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Videosprechstunde, Monitoring, Tracing-App Digitalisierung und Medizin: Chance oder Gefahr?

Corona: Trotz Lockerungen immer noch leere Klassenzimmer, Restaurants ohne Gäste, Konferenzen auf Distanz. Aber es gibt auch einen Digitalisierungsschub in der Medizin. Videosprechstunden boomen, Patienten werden zu Hause überwacht, eine Tracing-App wird entwickelt. Aber was bringen die Entwicklungen und wie steht es mit dem Datenschutz?

Von: Bernd Thomas

Stand: 19.05.2020

Gesundheits-Wearables sind in. Aber nicht nur Gesundheitsbewusste und Fitnessfans, auch die medizinische Forschung setzt auf kleine tragbare Higtech-Sensoren, modernste medizinische Geräte mit ganz erstaunlichen Möglichkeiten. Die könnten bald helfen, Risikopatienten das Leben zu retten, ganz aktuell auch im Falle einer Coronainfektion.

Telecovid Studie der TU München: Chance für Risikopatienten? 

Gerade angelaufen ist die Telecovid-Studie der TU München. Prof. Georg Schmidt hofft, Todesfälle älterer Corona-Patienten um bis zu einem Drittel senken zu können. Einzige Voraussetzung: Die positiv auf Corona getesteten Patienten müssen zu Hause einen kleinen Ohrsensor tragen. Der misst regelmäßig wichtige Daten und überträgt sie an eine Zentralstelle. Bei gravierenden Veränderungen werden dort Ärzte alarmiert. Das Besondere des kleinen Messgeräts:    

"Wir messen über einen Ohrsensor viertelstündlich Temperatur, Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz und Herzfrequenz. Wir messen aber auch Parameter, die uns Auskunft geben, welche Reserven der Körper noch beim Kampf mit der Krankheit hat."

Prof. Dr. Georg Schmidt, Kardiologe, Arbeitsgruppe Verarbeitung von Biosignalen, Klinikum rechts der Isar, TU München

Patient mit Ohrsensor

Das kleine Ohrgerät lässt sich bequem Tag und Nacht tragen und muss nur einmal in 24 Stunden für knapp eine Stunde aufgeladen werden. Die Daten werden vollautomatisch und sicher verschlüsselt versendet. Das ist besonders wichtig, denn bei rund zehn Prozent der Risikopatienten verschlechtert sich der gesundheitliche Zustand bei einer Covid-19-Erkrankung erst nach einigen Tagen, dann aber oft dramatisch schnell.

"Es handelt sich manchmal nur um wenige Stunden. Diesen Übergang zu erkennen, ist sehr wichtig. Denn wenn der Patient zu spät in die Klinik eingewiesen wird und wenn er erst einmal an die maschinelle Beatmung kommt, haben vor allen Dingen ältere Patienten schlechte Chancen, die Erkrankung zu überleben."

Prof. Dr. Georg Schmidt, Klinikum rechts der Isar, TU München

Hightech-Sensor: Studie noch offen für Patienten

Noch können sich positiv getestete ältere Patienten melden, um an der Telecovid-Studie teilzunehmen. Ursprünglich wurde die Technik für eine Studie über Herzpatienten entwickelt. Ziel dabei war, die Patienten zu finden, die nach einem Ereignis wie einem Herzinfarkt ein besonders hohes Risiko haben, wiederholt einen Zwischenfall zu erleiden.

Besonders der so genannte Poly-Score, den das kleine Messgerät ermitteln kann, spielt dabei eine entscheidende Rolle. Er könnte, so hoffen die Mediziner, auch im Falle einer Corona-Infektion, entscheidende Hinweise geben, wann ein Erkrankter in die Klinik gebracht werden muss, damit die Therapie nicht zu spät einsetzt.

Corona und Medizin: Digitalisierungsschub

In der Nähe von Ingolstadt ist Prof. Siegfried Jedamzik Facharzt für Allgemeinmedizin. Er ist außerdem Geschäftsführer der Bayerischen Telemedallianz und seit Jahren einer der Vorreiter digitaler Entwicklungen in der Medizin. Die Situation hat sich seiner Einschätzung nach grundlegend verändert.

"Wir haben einen richtigen Digitalisierungsschub wegen Corona. Es ist ein richtiger Schwung gewesen in letzter Zeit, vor allem durch vermehrte Videosprechstunden. Aber auch die digitale Kommunikation zwischen Hausarzt und Facharztpraxen nimmt deutlich zu."

