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Bayerische Teststrategie Wie sinnvoll sind Corona-Tests für jedermann?

Schneller, kostenlos und für jedermann - so lautet Bayerns Corona-Testkonzept. Kritiker warnen: Negative Testergebnisse könnten Getestete in falscher Sicherheit wiegen. Eine sinnvolle Maßnahme?

Von: Kathrin Wiewe

Stand: 20.07.2020

Seit dem 1. Juli sind Tests in Bayern für alle kostenlos zugänglich. Bayern ist damit Vorreiter in Deutschland. Testen lassen kann sich jede Person, auch ohne Symptome und ohne Kontakt mit einer infizierten Person gehabt zu haben. Die einzige Voraussetzung: die Test-Person muss in Bayern gemeldet sein.

Großer Aufwand für Hausärzte

Den Test kann man bei jedem Hausarzt machen, der am Testprogramm teilnimmt. Telefonisch geben Praxen Auskunft, ob sie die Tests für Jedermann anbieten. Laut Gesundheitsministerin Melanie Huml, ist die Versorgung durch die Hausärzte gut, viele nehmen teil.

Dr. Abbushi, Allgemeinmediziner in Oberhaching, führt in seiner Praxis die kostenlosen Tests auf Covid-19 durch. In kurzer Zeit hat sich die Zahl derer, die sich bei ihm freiwillig testen lassen wollen, verdoppelt.

"Man muss natürlich auch schauen, wieviel Kapazitäten haben wir in Bayern zum Testen. Und wir dürfen natürlich nicht riskieren, dass die Gruppen, die dringend getestet werden sollen, vielleicht hinten runterfallen. Insofern brauchen wir schon eine Priorisierung und eine gewisse Vorgabe."

 Dr. med. Oliver Abbushi, Allgemeinmediziner und Bezirksvorsitzender München, Bayerischer Hausärzteverband

Die Tests sind für ihn und seine Mitarbeiter ein großer Aufwand: Für jede Person, die kommt, braucht die Praxis etwa 20 bis 30 Minuten Zeit. Aktuell sind es etwa 15 bis 20 Personen pro Woche.

"Ich denke, man sollte sicherstellen, dass die Personen konsequent getestet werden, die in vulnerablen Bereichen arbeiten - Kindergärten, Kitas, Altenheime, Krankenhäuser, et cetera. Und alle anderen, die symptomfrei sind, oder auch Urlauber, die meinen irgendwohin fahren zu müssen, wo sie einen Test brauchen - das steht sicherlich an allerletzter Stelle."

 Dr. med. Oliver Abbushi, Allgemeinmediziner und Bezirksvorsitzender München, Bayerischer Hausärzteverband

Maximal eine Woche müssen freiwillig Getestete auf ihr Ergebnis warten - dieses Zeitfenster setzt die Regierung den Laboren. Patienten mit Symptomen sollen ihr Ergebnis in maximal 24 Stunden bekommen, sie haben Vorrang.

Negative Testergebnisse können zu Unachtsamkeit verleiten

Tests von Leuten, die sich gesund fühlen - Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sieht diese Maßnahme bisher kritisch. Infektionsepidemiologe Dr. Friedemann Gebhardt vom Klinikum rechts der Isar findet mehr Tests sinnvoll, allerdings nicht völlig ungezielt:

"Wir haben in München um die fünf Neuerkrankungen in sieben Tagen auf 100.000 Einwohner. Das heißt, um eine Person wirklich zu identifizieren, müssten um die 20.000 Personen gescreent werden. Auch eine infektiöse Person kann ein paar Tage später möglicherweise erst das Virus ausscheiden. Und natürlich verhindert ein negatives Testergebnis nicht, dass Sie sich bei weiteren Kontakten zu einem späteren Zeitpunkt infizieren können und dieses negative Testergebnis Sie so in einer falschen Sicherheit wiegt."

Dr. Friedemann Gebhardt, Infektionsepidemiologe, Medizinische Mikrobiologie, TU München

Die Bayerischen Labore sind aktuell schon an der Grenze ihrer Test-Kapazitäten - ohne zusätzliche Tests, die nicht auf Verdachtsfällen beruhen. Um mehr Testkapazitäten kümmert sich die Staatsregierung aktuell.

Staatsregierung hält an Maßnahme fest

Können Testkapazitäten für Freiwillige bestehen bleiben, wenn im Herbst alle Leute mit Infekten getestet werden müssen? 

"Wir werden sicherlich auch mal prüfen, inwieweit mancher vielleicht mehrfach dieses Angebot nutzt und ob wir es dann vielleicht von der Anzahl her pro Person etwas einschränken müssen. Momentan haben wir das noch nicht vor, aber das ist etwas, was sich die nächsten Monate zeigen wird."

Melanie Huml, Bayerische Staatsministerin für Gesundheit und Pflege

Gezielte Tests sollen in bestimmten Bereichen durchgeführt werden:

"Das eine ist das Testangebot für die Bevölkerung, sich testen zu lassen ohne Kosten dabei zu haben. Das andere ist, dass wir auch hier weiterhin strategisch vorgehen. Das heißt, dass wir sehr wohl auch in Seniorenheimen testen, dass wir auch bei Schlachthöfen weiter testen. So eine Testung entbindet nicht davon, weiter vorsichtig zu sein."

 Melanie Huml, Bayerische Staatsministerin für Gesundheit und Pflege


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