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Krebs und Corona Krebspatienten: Kollateralschäden durch Corona?

Die Corona-Krise und die begleitende Berichterstattung hat viele Patienten so massiv verunsichert, dass sie abklärende Untersuchungen hinausgezögert haben, aus Angst, sich in einer Klinik oder Praxis zu infizieren. Vor allem bei Krebserkrankungen bleibt diese Entwicklung nicht folgenlos.

Von: Antje Maly-Samiralow

Stand: 01.06.2020

Das Deutsche Krebsforschungszentrum sprach im Zusammenhang von hinausgezögerten Untersuchungen bei Krebserkrankungen durch die Corona-Krise von einer „Bugwelle an zu spät diagnostizierten Krebsfällen“.

"Insgesamt haben wir deutlich gesehen, dass das Gesundheitswesen und die Versorgung von Krebserkrankungen in Deutschland sehr gestresst waren. Wir haben aber auch gesehen, dass die Patienten, die im Behandlungssystem waren, in aller Regel auch die Behandlung bekommen konnten, die sie bekommen mussten. Wir wissen von Einzelfällen, wo das nicht funktioniert hat. Unsere größte Sorge ist allerdings, dass Patienten die Diagnose einer Krebserkrankung gar nicht bekommen haben. Das kann dadurch geschehen sein, dass Vorsorgeuntersuchungen nicht stattfanden, Ärzte vielleicht nicht zur Verfügung standen. Aber es kann auch dadurch passiert sein, dass Patienten Angst hatten, ärztliche Hilfe zu suchen oder eine Diagnostik durchführen zu lassen, weil sie Angst hatten, dadurch vielleicht eine Infektion zu bekommen. Und diese Situation betrachten wir mit großer Sorge in Deutschland.
Es hat sich mit Sicherheit eine Zahl von Patienten angesammelt, die jetzt zusätzlich diagnostiziert werden muss, um sie wieder ins System zu bringen, um dann auch die richtige Diagnostik und Therapie anbieten zu können."

Prof. Dr. med. Michael Baumann, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums, Heidelberg

Covid-Pandemie: Millionen verschobener Eingriffe und Krebsoperationen

Einer kürzlich im British Journal of Surgery veröffentlichten Erhebung zufolge wurden weltweit rund 28 Millionen chirurgische Eingriffe im Zuge der Covid-Krise verschoben. Allein in Deutschland beläuft sich die Zahl der nicht durchgeführten Operationen auf 908.759. Darunter fallen etwa 52.000 Krebsoperationen.

Zwar können auch Krebsoperationen verschoben und nicht jeder Eingriff muss zwingend sofort vorgenommen werden. Allerdings müssen verschobene Eingriffe nun nachgeholt werden. Und das dürfte eine große Herausforderung für das deutsche Gesundheitssystem sein.

"Dieser Rückstau von über 900.000 Operationen insgesamt und eingeschlossen die 50.000 Krebsoperationen, die nicht durchgeführt worden sind, bedeutet, dass wir 30 bis 60 Wochen brauchen, um das abzuarbeiten. Das ist eine riesige Herausforderung für alle chirurgischen Kliniken."

Prof. Dr. med. Waldemar Uhl, Direktor Chirurgie, Uniklinik St. Josef-Hospital Bochum

Schnellwachsende Tumore: Risiken durch aufgeschobene Untersuchungen

Fraglich ist zudem, wie viele Patienten nach wie vor den Weg in eine Klinik scheuen, weil sie noch immer Angst vor einer Covid-Infektion haben. Jede Diagnose, die verspätet gestellt wird, birgt erhebliche Folgerisiken für die betroffenen Patienten. Das gilt vor allem für schnell wachsende, bösartige Tumoren.

"Wir wissen, dass fortgeschrittene Krebserkrankungen eine schlechtere Prognose haben und schwerer zu behandeln sind als frühe Krebserkrankungen. Insofern ist Zeit ein wichtiger Faktor."

Prof. Dr. med. Waldemar Uhl, Direktor Chirurgie, Uniklinik St. Josef-Hospital Bochum

Das gilt auch für Nachuntersuchungen und Verlaufskontrollen, die ausgesetzt werden, um das Risiko einer Infektion zu minimeren.

"Wir spüren immer noch eine Verunsicherung bei den Patienten, in die Klinik zu kommen aus Angst, sich anzustecken. Es gab Phasen, da haben wir gesagt, bleiben Sie zuhause. Nachsorgen, die nicht unbedingt akut notwendig sind, können Sie noch schieben. Jetzt ist das nicht mehr so! Die Ambulanzen sind geöffnet, und die Patienten sollen ihre Termine auch in Anspruch nehmen. Denn die Verlaufskontrolle muss stattfinden, damit wir frühzeitig einen Rückfall erkennen, um eine bessere Prognose zu haben."

Prof. Dr. med. Anke Reinacher-Schick, Chefärztin Onkologie, Uniklinik St. Josef-Hospital, Bochum 


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