Prof. Dr. med. Siegfried Jedamzik, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bayerische Telemedallianz, Baar-Ebenhausen

Kleines Virus, große Wirkung: boomende Videosprechstunden

Besonders Videosprechstunden boomen. Ärzte brauchen dafür eine spezielle Zulassung. Die sind in den letzten Monaten in Bayern sprunghaft gestiegen. Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns meldet einen Anstieg von 146 im März auf über 6.200 allein im April 2020. Besonders stark vertreten sind neben Hausärzten auch Psychiater und Psychotherapeuten. Die Kommunikation läuft dabei verschlüsselt über spezielle medizinische Videoportale. Videosprechstunden über gängige, nichtmedizinisch zertifizierte Videoportale sind nicht erlaubt und deren Nutzung sogar strafbar.

Videosprechstunden: Sichere Verbindung mit ausreichend Datenschutz?

Prof. Jedamzik betont, dass die Kommunikation in Videosprechstunden seitens der medizinischen Anbieter allen Datenschutzbestimmungen entspreche und sicher sei. Patienten bekommen über Email einen Link zugeschickt, über den sie sich einwählen können.

Arzt bei Videosprechstunde

Als Versorgungsarzt in der aus der Klinik Ingolstadt ausgelagerten Bereitschaftspraxis GO IN nutzt Dr. Jedamzik die digitale Kommunikation aktuell auch für die Behandlung von Corona-Patienten. Um einen schweren Verlauf frühzeitig erkennen und verhindern zu können, spricht er regelmäßig über Video mit Patienten, die in Quarantäne zu Hause sind. Grundsätzlich stimmt er das weitere Vorgehen ebenfalls in Videokonferenzen mit deren behandelnden Hausärzten ab. Die meisten seiner bisherigen Patienten empfinden das als große Hilfe und Beruhigung.

"Ich habe mich viel behüteter gefühlt. Von anderen habe ich gehört, die werden im Stich gelassen, die dürfen in keine Arztpraxis. Ein Arzt kommt zu ihnen erst nach Hause, wenn der Test negativ ist. Und man hat doch immer wieder Fragen und möchte als Patient, dass man gut begleitet und überwacht wird."

Ehemalige Corona-Patienten  

Grenzen der Videosprechstunde

Die Vorteile auch ganz normaler Videosprechstunden liegen für Prof. Siegfried Jedamzik auf der Hand. Die Patienten sparen sich unnötige Wege und Wartezeiten und auch die Ärzte profitieren. Selbst einfache Diagnosen lassen sich, wenn sich Arzt und Patient gut kennen, durchaus in einer Videosprechstunde stellen. Aber natürlich gibt es Grenzen.

"Ich kann den Bauch eines Patienten natürlich nicht per Videosprechstunde abtasten, ich kann die Lunge nicht abhören per Videosprechstunde. Das wird einmal kommen, künstliche Stethoskope wird es geben, aber momentan geht das noch nicht."

Dr. med. Siegfried Jedamzik, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bayerische Telemedallianz, Baar-Ebenhausen

Die Misere fehlender Landärzte können Videosprechstunden also nicht lösen.

Wirklich sicher? Beispiel Corona-Tracing-App

Corona-Tracing-App

Doch wie steht es grundsätzlich um Datenschutz, Persönlichkeitsrechte und Anonymität? Beispiel: die umstrittene Corona-Tracing-APP. Sie wird aktuell von zwei großen Firmen vorangetrieben. Schon länger forschen Teams einiger Institutionen in einem offenen Forschungsprojekt daran. Macht sie uns zu gläsernen Patienten?

Das grundsätzliche Prinzip: Smartphones messen Abstand und Dauer der Kontakte zu anderen Handys. Wer an Corona erkrankt, meldet das seiner App. Teilnehmer, die mit einem Infizierten über eine bestimmte Zeit mit einer bestimmten Entfernung Kontakt hatten, werden daraufhin gewarnt. Grundsätzlich funktioniert das technisch schon, auch wenn noch einige Probleme zu lösen sind.

Die Physiker Dr. Tina Pollmann und Kilian Holzapfel forschen im Team der interdisziplinären Gruppe ContacTUM der TU München an der Umsetzung. Noch laufen Modellrechnungen, mit denen herausgefunden werden soll, wie viele Menschen mitmachen müssen, damit die App auch wirklich helfen kann, Corona-Infektionen einzudämmen. Das hängt von vielen Faktoren ab, zum Beispiel auch, wie schnell und oft Menschen bei Verdacht getestet werden können.

"Zurzeit sieht es so aus, dass 60 Prozent das absolute Minimum sind, die mitmachen müssen. Wenn aber verschiedene Parameter nicht so günstig sind, dann kann es sein, dass bis zu 80 Prozent mitmachen müssten, damit wir wirklich nur anhand der App die Ausbreitung des Virus kontrollieren können."

