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Schmerztherapie in der Coronakrise Werden chronisch Kranke ausreichend versorgt?

Diabetiker, Schmerz- und Krebspatienten leiden noch mehr unter Corona als Gesunde. Reha- und Schmerzkliniken arbeiten nur noch mit halber Kraft oder sind sogar ganz geschlossen. Notwendige Schulungen und Therapien werden ausgesetzt. Viele Patienten trauen sich auf Grund drohender Ansteckung nicht mehr in die Praxen. Welche Folgen hat das, und wie kann zumindest eine Minimalversorgung sichergestellt werden?

Von: Antje Maly-Samiralow

Stand: 17.05.2020

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft ist besorgt um die Betreuung der Diabetes-Patienten. Viele trauen sich aus Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus nicht mehr in Arztpraxen und Kliniken.

Chronisch Kranke meiden Kliniken und Arztpraxen

Diabetes-Patienten müssen jedoch regelmäßig untersucht werden, damit ihre medikamentöse Therapie richtig eingestellt ist und starke Blutzuckerschwankungen vermieden werden.

"Wir sehen zunehmend häufiger, dass Patienten mit Diabetes nicht zu ihren Kontrollterminen erscheinen oder diese sogar absagen. Das ist insofern problematisch, weil dadurch auch die Qualität der Stoffwechseleinstellung sicherlich leidet und diese Patienten sicherlich auch längerfristig Komplikationen bekommen werden. Besonders fatal ist natürlich, dass Patienten mit einem schlecht eingestellten Diabetes letztlich bei den Covid-19-Erkrankungen häufig einen fatalen Outcome haben. Das heißt, sie bekommen häufiger eine Lungenentzündung oder auch mal ein Nierenversagen."

Prof. Dr. med. Günter Stalla, Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie, München

75 Prozent der Fachkliniken für Schmerzmedizin geschlossen

Auch Patienten mit schweren chronischen Schmerzen konnten infolge der Coronakrise nicht adäquat behandelt werden. Laut Berufsverband der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin in Deutschland e.V. sind seit Anfang März 75 Prozent der stationären schmerzmedizinischen Einrichtungen in Krankenhäusern, die Patienten mit schweren chronischen Schmerzen teil- und vollstationär behandeln, wegen Covid-19 geschlossen.

Der Berufsverband geht davon aus, dass 4.000 bis 7.000 Patienten mit schweren chronischen Schmerzen aufgrund der Einschränkungen nicht mehr in Krankenhäusern versorgt werden können.

"Die Politik hat entschieden, dass Patienten, die nicht lebensbedrohlich erkrankt sind, derzeit nicht stationär behandelt werden dürfen. Das betrifft auch unsere chronischen Schmerzpatienten, die natürlich nicht lebensbedrohlich erkrankt sind. Sie werden aber durch das Schließen der Betten jeglicher notwendigen Therapie beraubt."

Dr. med. Reinhard Thoma, Facharzt für Anästhesiologie und Spezielle Schmerztherapie, München

Patienten warten länger auf Therapieplatz

Die Wartezeiten für stationäre oder teilstationäre sogenannte multimodale Schmerztherapien betrugen schon vor der Coronakrise im Durchschnitt mehrere Monate bis zu einem halben Jahr.

Auch wenn die Einrichtungen allmählich wieder den Betrieb aufnehmen können, werden sie aufgrund der Abstandsregeln deutlich weniger Patienten versorgen können als dies bislang möglich war. Das bedeutet konkret, dass Patienten künftig deutlich länger auf einen Therapieplatz warten müssen.

In der Konsequenz heißt das nicht nur, dass die Betroffenen ihre Schmerzen länger ertragen müssen, sondern auch, dass das Risiko damit einhergehender psychischer Belastungen bis hin zu Depressionen ansteigt.


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