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Corona-Selbsttest Schnelltests: Ausweg aus dem Lockdown?

Seit kurzem sind sie zugelassen, spätestens ab nächster Woche sollen sie in den Regalen der Drogeriemärkte liegen: Corona-Selbsttests für daheim. Gesundheit! macht den Praxistest: Wie einfach ist das Selbstabstreichen? Und: Bieten die neuen Tests eine Alternative zu strengen Lockdown-Regelungen?

Von: Florian Heinhold

Stand: 02.03.2021

Familie Dormeyer aus München kriegt seit Monaten die volle Ladung Lockdown ab – mit drei Kindern in KiTa und Schule. Wie so viele Menschen in Bayern hoffen auch sie, dass die neuen Selbsttests eine Möglichkeit bieten, um Schulunterricht sicherer zu gestalten und endlich wieder Verwandte sehen zu können.

Hoffnung für Familien

"Es ist super anstrengend. Man muss sich organisieren mit der Schule, mit den Kindern. Man kommt an seine Grenzen. Wir haben das letzte Mal im August Verwandte besucht und das wäre vielleicht eine Möglichkeit: Diesen Test machen, sich drei Tage in Isolierung begeben, dann nochmal den Test machen und dann zu den Großeltern fahren."

Luisa Dormeyer

Ist es also möglich, dass die Selbsttests, die in den nächsten Tagen überall erhältlich sein sollen, zum Gamechanger werden? Die ersten solcher Tests, die bereits zugelassen sind, funktionieren über einen Nasenabstrich.

Kind beim Gurgeltest

Daneben gibt es auch Spuck- und Gurgeltests – vor allem Kindern fällt das oft leichter. Gesundheitsminister Jens Spahn erhofft sich von der Möglichkeit des Selbsttestens ein Stück Rückkehr zur Normalität. Aber wie viel Sicherheit bietet das?

Experten mahnen zur Vorsicht

Professorin Ulrike Protzer probiert einen der vielen Selbsttests, die jetzt im Zulassungsverfahren sind. Die Expertin macht einen tiefen Nasenrachenabstrich. Laut Hersteller reicht auch ein Abstrich aus dem vorderen Nasenraum.

"Die maximale Vermehrung des Virus sitzt hinten, im Nasenrachenraum. Wenn ich ganz hohe Virentiter habe, dann ist natürlich auch vorne in der Nase etwas zu erwischen. Es ist wichtig, dass man auch in der frühen Phase, wenn man noch im Anstieg der Infektion ist, das Virus nachweisen kann. Weil ich ja weiß: Wenigstens zehn Stunden später habe ich einen hohen Titer und werde sehr ansteckend. Die Gefahr ist, dass man mit den Antigenschnelltests solche Infektionen übersieht."

Prof. Dr. med. Ulrike Protzer, Virologin, Helmholtz Zentrum, Klinikum rechts der Isar, München

Das Abstrichstäbchen wird in eine Lösung gegeben, die dann auf die Testkassette aufgetragen wird. Danach muss man 15 Minuten warten – ein Strich heißt negativ und zwei Striche positiv. Ein positiver Selbsttest muss genau wie ein PCR-Test gemeldet werden. Auch in diesem Fall müssen sich die Testpersonen in Quarantäne begeben. In seltenen Fällen können falsch-positive Ergebnisse auftreten. Deshalb empfiehlt es sich, einen positiven Selbsttest immer durch einen PCR-Test zu bestätigen.

Vorsicht: Tests liefern nur Momentaufnahme

Noch problematischer sind falsch negative Ergebnisse, da sie infizierten Menschen ein falsches Sicherheitsgefühl geben können. Prof. Ulrike Protzer hat dazu eine Studie mit Coronapatienten in der Klinik gemacht.

"Es waren also alles Menschen, von denen wir ganz sicher wussten: Sie sind positiv und erkrankt. Und da haben wir nur 60 Prozent korrekt erkannt. Mindestens ein Drittel der Infektionen werden schlicht und einfach durch solche Tests übersehen. Ich darf also nicht meine Maske abziehen und zu meiner Mutter oder Großmutter ins Altersheim gehen und die umarmen."

Prof. Dr. med. Ulrike Protzer, Virologin, Helmholtz Zentrum, Klinikum rechts der Isar, München

Antigen-Schnelltests an sich liefern also immer nur eine Momentaufnahme und sollten nicht dazu führen, dass man die Sicherheitsmaßnahmen wie Maske tragen und Abstandhalten nicht mehr einhält.

Eine Studie der Charité in Berlin kam allerdings zu dem Ergebnis, dass es kaum einen Unterschied macht, ob der Abstrich von medizinisch geschulten Personal durchgeführt wird, oder von Laien selbst. Selbsttests sind also nicht zwangsläufig weniger aussagekräftig als professionell durchgeführte Schnelltests.

Der Praxistest

Zurück bei Familie Dormeyer wollen wir das Selbsttesten ausprobieren. Papa Christian ist Arzt und der Beauftragte für Coronatests an einer Münchener Klinik. Er meint: Am aussagekräftigsten ist der Abstrich, wenn man Symptome hat, weil man dann in der Regel auch infektiös ist.

"Wenn es genug Tests gibt, dann soll bitte jeder, der irgendetwas bemerkt, sofort einen Test machen: Ist der Schnupfen jetzt Corona oder nicht? So dass niemand zwei Wochen damit herumläuft und denkt: Es wird schon nichts sein."

Christian Dormeyer, Facharzt für Anästhesiologie, München

Dann geht es los - Lynn macht einen Abstrich im vorderen Nasenbereich. Ihre Schwester Mia probiert einen Rachenabstrich. Bei der kleinen Ilvy übernimmt Mama Luisa das Testen. Das Fazit der Familie ist eindeutig: Mit ein bisschen Übung kann wirklich jeder so einen Test richtig durchführen.  

"Ich glaube, das ist nicht schwieriger, als ein Chemiebaukasten für Achtjährige. Das kriegt man schon hin, das kriegen auch größere Kinder hin."

Luisa Dormeyer

Die ganze Familie war bei unserem Test negativ. Die Dormeyers werden sich natürlich trotzdem an alle Corona-Regeln halten. Aber zumindest für einige Stunden haben sie das gute Gefühl, gerade nicht infektiös zu sein.


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