Dr. Tina Pollmann, Astroteilchenphysikerin, TU München

Aber auch wenn alles funktioniert: Die wichtigste Frage für viele ist, ob Anonymität und Datenschutz gewährleistet sind, Nutzer also wirklich anonym bleiben. Physiker Kilian Holzapfel beschäftigt sich mit der technischen Umsetzung.   

"Die Herausforderung ist, ich als Infizierter will natürlich anonym bleiben. Daran forschen wir gerade. Das ist technisch sehr aufwändig, aber es ist tatsächlich möglich."

Kilian Holzapfel, Physiker, TU München

Tracing-App: dezentrales System für mehr Datenschutz

Eine mögliche Lösung bietet das in Entwicklung befindliche dezentrale System. Das unterscheidet sich grundsätzlich von einem System mit Zentralserver, auf dem alle persönlichen Daten gesammelt, verwaltet, analysiert und von dem auch bei Gefahr alle anderen benachrichtigt werden. Solch einen Zentralserver soll es zum Beispiel in Frankreich geben.

Beim dezentralen System, das hierzulande eingesetzt werden soll, bleiben persönliche Daten verschlüsselt auf den einzelnen Handys gespeichert. Obwohl es auch bei diesem dezentralen System einen Server gibt, sind damit deutlich mehr Datenschutz und Anonymität möglich.

"Der Server kann mit den Daten nichts anfangen. Nur mein Gerät weiß, ob ich in Kontakt mit einer infizierten Person war, kein anderes Gerät weiß das, auch nicht ein Server. Somit bleibe ich maximal anonym."

Kilian Holzapfel, Physiker, TU München

Tracing-App: Datenschutz by Design

Damit der Datenschutz in der App wirksam umgesetzt wird, ist Prof Dirk Heckmann, Experte für Recht und Sicherheit der Digitalisierung, im interdisziplinären Team der Forscher der TU München mit dabei. Denn Nutzer müssen der App vertrauen können. Die Voraussetzung dafür ist:

"Die App muss auf Freiwilligkeit aufbauen, sie muss datensparsam sein und letzten Endes müssen die Bürger sehr gut und transparent informiert werden. Nur wenn der Datenschutz gewährleistet ist, werden Nutzer der App vertrauen und sie nutzen. Und nur dann kann sie auch funktionieren."

Prof Dr. Dirk Heckmann, Lehrstuhl Recht und Sicherheit der Digitalisierung, TUM School of Governance, TU München

Prof. Heckmann vergleicht die APP mit einem digitalen Fieberthermometer, das den einzelnen schon warnen kann, bevor er mögliche Symptome entwickelt. Allerdings sieht auch er die App nur als einen Baustein im Zusammenspiel mit anderen Maßnahmen.

Digitalisierung: Was bringt sie, was wird bleiben?

Fazit: Corona hat viel in Bewegung gesetzt, aber was davon wird bleiben? Prof. Siegfried Jedamzik ist zuversichtlich.

"Bleiben wird, um das mal ganz allgemein zu sagen, sicherlich die Bereitschaft, sich mit dem Thema Digitalisierung mehr zu beschäftigen. Auch die Voraussetzungen der Telematic-Infrastruktur kommen stärker in den Fokus. Und konkret werden Videosprechstunden und -konferenzen bleiben. Auch das digitale Rezept und die digitale Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung werden kommen. Ich bin wirklich überzeugt, dass der Patient nur Vorteile davon hat. Allerdings muss auch er verantwortungsvoll mit seinen Daten im Gebrauch solcher Möglichkeiten umgehen."

Prof. Dr. med. Siegfried Jedamzik, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bayerische Telemedallianz, Baar-Ebenhausen

Schon jetzt scheint klar: Nach der Corona-Pandemie werden viele Patienten vom Digitalisierungsschub in der Medizin profitieren. Rechtsexperte Prof. Dirk Heckmann begrüßt diese Entwicklung grundsätzlich. Aber er fordert auch, die Entwicklung insgesamt kritisch zu reflektieren und zu begleiten. 

"Ich begrüße sehr, dass durch die Digitalisierung unser Gesundheitswesen modernisiert wird, was uns allen nutzt. Man muss aber diese Entwicklung natürlich auch kritisch reflektieren, welche Fernwirkungen daraus entstehen. Die Frage ist, ob der Mensch möglicherweise durch algorithmische Systeme am Ende komplett vereinnahmt wird. Dies entspricht dann möglicherweise nicht mehr dem Menschenbild unseres Grundgesetztes."

 Prof Dr. Dirk Heckmann, Lehrstuhl Recht und Sicherheit der Digitalisierung, TUM School of Governance, TU München


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