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Langzeitschäden von Covid-19 Corona: Was richtet das Virus im Körper an?

Wer sich mit Covid-19 infiziert und die Krankheit überstanden hat, fühlt sich oft erst mal sicher. Doch leider kann es auch in Folge einer Erkrankung noch zu gesundheitlichen Spätfolgen kommen. Erst nach und nach gibt es hier die ersten Erkenntnisse.

Von: Susanne Wimmer

Stand: 04.05.2020

Was Covid-19 zu einer so tückischen Krankheit macht ist, dass sie schnell übertragbar ist: Viren aus dem Rachenraum springen leicht über. Gefährlich wird es, wenn diese in die Lunge übergehen. Dann kann es zu lebensbedrohlichen Verläufen kommen: Lungenentzündung - Krankenhaus - künstliche Beatmung.

Anders als eine klassische Lungenentzündung

In der Lungenfachklinik in Donaustauf beschäftigt sich Chefarzt Prof. Michael Pfeifer mit diesem Phänomen. Vergleicht er die CT-Bilder von Covid-19-Patienten mit denen einer klassischen Lungenentzündung, sieht er einen großen Unterschied: Bei einer Corona-Infektion sammelt sich zu Beginn der Krankheit nur wenig Flüssigkeit in der Lunge. Diese Stellen sehen dann aus wie weiße Schlieren – oder wie Milchglas.

"Die Lunge ist an dieser Stelle eben noch nicht so geschädigt und dann sehen wir, dass sehr viel gesundes Lungengewebe und Lungenvolumen noch vorhanden ist. Deswegen ist die Dehnbarkeit der Lunge bei diesen Patienten zu Beginn der Erkrankung eben noch nicht eingeschränkt."

Prof. Dr. med. Michael Pfeifer, Pneumologe, Medizinischer Direktor, Klinik Donaustauf

 Warum nimmt Corona manchmal einen schlimmen Verlauf?

Doch das kann sich schlagartig ändern. Auf den CT-Bildern färben sich schwarze, mit Sauerstoff gefüllte Bereiche, weiß. Es entstehen sogenannte Konsolidierungen – wie etwa Entzündungen, die den Gasaustausch erschweren. Warum Covid-19 beim einen Patienten einen solchen Verlauf nimmt, bei einem anderen jedoch nicht, ist für Mediziner wie Prof. Micheal Pfeifer nach wie vor ein Rätsel.

"Das ist die Gretchenfrage. Wir wissen es nicht. Wir wissen inzwischen, dass es wohl auch genetische Faktoren gibt, warum der Eine empfänglicher ist als der Andere. Es wird auch diskutiert, ob die Menge der Viren, die zu Beginn zur Infektion geführt hat, bei dem Einen viel höher war als bei dem Anderen. Und es hängt natürlich auch mit der persönlichen Konstitution des Patienten zusammen."

Prof. Dr. med. Michael Pfeifer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e.V.

Patienten verspüren oft keine Atemnot

Das Verrückte ist: Patienten nehmen ihren Zustand oft gar nicht als bedrohlich wahr. Sie verspüren keine Atemnot, sagt Dr. Florian Amor, Oberarzt auf der Intensivstation in Schongau. Dabei sind ihre Sauerstoff-Werte bereits alarmierend. Grund könnte sein, dass das Virus die kleinsten Gefäße der Lunge befällt. Das verhindert, dass eine ausreichende Sauerstoffzufuhr zum Blut stattfinden kann.

"Aber die Lunge an sich, das Gerüst ist noch gesund, in Anführungsstrichen. Das heißt, der Körper sagt: Ich brauche Sauerstoff - atme! Und der Patient atmet. Er atmet dann 30 bis 40 Mal die Minute und schafft es auch, das Volumen zu erreichen, das der Körper ihm vorgibt. Deswegen kommt die Rückmeldung: Hey, das passt eigentlich und deswegen haben die Patienten wahrscheinlich keine Atemnot."

OA Dr. med. Florian Amor, Intensivmediziner, Klinik Schongau

Gute Erfahrung mit High-Flow

Je nach Schwere der Erkrankung kann es sein, dass Patienten künstlich beatmet werden müssen. Solange der Zustand es erlaubt, können andere, nichtinvasive Therapien eingesetzt werden. In Schongau haben sie gute Erfahrungen mit sogenannten High-Flow-Geräten gemacht. Der Patient bleibt bei Bewusstsein und erhält über eine Nasenbrille angewärmte Luft. Das tut den meisten sehr gut, weil es ihnen die Atemlast nimmt, sagt Atmungstherapeutin Manuela Mußbach. In der Folge wird auch die Atemfrequenz niedriger. Unterstützen können dabei Übungen, die eigentlich vom Yoga stammen.

"Wir legen die Hand zum Beispiel auf die Schulter und sagen: Versuchen Sie mal den Atem in Richtung dieser Schulter zu lenken. Man macht dann einfach nur ein bisschen Druck drauf und sie sollen sich nur konzentrieren. Wenn man das selber mal ausprobiert, das geht wunderbar. Das kommt aus dem Yoga und die Leute fahren runter, sie sind beruhigt und haben natürlich Ansprache."

Manuela Mußbach, Atmungstherapeutin auf der Intensivstation, Klinik Schongau

Rätsel über Langzeitschäden

Zu welchen Langzeitschäden eine Corona-Infektion führen kann, will Professor Pfeifer anhand einer Registerstudie herausfinden. Dafür sollen Patienten wiederholt nachuntersucht werden. Denn natürlich kann auch das lebenserhaltende Intubieren unter Umständen zu Lungen-Schäden führen.

Spätfolgen der Covid-Erkrankung könnten Lungenfibrosen, also Vernarbungen des Lungengewebes, -Embolien oder Thrombosen sein. Erste Obduktionen deuten darauf hin – gesicherte Langzeitbeobachtungen fehlen. Klar ist inzwischen, dass Covid-19 den ganzen Körper betrifft und auch andere Organe, wie Herz oder Gefäße schädigen kann.

Pneumologe Prof. Pfeifer hält darüber hinaus langfristige Auswirkungen auf das Gefäßsystem der Lunge für möglich. „Wir beobachten deutlich mehr Lungenembolien als wir sonst erwarten würden.“ Doch dazu fehlen schlicht noch Langzeitwerte. Klar ist inzwischen, dass Covid-19 den ganzen Körper betrifft und auch andere Organe, wie Herz oder Gefäße schädigen kann.

"Das ist ein Phänomen, das noch nicht verstanden ist. Aber was eben in diesen ganzen Untersuchungen aufgefallen ist, dass sehr wahrscheinlich das Gefäßsystem - oder die Erkrankung oder die Schädigung des Gefäßsystems - eine wesentliche Rolle spielt. Was wir nicht wissen ist, ob diese Schädigung direkt durch das Virus induziert wird oder durch die schwere Entzündungsreaktion, die das Virus durch seine Infektion im ganzen Körper auslöst."

Prof. Dr. med. Michael Pfeifer, Pneumologe, Medizinischer Direktor, Klinik Donaustauf

 Weil zu diesem Thema weltweit intensiv geforscht wird, geht Prof. Pfeifer davon aus, dass in den nächsten Wochen und Monaten deutlich mehr Informationen vorhanden sein werden, auf die man reagieren und auch gezielte Therapien einsetzen kann.


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