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Impfstoffe gegen das Coronavirus Impfstart: Viele Fragen zur Corona-Impfung

Wie sicher ist die Impfung? Welche Nebenwirkungen wurden bislang beobachtet? Was ist von der Idee zu halten, die zweite Impfdosis später als geplant zu spritzen, um mehr Menschen mit der ersten Dosis versorgen zu können? „Gesundheit!“ klärt die wichtigsten Fragen zur Corona-Impfung.

Von: Agnieszka Schneider

Stand: 12.01.2021

Für Maria Priller war es ein einsames Weihnachten. Bis auf ein paar kurze Spaziergänge über die Feiertage musste sie weitestgehend ohne ihre Familie auskommen.  

"Die ganze innere Zuneigung, das fehlt. Und das hat an Heiligabend sehr weh getan. Ich habe geweint."

Maria Priller

Auch Alois Fink sehnt sich sehr nach der früheren Normalität. Ohne lange zu überlegen hat er sich für die Impfung entschieden. Denn: Der 81-Jährige hat noch einige Pläne.  

"Reisen ist meine große Freude. Solange ich noch kann, solange ich gesund bin."

Alois Fink

Impfstart in Landshuter Pflegeheim

Im Wohn- und Pflegeheim St. Jodok in Landshut warten die Bewohner direkt nach Weihnachten auf ihre erste Impfung. Der Heimleiter freut sich über die 95-prozentige Impfbereitschaft.

Knapp 10.000 Impfdosen wurden bayernweit für den offiziellen Impfstart vorgesehen. Die Stadt Landshut bekam davon 100. Wenig, wenn man bedenkt, dass hier etwa 7.000 Personen der höchsten Priorisierungsstufe 1 leben.

Mobile Impfteams impfen Senioren

Zwei Teams aus Ärzten, Krankenschwestern und Sanitätern kümmern sich um die Senioren in Landshut, die laut der Impfverordnung zur Gruppe mit der höchsten Priorität gehören.

Der Impfstoff von Biontech/Pfizer wurde im gefrorenen Zustand in Spezialbehältern an das niederbayerische Impfzentrum ausgeliefert. Nach dem Auftauen wird die Flüssigkeit in Augenschein genommen, sie darf keine festen Bestandteile enthalten.

"Nach der Inspektion muss noch 1,8 Milliliter 0,9 prozentige Natriumchloridlösung zugefügt werden, dann langsam geschwenkt werden und auf gar keinen Fall geschüttelt werden. Weil das Schütteln letztendlich den Impfstoff auch instabil machen würde. Und dann wäre er wirkungslos oder die Wirkung würde abgeschwächt."

Konstantin Ullrich, Allgemeinmediziner, Mobiles Impfteam Landshut

Der Versorgungsarzt der Stadt Landshut hat die mobilen Teams auf den richtigen Umgang mit dem Impfstoff vorbereitet. Bevor es losgeht, weisen die Ärzte jeden Impfwilligen in einem Aufklärungsgespräch auf mögliche Nebenwirkungen hin und fragen gesundheitliche Auffälligkeiten ab.

So funktionieren die mRNA-Impfstoffe

Laut europäischer Arzneimittelbehörde können seit wenigen Tagen sechs Impfdosen aus einer Ampulle gewonnen werden. Damit erhöht sich die Verfügbarkeit um 20 Prozent.

Der mRNA-Impfstoff der Firmen Biontech und Pfizer wurde noch im Dezember in Europa zugelassen, der Impfstoff der US-Firma Moderna am 7. Januar. Die beiden mRNA-Impfstoffe haben eine Wirksamkeit von über 94 Prozent und beruhen auf einer neuen Technologie. Sie enthalten Erbinformationen eines Virus, die sogenannte messenger-RNA. Die Zellen des Geimpften nehmen diese Informationen auf und produzieren dann selbst Virus-Proteine. Also die Teile des Virus, gegen die das Immunsystem Antikörper entwickelt und das Virus damit unschädlich macht.

