BR Fernsehen - Gesundheit!


4

Spätfolgen von Covid-19 Wenn nach der Erkrankung Symptome bleiben

Es klingt erstmal gut: Der Großteil der Covid-19-Infizierten in Deutschland gilt als genesen. Doch „genesen“ heißt nicht unbedingt, dass es den Menschen wieder gut geht. Manche kämpfen noch lange mit Symptomen. Noch gibt es kaum zuverlässige Daten, doch es scheint, dass neben der Lunge zum Beispiel auch Herz, Leber, Nieren oder der Darm betroffen sein können.

Von: Veronika Keller

Stand: 14.09.2020

Mit einer häufigen Spätfolge hat Madeleine zu kämpfen. Sie war im März mehrere Wochen an Covid-19 erkrankt, allerdings relativ leicht. Trotzdem leidet sie seit Monaten unter Luftnot. Vor Covid-19 war sie gut trainiert. Heute kommt sie beim Sport, oder auch schon bei längerem Treppensteigen an ihre Grenzen.

"Man atmet einfach extrem schwer, es ist schon eine Atemnot. Ich habe früher ganz oft telefoniert, während ich irgendwo hingelaufen bin. Jetzt ist es mir oft zu viel zu sprechen und gleichzeitig zu gehen."

Madeleine, hatte im März Covid-19

Lungenfunktion länger beeinträchtigt

Am Münchner Uniklinikum wird sie seit ihrer Erkrankung weiter betreut – auch zu Studienzwecken. Sie ist froh, dass es mit ihrer Lungenfunktion in den letzten Monaten stetig bergauf ging. Dr. Elham Khatamzas leitet die Nachsorge-Ambulanz am Klinikum Großhadern. Dass auch so junge und fitte Menschen wie Madeleine lange mit Folgen kämpfen, überrascht sie nicht, denn das komme auch bei anderen Viruserkrankungen vor.

"Es ist jetzt so, dass wir uns natürlich sehr auf Covid-19 fokussieren aufgrund der Pandemie. Aber wir wissen, dass Patienten zum Beispiel nach einer Influenza auch lange symptomatisch sind. Und das können genau solche Patienten sein wie die Patientin, die wir heute gesehen haben."

Dr. Dr. med. Elham Khatamzas, Infektiologin, Klinikum der Universität München

Verlust des Geruchssinns

Ein anderes Symptom, das vielen bleibt, ist der Verlust des Geruchssinns. Luise Jahnke ist davon betroffen. Im März hatte die Studentin ihre Covid-19-Infektion nach gut einer Woche zu Hause überstanden – eigentlich. Doch seitdem sind die Gerüche aus ihrem Leben verschwunden, der Duft von heißer Schokolade ist zurzeit nur eine Erinnerung für sie.

"Man kann seinen Alltag ganz normal bestreiten. Es ist nur etwas von der Freude verschwunden, die man empfindet, wenn man Dinge riecht und schmeckt. Zum Beispiel der Geruch von angebratenen Zwiebeln, den jeder irgendwie gut findet, der fehlt mir."

Luise Jahnke, war nur eine Woche an Covid-19 erkrankt

In der Uniklinik Erlangen nimmt sie an einer Studie zu dieser Spätfolge teil. Neurowissenschaftlerin Prof. Jessica Freiherr macht einen Geruchstest mit ihr. Mit Hilfe von Duftstiften überprüft sie, welche Gerüche die Patientin wiedererkennt. Bei manchen klappt es, bei anderen nicht.

Wieder riechen durch ein Riechtraining

Erste Daten deuten darauf hin, dass dieses Symptom meist früh in der Erkrankung kommt und danach oft eine Weile bleibt. Mit einer Studie versuchen Prof. Jessica Freiherr und ihre Kollegen weltweit mehr über die Dauer und die Ausprägung des Symptoms herauszufinden. Das wären wichtige Erkenntnisse, denn über die Nase könnte das Coronavirus ins Gehirn gelangen.

"Die Geruchsrezeptoren liegen ganz oben im Nasendach. Sie sind im Prinzip die Verbindung von der Außenwelt zum Gehirn. Dass wir diesen Effekt mit dem reduzierten Geruchssinn in der Infektion haben, ist ein starkes Indiz dafür, dass auch andere neurologische Schäden im Nachgang kommen."

Prof. Dr. rer. biol. hum. Jessica Freiherr, Neurowissenschaftlerin, Universitätsklinikum Erlangen

Ihr Testergebnis lässt Luise Jahnke Hoffnung schöpfen, denn ihr Geruchssinn ist nicht komplett verschwunden. Vieles deutet darauf hin, dass ein Riechtraining helfen kann, den Sinn zurückzugewinnen. Dafür soll sie mehrmals täglich konzentriert an Dingen schnuppern, die sie zu Hause hat. Sie ist sehr motiviert. Denn mit einem Leben ohne Düfte möchte sie sich nicht abfinden.

Spätfolgen durch Covid-19 oder den Intensivaufenthalt?

Auch am Klinikum rechts der Isar in München läuft eine Studie zu den Folgen von Covid-19. Während der ersten Welle leitete Dr. Lahmer die Covid-Intensivstation. Seine Patienten beobachtet er seitdem weiter. Manche leiden noch unter Folgen.

"Seien es Nervenschädigungen, Abgeschlagenheit, Müdigkeit, und auch ein langer Weg zurück in den Alltag. Ich glaube aber, da müssen wir noch viel untersuchen, um zu sehen: Was ist die Viruserkrankung und was sind Folgen vom Intensivaufenthalt an sich."

PD Dr. med. Tobias Lahmer, Leiter der internistischen Intensivstation, Klinikum rechts der Isar, München

Wen treffen die Spätfolgen?

Neben Befragungen der Patienten macht er Tests der Lungen- und Herzfunktion, Laboruntersuchungen und bildgebende Verfahren, um einen möglichst umfassenden Eindruck zu bekommen. Aber noch gibt es wenig Klarheit darüber, warum manche Patienten von Spätfolgen betroffen sind und andere nicht.

"Ich denke, da spielen individuelle Faktoren hinein, genetische Faktoren, irgendwelche prädisponierende Faktoren, die wir so nicht offensichtlich erkennen und wo wir auch noch ganz am Anfang sind, das überhaupt zu verstehen."

PD Dr. med. Tobias Lahmer, Leiter der internistischen Intensivstation, Klinikum rechts der Isar, München

Insgesamt ist er zuversichtlich. Denn viele Patienten, die er nach einer Covid-19-Erkrankung entlassen hat, berichten inzwischen wieder von einer guten Lebensqualität.


4