrerin, München

Modell: Schwächere zweite Welle

Ein drittes Modell der Epidemiologen: Auf die erste Welle folgt eine schwächere, zweite Welle. Oft heißt es, diese käme im Herbst.

"Vielleicht im August oder September, was dann auch schon im Spätsommer sein könnte. Aber es ist schwierig, das vorherzusagen. Gerade der Einfluss saisonaler Bedingungen, also Sommer und Winter, ist bei SARS-CoV-2 noch ziemlich unklar."

PD Dr. med. Christoph Spinner, Infektiologe, Klinikum rechts der Isar, München

Schwächer könnte eine zweite Welle dann ausfallen, wenn Menschen weiterhin Kontakte vermeiden und möglichst zu Hause bleiben.

Mehr Bandscheibenvorfälle beim Physiotherapeuten

Das hat aber wiederum neue Folgen. Und zwar: andere Verletzungen, hat Physiotherapeut Jan Frieling festgestellt. Normalerweise behandelt er viele Akutpatienten mit Sportverletzungen oder Frischoperierte.

"Es reißt sich niemand mehr das Kreuzband, es fährt keiner mehr Ski oder spielt Fußball. Aber es ist etwas Anderes passiert: Durch die Immobilität, wahrscheinlich auch durch viel Homeoffice-Tätigkeit, haben wir so viele akute Bandscheibenvorfälle wie noch nie. Auch Dinge wie ein Tinnitus oder ein Hörsturz. Die Krankheitsbilder verändern sich."

Jan Frieling, Physiotherapeut, München

Die richtige Haltung im Homeoffice

Rückenprobleme durch eine falsche Haltung im Homeoffice - Holger Teske führt ein IT-Start-up. Im Büro können seine Mitarbeiter die Schreibtische auf ihre Körpergröße anpassen. Er befürchtet: Im Homeoffice, ist das nicht der Fall.

"Ich glaube, das Thema, langfristiges Homeoffice und welche Auswirkungen hat das auf die Gesundheit, ist bei vielen noch nicht auf der Agenda. Viele Unternehmen haben sich erst mal damit beschäftigt: Funktioniert technisch alles, haben alle Zugänge? Wenn die Situation jetzt aber länger andauert, müssen wir das betriebliche Gesundheitsmanagement dahingehend ausdehnen. Ich hoffe, dass das auch in der Politik auf die Agenda kommt. Und man darüber nachdenkt: Wie kann man es fördern, auch im Homeoffice, gesunde Arbeitsplätze zu schaffen?"

Holger Teske, Geschäftsführer, IT-Start-up, München

Modell: Stärkere zweite Welle

Laut der Epidemiologen ist auch ein weiteres Szenario denkbar: Eine zweite Welle könnte stärker ausfallen als die erste. Und zwar, wenn das Virus an vielen Orten gleichzeitig auftritt - und Kontakte nicht mehr nachvollziehbar sind.

"Wenn wir zum Beispiel Maßnahmen lockern und sich das Verhalten der Menschen entsprechend zurückentwickelt, kann es sein, dass an mehreren Standorten gleichzeitig Ausbrüche stattfinden. Die nehmen wir immer nur mit einer Verzögerungszeit von eins bis zwei Wochen wahr. Dadurch kann es sein, dass wir einen sehr viel steileren Anstieg in der Zahl an Neuinfektionen sehen und dieser dann schwieriger kontrolliert werden kann."

Prof. Dr. med. André Karch, Leiter Klinische Epidemiologie, Universität Münster

Bis die Impfung kommt: Risiko-Patient bleibt zuhause

Davor hat Bernhard Unrecht Angst. Vor sechs Jahren hat er ein neues Herz bekommen. Seit der Transplantation ist sein Immunsystem geschwächt.Er traut sich erst wieder vor die Türe, wenn es eine Impfung gegen das Coronavirus gibt.

"Ich bin über jeden Tag sehr froh, der mir heute noch bleibt. Dementsprechend habe ich natürlich auch Angst davor, dass ich mir jetzt mit Corona irgendeinen Blödsinn einfange, der das vielleicht vorzeitig beenden würde. Ich würde wahrscheinlich diese Virus-Infektion nicht überleben."

Bernhard Unrecht

Das Verhalten jedes einzelnen ist entscheidend

Wie lange muss er noch zu Hause bleiben? Wann kommt ein Impfstoff und wann die nächste Corona-Welle?

"Das bleibt hypothetisch, und das kann man auch nicht seriös vorhersagen. Aber wir bereiten uns darauf vor."

PD Dr. med. Christoph Spinner, Infektiologe, Klinikum rechts der Isar, München

"Wenn wir in der aktuellen Phase jetzt alle Maßnahmen lockern und uns komplett verhalten wie vor dem Auftreten der Epidemie, dann würden wir auch wieder sehr schnell einen Anstieg der Fallzahlen sehen, wie wir sie am Anfang hatten. Das ganz wesentliche ist jetzt tatsächlich: Es ist kein Prozess, dem wir uns hingeben. Das ist ein Prozess, den wir vollständig selbst in der Hand haben und vollständig selbst bewegen können."

Prof. Dr. med. André Karch, Leiter Klinische Epidemiologie, Universität Münster

Das heißt: Jeder einzelne kann mit seinem Verhalten weiter dabei helfen, die Verbreitung des Virus einzudämmen. Und damit sich selbst und andere schützen.


11