BR Fernsehen - Gesundheit!


8

Angst vor Corona-Mutationen Wie gefährlich sind die Varianten des Coronavirus?

Die Mutationen von SARS-CoV-2 sind auch in Deutschland angekommen. In Großbritannien und Irland steigen die Infektionszahlen aufgrund der Variante B.1.1.7 explosionsartig. Mutationen aus Südafrika und Brasilien drohen ebenfalls sich zu verbreiten. Der in Deutschland verlängerte und verschärfte Lockdown ist die Reaktion darauf. Wie gefährlich sind die mutierten Viren? Und hilft der jetzige Impfstoff trotzdem?

Von: Monika Hippold, Bernd Thomas

Stand: 25.01.2021

Die Mutationen des Coronavirus aus Großbritannien, Südafrika und Brasilien geben der Corona-Pandemie eine völlig neue Dynamik. Forscher, Ärzte warnen vor den Gefahren einer Ausbreitung der Mutationen. Bund und Länder haben den Lockdown vorerst bis Mitte Februar verlängert. An einigen Grenzen gibt es verschärfte Kontrollen und eine Testpflicht. Die Bundespolizei hat an den Flughäfen Frankfurt und München die Kontrollen von Reisenden aus Hochrisikogebieten verstärkt.

Verbreitung der Mutationen in Deutschland

Denn: In Deutschland sind die Virusvarianten bereits angekommen. Die brasilianische Mutation B.1.1.28 wurde in der vergangenen Woche bei einem Reiserückkehrer in Hessen nachgewiesen. Wegen einem Ausbruch der britischen Mutation B 1.1.7 hat eine Berliner Klinik die Aufnahme von Patienten gestoppt und steht unter Quarantäne. Auch in Bayern wurde ein Fall der britischen Mutation entdeckt – bei einem Reiserückkehrer in Bayreuth. Die Virusvariante aus Südafrika (B.1.351) wurde Mitte Januar erstmals in Baden-Württemberg - und seitdem an verschiedenen Orten in Deutschland – nachgewiesen.

Mutation in Garmisch-Partenkirchen

Und: Eine weitere Mutation tauchte vergangene Woche in Bayern auf. Die Ärzte im Klinikum Garmisch-Partenkirchen entdeckten bei 66 von 98 Infizierten (Stand: 22.1.2021) ein verändertes Coronavirus.

"Es wurde eine kleine Veränderung festgestellt, eine sogenannte Deletion, ein Fehlen der Stellen 69 und 70."

PD Dr. med. Clemens Stockklausner, stv. Ärztlicher Direktor, Klinikum Garmisch-Partenkirchen

Viele Menschen im Ort hat die Nachrichtenlage aufgeschreckt. Gerade hier kommen viele Menschen zusammen: Die Grenze zu Österreich ist nah, die Landschaft lockt Ausflügler an. Befeuert das Mutationen?

Stellen der Mutation im Virus sind entscheidend

Am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr untersucht Virologe Dr. Roman Wölfel Mutationen des Coronavirus. Dass Viren mutieren, ist normal, erklärt er.

"Das Virus liefert sich ein ständiges Wettrennen mit den Menschen. Insbesondere ein ungeschützter Kontakt mit dem Virus, wenn beispielsweise Lockdown-Maßnahmen nicht effektiv sind, Masken nicht ausreichend schützend getragen werden, können natürlich dann dazu führen, dass sich Viren weiterverbreiten und noch schneller Mutationen aufsammeln."

Oberstarzt PD Dr. med. Roman Wölfel, Virologe, Institut f. Mikrobiologie der Bundeswehr, München

Mutationen entstehen also immer besonders dann, wenn sich das Virus unkontrolliert und massenhaft verbreiten kann. Rund 300.000 Mutationen des Sars-Coronavirus sind laut dem französischen Forscher Axel Kahn bereits entstanden. Viele bringen dem Virus keine Vorteile, andere nutzen ihm. Ob und wie gefährlich die Mutationen sind, hängt davon ab, an welchen Stellen sich das Virus verändert hat. Das muss jeweils genau untersucht werden, so Virologe Roman Wölfel.  

"Es kommt nicht nur auf die Anzahl der Mutationen an. Es ist auch wichtig zu wissen, wo diese Mutation liegen und wie sie zusammenwirken. So kann es durchaus sein, dass 17 Mutationen in dem einen Virus eine ganz andere, vielleicht sogar geringere Auswirkung haben, als viel weniger Mutationen in einem anderen Virus, die aber einfach an gefährlicheren Stellen liegen."

Oberstarzt PD Dr. med. Roman Wölfel, Virologe, Institut f. Mikrobiologie der Bundeswehr, München

Gelingt dem Virus mit einer Mutation zum Beispiel schneller und effektiver in die Zellen einzudringen und sich vermehren zu können, verbreitet sich dieses Virus auch entsprechend schneller und verdrängt nicht mutierte Varianten.