Darüber hinaus hat nun der  britisch-schwedische Pharmakonzern AstraZeneca ebenfalls die Zulassung seines vektorbasierten Impfstoffs in der EU beantragt.

"Da hat man einen adenoviralen Vektor verwendet, um das Hüllprotein des SARS-Coronavirus zu exponieren. Das ist eine andere Art Impfstoff. Der ist auch in den Studien nicht ganz so wirksam. Ein Vorteil von diesem Impfstoff ist aber vielleicht, dass er günstiger ist und in der Handhabung ein bisschen einfacher. Die mRNA-basierten Impfstoffe von Biontech und Moderna brauchen sehr konsequente Kühlketten, die sind von der Logistik her anspruchsvoll. Da ist der AstraZeneca Impfstoff nicht ganz so anspruchsvoll."

Prof. Dr. med. Ulrike Protzer, Virologin, TU München und Helmholtz-Zentrum

Der AstraZeneca-Impfstoff kostet rund zwei Euro pro Dosis und lässt sich bei normalen Kühlschranktemperaturen zwischen zwei und acht Grad lagern. Der Impfstoff von Biontech/Pfizer benötigt bei längerer Lagerung hingegen eine Temperatur von minus 70 Grad, der Moderna-Impfstoff minus 20 Grad.

Die EU-Arzneimittelbehörde (EMA) will nun bis Ende Januar über den Antrag von AstraZeneca auf bedingte Marktzulassung entscheiden. Die EU hat bis zu 400 Millionen Dosen des Impfstoffs vorbestellt. In Großbritannien ist der Impfstoff seit Ende 2020 genehmigt und wird dort seit rund einer Woche eingesetzt. Zugelassen ist das Vakzin außerdem bereits in Mexiko, Indien und Argentinien.

Schutz gegen die aktuelle Mutation

Das Klinikum rechts der Isar in München hat aktuell am Forschungsgebäude ein Impfzentrum für das medizinische Personal eingerichtet. Die mRNA-Impfstoffe bieten auch bei der höchstansteckenden und sich rasant verbreitenden Mutation des Corona-Virus einen sicheren Schutz. Für Virologen wie Prof. Ulrike Protzer ist das eine wichtige Erkenntnis im Kampf gegen das Virus.

"Die Impfstoffe von Biontech und von Moderna haben das gesamte Protein des SARS-Coronavirus drin. Da entsteht nicht nur ein Antikörper gegen eine ganz bestimmte Stelle. Sondern da entsteht eine Palette von Antikörpern gegen die gesamte Oberfläche. Und dass das Virus dem ausweichen kann, ist sehr unwahrscheinlich."

Prof. Dr. med. Ulrike Protzer, Virologin, TU München und Helmholtz-Zentrum

Nebenwirkungen

Der mRNA-Impfstoff kann schnell an neue Virus-Mutationen angepasst werden. Nebenwirkungsfrei ist er dennoch nicht. Wie bei andern Impfungen kann es zu Müdigkeit, Kopf- und Gelenkschmerzen, leichtem Fieber, Durchfall oder Schüttelfrost kommen oder zu lokalen Impfreaktionen wie Rötungen oder Schmerzen den der Einstichstelle.

"Bei Nebenwirkungen muss man immer zwischen zwei Dingen entscheiden. Das eine ist die sogenannte Reaktogenität, das macht jeder Impfstoff, der regt das Immunsystem an und das spüre ich. Das fühlt sich in etwa so an wie eine beginnende Erkältung. Da können Kopf- und Gliederschmerzen dabei sein. Es kann in dem Arm ziehen, in dem man geimpft ist. Eventuell kann man ein bisschen erhöhte Körpertemperatur haben. Das ist aber in der Regeln nach 24 bis 48 Stunden vorbei und zeigt, mein Immunsystem springt an. Und dann gibt es das, was man als Nebenwirkungen bezeichnet, das also länger anhält. Da wurden bisher keine schweren Nebenwirkungen beobachtet - in keiner der Studien mit den mRNA-Impfstoffen. Sehr seltene Nebenwirkungen kann man aber erst nach einer längeren Zeit wirklich abschließend beurteilen."