Mutation aus Garmisch war nicht neu

Bei der Sequenzierung entschlüsseln die Forscher das komplette Genom des Virus – und vergleichen es mit der ursprünglichen Version. Das Ergebnis für die Garmischer Variante: Sie ist nicht neu, sondern bereits bekannt – aus 102 Proben weltweit als Mutation B.1.1.134.

"Insgesamt war dieses Virus aber nicht so stark verändert, dass man davon ausgehen muss, dass das zu einer wesentlichen Erhöhung der Infektiosität geführt hätte."

Oberstarzt PD Dr. med. Roman Wölfel, Virologe, Institut f. Mikrobiologie der Bundeswehr, München

Bisher sind keine Auswirkungen der Mutation auf Eigenschaften des Virus bekannt. Um solche Aussagen sicher treffen zu können, werden die mutierten Varianten im Labor angezüchtet und gezielt Antikörpern ausgesetzt, die Menschen nach einer Impfung oder nach einer überstandenen Covid-19 Infektion entwickelt haben. Diese In-vitro-Versuche benötigen in der Regel mehrere Wochen Zeit.   

Auswirkungen der britischen Mutation

In England und Irland wütet hingegen die Mutation B 1.1.7. Die Infektionszahlen schnellen in die Höhe. Ärzte und Pfleger arbeiten an der Belastungsgrenze.

Auswirkungen hat die britische Mutation auch für Sabine. Normalerweise besucht sie alle drei Monate ihre beste Freundin Sabrina in London. Seit über einem Jahr können die beiden aber nur telefonieren und chatten. 

"Ich habe von diesen Mutationen tatsächlich zuerst gleich von Sabrina erfahren. Sie hat mir sofort geschrieben, dass sich die Situation in England geändert hat. Und dann war ich total erschrocken. Ich mache mir richtig Sorgen. Es gibt ja auch so viele Todesfälle."

Sabine

So geht es den Menschen in London

In London sind sehr viele Menschen vorsichtig geworden, erzählt Sabrina. Auch sie selbst hat Angst.

"Jetzt durch die Mutation ist es wirklich ein bisschen beängstigend. Dadurch dass wir seit einer Woche jeden Tag weit über 1.000 Tote haben, sind alle nervös. Man merkt, dass mehr und mehr Leute nur noch zuhause bleiben. Man sieht auch, dass die Leute in der U-Bahn vorsichtiger sind als noch vor kurzem. Aufgrund der neuen Mutation sind wir seit drei Wochen im ganz harten Lockdown. Wir arbeiten hier von daheim. Ich würde mich sehr unwohl fühlen, wenn ich jetzt ins Büro gehen müsste - besonders mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Wir gehen fast nie raus und bestellen Essen oder Lebensmittel, da ich selber auch in einer Risiko-Gruppe bin. Ich habe seit 15 Jahren Morbus Crohn und auch Bluthochdruck. Es fühlt sich ernsthafter an als vielleicht noch im November, Dezember."

Sabrina, lebt in London

Ernst ist die Situation auch für Sabine: Im Dezember erkrankt sie an Covid-19. Die Folgen davon spürt sie heute noch.

"Normalerweise bin ich immer so eine halbe Stunde laufen gegangen und jetzt schaffe ich nur noch eine Viertelstunde. Dann muss ich schon husten und bekomme schlecht Luft. Ich hätte nicht gedacht, dass ich als junger Mensch solche längerfristigen Schäden an der Lunge habe. Und ich mache mir natürlich auch Sorgen wegen der Mutationen."

Sabine

Gefahr der Mutationen: exponentielles Wachstum

Aktuelle Untersuchungen zeigen: Die britische Mutation führt zwar nicht zu einem schwereren Verlauf von Covid-19, sie ist aber bis zu 35 Prozent ansteckender als die bisherige. Und das kann gravierende Auswirkungen haben. Wie genau die aussehen, berechnen Wissenschaftler wie Physiker Kilian Holzapfel. Entscheidend ist die Reproduktionszahl r, denn:

"Der r-Wert beschreibt ob eine Krankheit exponentiell wächst oder exponentiell fällt. Ist der r-Wert über eins, auch nur minimal, steigt er exponentiell. Ist er minimal unter 1, fällt er exponentiell. Wenn wir also einen r-Wert von 0,9 haben, halbieren wir die Fallzahlen in einem Monat. Haben wir einen r-Wert von 0,7 - dann halbieren wir die Fallzahlen in einer Woche."

Kilian Holzapfel, Physiker, TU München

Durch die ansteckenderen Mutationen besteht aber die Gefahr, wieder in ein exponentielles Wachstum zu rutschen. Riskant, meint Physiker Kilian Holzapfel, denn es ist wahrscheinlich, dass die Situation aufgrund der höheren Ansteckungsrate schneller als im Vorjahr unkontrollierbar wird.

"Dann steigen auch unsere Todeszahlen exponentiell. Und die Krankenhäuser kommen mit exponentieller Geschwindigkeit an ihre Kapazitätsgrenze. Dadurch haben wir noch mehr Tote. Im Umkehrschluss müssen wir dann noch härtere Maßnahmen treffen, um die Reproduktionszahl r wieder unter 1 zu drücken. Wenn wir es nicht schaffen, diese Mutation zu unterdrücken und sie durch einen r-Wert von unter 1 zurückzudrängen, dann wird sie irgendwann Überhand nehmen und die andere Variante verdrängen."

Kilian Holzapfel, Physiker, TU München

Mutationen: Einfluss auf Herdenimmunität

Die ansteckenderen Mutationen haben noch eine weitere Auswirkung – und zwar auf die Gemeinschafts- oder Herdenimmunität:

"Lag die Schwelle für die Gemeinschafts- oder Herdenimmunität bisher bei 60 bis 70 Prozent, die wir erreichen müssen, liegt sie mit der ansteckenderen Variante bei etwa 80 Prozent. Das heißt, wir müssen zehn Prozent mehr Menschen davon überzeugen, sich impfen zu lassen."

Kilian Holzapfel, Physiker, TU München

Damit möglichst wenig neue und gefährliche Mutationen entstehen, gilt also: Die Infektionszahlen müssen möglichst schnell sinken, und vor allem gefährlichere Mutationen dürfen sich nicht weiter verbreiten.

Schützen die Impfstoffe vor den Mutationen?

Doch was bedeuten die neuen Mutationen für die Impfungen? Wirken die Impfstoffe auch gegen die Virusvarianten? Unter Hochdruck wird daran geforscht. Die meisten Impfstoffe setzen am Spike-Protein an. Die Hoffnung der Forscher:

"Das Spike Protein im Sars-Coronavirus ist ein sehr großes Protein. Es entstehen ganz viele verschiedene Antikörper dagegen nach einer Impfung. Wenn das Virus jetzt an einigen Stellen des Proteins mutiert, erzeugt das keinesfalls eine Wirkung, die dazu führt, dass die Impfung überhaupt nicht mehr funktioniert."

Oberstarzt PD Dr. med. Roman Wölfel, Virologe, Institut f. Mikrobiologie der Bundeswehr, München

Laut neuester Untersuchungen kann es sein, dass einige Impfstoffe gegen die Mutationen aus Südafrika und Brasilien schlechter wirken - oder angepasst werden müssen. Das ist grundsätzlich möglich, wie Forscher Roman Wölfel meint. Die neuen Impfstoffe, die zudem noch von Hersteller zu Hersteller leicht unterschiedliche Ansätze verfolgen, bieten seiner Meinung nach dazu die geeignete Grundlage.

Zu wenig Impfstoff in Bayern

In den Impfzentren in Bayern laufen die Impfungen derweil schleppend an. In Erding könnten eigentlich bis zu 300 Dosen pro Tag verabreicht werden. Aber:

"Die Herausforderung ist derzeit natürlich die schwankende Zuteilung an Impfstoffen. Das heißt, wir können sehr schlecht planen, an welchem Tag wir wieviel Impfstoff zur Verfügung haben. Das führt auch manchmal zu Missstimmung in der Bevölkerung, weil Leuten der Termin abgesagt werden muss, weil doch nicht so viel Impfstoff zur Verfügung steht, wie es uns ursprünglich zugesagt wurde."

Christian König, Leiter Impfzentrum, BRK Kreisverband Erding

Der Impfstoff reicht im Moment oft nur, um bereits Geimpften die zweite Dosis zu ermöglichen. So wie dem Ehepaar Leis. Die beiden sind erleichtert.

"Die erste Spritze war gut. Ich habe nichts gespürt und jetzt bei der zweiten auch nicht. Wir nehmen an, dass wir jetzt durch den Impfschutz immun sind."

Ehepaar Leis

Lockdown-Maßnahmen bleiben wichtig

Auch Sabine hofft, nach ihrer Erkrankung weiterhin immun zu sein – trotz der Mutationen. Doch sicher ist sie sich nicht. Deswegen bleibt sie vorsichtig.

"Ich habe schon Angst, dass ich jetzt trotzdem nicht immun bin. Ich arbeite im Homeoffice und bin auch im Privaten bin ich sehr vorsichtig. Ich will nicht, dass meine Familie noch einmal an Covid-19 erkrankt. Oder dass es jemand bekommt, der es noch nicht hatte, wie zum Beispiel mein Opa."

Sabine

Die Hoffnung ist, dass die Impfstoffe auch gegen die Mutationen wirken. Der Wettlauf mit dem Coronavirus geht weiter.

Weiterführende Links:


8