Prof. Dr. med. Ulrike Protzer, Virologin, TU München und Helmholtz-Zentrum

Bei Personen mit Neigungen zu Überempfindlichkeit wurden bisher in sehr seltenen Fällen allergische Reaktionen beobachtet. Diese sind mit Gegenmitteln gut behandelbar. Immungeschwächte Menschen, wie etwa Krebspatienten, sollen sich umfassend bei ihrem Impfarzt informieren.  

Langzeitnebenwirkungen

Einige Menschen befürchten auch Langzeitnebenwirkungen der Impfstoffe.

"Langzeitnebenwirkungen kann man erst zu 100 Prozent ausschließen, wenn man es langfristig kennt. Vorteil der mRNA-Impfstoffe ist aber auch, dass sie ja sehr schnell wieder weg sind, dass sie sehr schnell im Körper abgebaut werden. Und dann kann man sich schwer vorstellen, wie etwas, was nicht mehr da ist, langfristig noch eine Nebenwirkung hervorrufen soll."

Prof. Dr. med. Ulrike Protzer, Virologin, TU München und Helmholtz-Zentrum

Zwei Impftermine nötig

Laut Robert-Koch-Institut wurden bisher über 136.000 Impfdosen in Bayern verabreicht (Stand: 12.1.) - gemäß der Priorisierung, die die Bundesregierung in der Impfverordnung festgelegt hat.

Derzeit wollen sich laut ARD-Deutschland-Trend (Stand 7.1.) etwa 54 Prozent der Menschen in Deutschland auf jeden Fall gegen das Coronavirus impfen lassen. Für die Impfwilligen wurden in Bayern insgesamt 99 Impfzentren eingerichtet. Thomas Schindler, Verwaltungsleiter des Impfzentrums in Landshut, und Benedikt Neumeier vom Ordnungsamts sind seit Mitte Dezember startklar. 240 Corona-Impfungen werden hier täglich möglich sein – für die Erst- und Zweitimpfung.

Für die beiden zugelassenen mRNA-Impfstoffe sind zwei Impf-Termine im Abstand von drei bis vier Wochen empfohlen. Dieser Zeitraum sollte nicht überschritten werden.

"Wer sagt uns, dass die Wirksamkeit sonst wirklich die gleiche ist. Und einen inkompletten Impfschutz zu haben, das hilft natürlich nicht viel. Das kann sogar Nebenwirkungen haben. Weil ich dann eine Immunantwort habe, die das Virus nicht sofort abräumt, aber vielleicht die Entzündungsreaktion verstärkt."

Prof. Dr. med. Ulrike Protzer, Virologin, TU München und Helmholtz-Zentrum

Erste Impfung gut vertragen

Die Bewohner im Pflegeheim St. Jodok in Landshut müssten demnach also bald wieder geimpft werden. Wie haben sie die erste Injektion vertragen?

"Ich habe bloß die erste Nacht gefroren. An für sich bin ich ein Mensch, der im Bett nicht friert. Dann habe ich mir eine Wolldecke geholt, habe mich eingewickelt und als ich warm war, hat sich das ergeben."

Maria Priller

Alois Fink hatte sich mit einigen der Bewohnern ausgetauscht – alle haben ähnliche Erfahrungen gemacht.   

"Es war so ein bisschen Druck an der Schulter da. Aber sonst war absolut nichts."

Alois Fink

 Zwei Wochen nach der zweiten Impfung soll laut Studien eine Immunität erreicht sein. Wie lange diese anhält, das muss die Wissenschaft noch herausfinden.


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